Süddeutsche Zeitung

Sanierung:Gasteig: Große Mehrheit für ursprünglichen Sieger

  • Der Auftrag für die Sanierung des Gasteigs wird auch zum zweiten Mal an den Münchner Architekten Gunter Henn vergeben.
  • Die ersten Beschlüsse hatte die Vergabekammer Südbayern Anfang Januar wegen gravierender Mängel aufgehoben.
  • Eine zentrale Idee des Entwurfs des Büros Henn ist ein gläserner Anbau in Richtung Rosenheimer Straße, den der Architekt selbst "Kulturbühne" nennt.

Der Münchner Architekt Gunter Henn hat in seiner Karriere schon einiges erlebt, auch so manche rumpelnde Vergabe. Ein Lehrstück für eine solche hat er gerade in seiner Heimatstadt mitverfolgt, als direkt Betroffener. Am Mittwochnachmittag trat das aber in den Hintergrund, schließlich hat er kurz nach neun Uhr nun erneut den Auftrag erhalten, die Sanierung des Gasteigs nach seinem Entwurf umzusetzen.

"Wir freuen uns natürlich sehr, dass sich der Stadtrat und zuvor der Gasteig nun wiederholt für uns entschieden haben", sagte Henn. Tatsächlich haben sich die beiden Gremien zum zweiten Mal für ihn ausgesprochen. Die ersten Beschlüsse hatte die Vergabekammer Südbayern Anfang Januar wegen gravierender Mängel aufgehoben.

Eine zentrale Idee des Entwurfs des Büros Henn ist ein gläserner Anbau in Richtung Rosenheimer Straße, den der Architekt selbst "Kulturbühne" nennt. Er soll über drei Stockwerke hinweg die verschiedenen Institutionen wie etwa die Philharmonie und die Bibliothek miteinander vernetzen und den Zwischenraum beleben wie ein Marktplatz eine Stadt.

"Wir haben damit etwas entwickelt, das den Gasteig insgesamt entwickelt", ist Henn überzeugt. Bewusst greife er damit die Idee des vernetzten Kulturbetriebs auf, den schon die Architekten beim Bau des Gasteigs in den Achtzigerjahren im Sinn gehabt hätten. Damals war in der Gesellschaft noch eine rein funktionale Verbindung gewünscht, die er nun in eine lebendige Interaktion der Kulturbetriebe in der Gegenwart umsetzen wolle. Aus diesem Grund sei ihm auch vor den Gesprächen mit den Alt-Architekten nicht bange, sagt Gunter Henn.

Die Einigung mit den Inhabern der Urheberrechte aus dieser Zeit gilt als nächste große Hürde der Sanierung. Für diese sprach bisher vornehmlich Eike Rollenhagen, der eine eindeutige Präferenz für den Henn-Entwurf gezeigt hatte. Im besten Fall seien die zu erwartenden Gespräche "bereichernd", sagte Gunter Henn. Knackpunkte könnten die Fassade und die sogenannte Bastion werden, die den Gasteig wie eine Burgmauer von der Rosenheimer Straße abgrenzt. Beides will der Architekt durchbrechen oder zumindest luftiger gestalten. Zudem sieht sein Entwurf ein Restaurant auf dem Dach des Gasteigs mit Blick auf die Innenstadt vor.

Wie sehr das Gezerre um den Wettbewerb und die gescheiterte erste Vergabe an den Nerven der Gasteig-Verantwortlichen gezehrt hat, zeigte sich an ihrer Reaktion am Mittwoch. Aufsichtsratschef und Bürgermeister Manuel Pretzl (CSU) sowie Geschäftsführer Max Wagner äußerten sich nicht. Sie wollen die zehntägige Frist abwarten, in welcher der einzige verbliebene Konkurrent, Wulf Architekten aus Stuttgart, rechtlich gegen die Vergabe vorgehen kann.

Man sei schon sehr enttäuscht über das Scheitern, hieß es dort, noch mehr aber über die Art des Verfahrens. "Wir werden es auf jeden Fall nochmals mit unseren Anwälten überprüfen", sagte Tobias Wulf. Es sei zuletzt nur mehr darum gegangen, Punkte beim Ablauf des Projekts zu sammeln, die Architektur habe keine Rolle mehr gespielt.

Das hatte auch der dritte gleichberechtigte Sieger des Wettbewerbs, das Büro Auer und Weber, beim zweiten Anlauf der Vergabe kritisiert und war frustriert ausgestiegen. Beide sahen bei der Stadt von Anfang an eine Priorität für den Konkurrenten Henn, der durch frühere Aufträge im Gasteig einen Wissensvorsprung besessen habe. Die Vergabe führe München "in eine architektonische Sackgasse", sagte Wulf.

Im Stadtrat fand sich eine große Mehrheit für den Henn-Entwurf. Selbst die SPD, die sich für eine deutlich abgespeckte Sanierung ausspricht, stimmte zu. Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD) nannte keine Namen, bestätigte aber, dass nun mit Ablauf der Frist die Vorplanung beginne. Er stellte sich wie seine Fraktion hinter die Sanierung, will aber auch noch prüfen, ob alle Teilprojekte in der geplanten Tiefe realisiert werden müssten.

Der SPD sind die veranschlagten 450 Millionen Euro zu teuer, sie will lieber auf den Betrag von 300 Millionen für eine Grundsanierung kommen. Wichtig sei nun, dass so schnell wie möglich auch Rechtssicherheit im Umgang mit den Urheberrechten hergestellt werde, sagte Reiter. "Der Gasteig hat es verdient, dass man ihn in einen zeitgemäßen Zustand bringt."

Gunter Henn steht dafür bereit. Geistig liefen die Arbeiten schon, nach Ablauf der Frist dann auch physisch. "Die Bedingungen sind bekannt, da muss dann nur noch die Tinte trocknen", sagte Henn.

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SZ vom 27.06.2019/kaal
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