Gebärden-Chor "Sing & Sign":Mit den Händen singen

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20 Schülerinnen und Schüler der Samuel-Heinicke-Realschule performen einen Popsong in Gebärdensprache. Mit der Aktion will der Chor "Sing & Sign" junge Gehörlose in der Gesellschaft sichtbarer machen

Von Benjamin Stolz, Nymphenburg

Wenn sich die Mitglieder des Chors "Sing & Sign" online zur Probe treffen, dann sind die Mikrofone stumm geschaltet. An diesem Tag ist ausnahmsweise eine Dolmetscherin dabei, die von der Deutschen Gebärdensprache (DGS), dem wichtigsten Instrument des Chors, in die Lautsprache der Hörenden übersetzt. Bevor es losgeht, nehmen die Mitglieder ihre Standardposition ein - etwas weiter weg von der Kamera und vor möglichst neutralem Hintergrund. Als gehörlose Person braucht man den gesamten Oberkörper zum "signen", dem englischen Wort für "gebärden". Als die Abstände schließlich passen, schnellen aus mehreren digitalen Fenstern zwei Finger nach vorne. Lippen formen die lautlose Buchstabenfolge "O.k." Alle sind startklar.

Sing & Sign ist ein Chor von überwiegend gehörlosen und schwerhörigen Schülerinnen und Schülern der Samuel-Heinicke-Realschule in Nymphenburg. Für ein zunächst schulinternes Projekt hatten sechs sprachtalentierte Kinder aus der sechsten und neunten Klasse unter der Leitung ihrer Englischlehrerin und einer engagierten Mutter den Text des Popsongs "Best of Us" von Wier (Stefanie Heinzmann, Lotte, Kelvin Jones und Sasha) aus der Laut- in Gebärdensprache übersetzt. Mit 14 weiteren Schülern produzierte der Chor im Anschluss ein barrierefreies Musikvideo.

Als sich die Gruppe entschied, den Clip Anfang des Jahres bei einem landesweiten Chorwettbewerb des Bayerischen Rundfunks einzureichen, gewann sie auf Anhieb den dritten Platz in der Kategorie "bestes Digitalprojekt". "Früher haben wir öfter mit Abschlussklassen ein Lied gebärdet. Jetzt wollen wir auch die Öffentlichkeit teilhaben lassen", sagt Susanne John Wuol, hörende Englischlehrerin an der Realschule. In der Pandemie sei das Leben von Gehörlosen noch schwerer geworden. "Die Hörenden können mit Masken gut sprechen und sich verständigen, wir Gehörlosen haben da weniger Chancen", deutet Miriam Pflugfelder. Corona ist ein Riesenthema unter den Zwölf- bis Vierzehnjährigen. Die Dolmetscherin kommt mit dem Übersetzen kaum nach. "Hörende haben keine Barriere, Gebärdensprache zu lernen", zeichnet Cal Borak in die Kamera, "wir werden immer gehörlos bleiben."

Gerade mit einem selbst gemachten Musikvideo wollen die gehörlosen Kinder und Jugendlichen deutlicher wahrgenommen werden. Musik, so eine der Botschaften des Projekts, können auch sie wiedergeben und genießen. Ben Kermer etwa mag Hip-Hop. "Ich liebe Musik, die sehr viel Rhythmus hat", gebärdet der 13-Jährige in seine Laptop-Kamera. Er zeigt der Runde seine Lautsprecherbox, die mithilfe einer kleinen Lichtanlage Beats visualisiert. Für Miriam ist das Erleben von Musik durch den fehlenden Hörsinn nicht begrenzt, sondern sogar erweitert: "Wir fühlen die Vibrationen des Basses am Körper. So nehmen wir die Musik noch stärker wahr." Manche Kinder im Chor besitzen eine sogenannte Resthörigkeit. Schülerinnen wie Lea Wirsching können mit einem Hörimplantat "recht gut verstehen".

Für Sätze in Lautsprache oder gar Texte in einem Popsong reicht das Hören der Kinder und Jugendlichen keinesfalls aus. Zuerst mussten die Schüler den stellenweise deutsch- und englischsprachigen Song in DGS und "American Sign Language" (ASL) übersetzen. Weltweit gibt es mindestens 150 verschiedene Gebärdensprachen, zusätzlich noch Dialekte und Varianten. Viele dieser Sprachen sind ähnlich strukturiert. Trotzdem deutet Laura Förster: "Es gibt keine Sprache, die für die ganze Welt passt." Schwierigkeiten ergaben sich nicht nur in der zweisprachigen Übersetzung, sondern auch in der notwendigen Raffung und Dehnung einzelner Verse. "Manchmal ist die DGS schneller, manchmal die Lautsprache", erklärt Susanne Kermer, die gehörlose Mutter zweier Chormitglieder.

Cal hat sich vor allem bei der Übertragung von Metaphern den Kopf zerbrochen. An der englischen Phrase "high and low" musste er lange knobeln: "Die Wörter 'hoch' und 'tief' haben in unserer Sprache eine rein visuelle Bedeutung. Die Tatsache, dass es im Leben metaphorische Höhen und Tiefen gibt, musste in der DGS anders übersetzt werden." Als der Text endlich stand, wurde geprobt. Susanne John Wuol erinnert sich an ein paar Präsenzstunden, in denen die Schüler der sechsten und der neunten Klasse räumlich getrennt übten: "Wir haben dann einfach durch eine Glasscheibe gesignt". Der Großteil der Proben fand jedoch online statt. Körnig übertragene Bilder, Latenzen im Breitband oder schlechte Laptop-Kameras machen Chorproben und Besprechungen für die Gehörlosen manchmal zum Geduldakt. "Diese Zwei-D-Situation ist für uns schwierig", gebärdet Miriam Pflugfelder. Ungefähr 80 000 Gehörlose und 140 000 Schwerhörige in der Bundesrepublik sind im alltäglichen Leben auf Gesprächsdolmetscher angewiesen, die im Kontakt mit staatlichen Einrichtungen oder im Gesundheits-, Arbeits- und Bildungsbereich auch rechtlich garantiert sind. Im von den Hörenden dominierten Alltag müssen Gehörlose oft ohne Übersetzung auskommen. Susanne Kerner ärgert sich über nicht gedolmetschte Live-Streams. Laura fragt sich, warum Kinos nicht einfach automatisch Untertitel einstellen.

Die auf Youtube zu findende Sign-Version von "Best of Us" dreht den Spieß um und hat keinen Ton. Wer als Hörender parallel dazu die Original-Version abspielt, erkennt gut, wie genau die beiden Versionen zusammenpassen. Mit Aktionen wie dem Auftritt im BR hofft der Chor der Nymphenburger Realschule, dass die Öffentlichkeit auch denen, die nicht hören, künftig öfter zuhört. Die Einnahmen ihres Musikvideos spenden die Schüler passend zum Text, in dem es um Solidarität und Inklusion geht, an die "Aktion Mensch" und an die Entwicklungsorganisation "Viva con Agua". Wie war es damals, vor so vielen Menschen zu signen und den dritten Preis mit nach Hause zu nehmen? Miriam und Lea drehen einen gekrümmten Zeigefinger an der Wange. In Lautsprache heißt das "cool".

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