Entscheidung im Stadtrat Streit über Gasteig-Entwurf: "Mutlosigkeit trifft Murks"

Beim überarbeiteten Entwurf des Architekturbüros Henn sind die Bänder aus Glas, die die Fassade durchbrechen, noch dominanter geworden.

(Foto: Architektur Henn/Visualisierungen MIR)
  • Der Stadtrat hat entschieden, auf welche Weise das Kulturzentrum Gasteig saniert werden soll. Den Zuschlag bekamen Entwürfe des Büros Henn aus München.
  • Alle Architekten hatten ihre Entwürfe noch einmal überarbeiten müssen - wegen der komplizierten Rechtslage mit den Ur-Architekten.
  • Die bei der Vergabe unterlegenen Architekten sehen klare Rechtsverstöße. Sie haben bereits rechtliche Schritte angekündigt.
Von Alfred Dürr und Heiner Effern

Der Gasteig soll nach den Entwürfen des Architekturbüros Henn aus München saniert werden. Das beschloss der Stadtrat am Mittwoch in nicht-öffentlicher Sitzung gegen die Stimmen der Grünen und der FDP. Damit folgte die Politik der Empfehlung des Gasteig-Aufsichtsrats und auch des Bewertungsgremiums, das die drei nach dem Wettbewerb verbliebenen Entwürfe entsprechend beurteilt hatte. Ob die Wahl des Stadtrats rechtlich haltbar ist, muss sich noch beweisen. Die beiden unterlegenen Architekten haben bereits angekündigt, dass sie dagegen vorgehen werden. Sie sehen die Grundregeln eines fairen Wettbewerbs verletzt.

Das Büro Henn hat, wie die beiden Konkurrenten, den Entwurf nochmals überarbeitet. Die wesentlichen Ideen blieben aber erhalten. Die zwei Bänder aus Glas, die die geschlossene Fassade des Kulturzentrums durchbrechen, sind den Visualisierungen zufolge noch dominanter geworden. Gasteig-Chef Max Wagner kommt ins Schwärmen. "Wir freuen uns unglaublich. Der Gasteig leuchtet - nach außen und innen. Das übersetzt dieser Entwurf auf grandiose Weise in Architektur ", sagte er nach dem Stadtratsentscheid. "Ein leuchtendes Band verbindet alles und alle." Der neue Gasteig werde ein architektonisches Markenzeichen, weit über München hinaus.

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Gasteig-Aufsichtsratschef und Bürgermeister Josef Schmid (CSU) lobt die "städtebaulich sehr gelungene Einbindung" des Kulturzentrums. Vor allem aber habe Henn "in puncto Funktionalität sehr stark überzeugt". Der Gasteig solle ein "Kulturzentrum für die Menschen" bleiben, egal ob sie dort die Bibliothek, die Volkshochschule oder die Philharmonie besuchten. Spannend wird zu beobachten sein, wie sich der Entwurf noch verändert. Schließlich wollen die Inhaber der Urheberrechte aus der Bauzeit des Gasteigs bei der Sanierung auch mitreden.

Über deren Position und deren Einfluss auf den Umbau des Gasteigs war in den Tagen vor der Entscheidung zumindest eine heftige Verwirrung entstanden. Auf Drängen der SPD wurde öffentlich gemacht, dass mit Eike Rollenhagen und Günter Grossmann zwei Architekten aus der Bauzeit des Kulturzentrums bereits Forderungen aufgestellt haben. In der Folge sickerte durch, dass sie diese nur durch den nun gewählten Siegerentwurf für umsetzbar halten. Auch diesen wollten sie nochmals nach ihren Vorstellungen modifiziert haben, wie sie in einer Denkschrift forderten.

Insbesondere sollte die Bastion, also die burgartige Abschottung des Gasteigs von der Rosenheimer Straße erhalten bleiben. Diese will allerdings auch der modifizierte Siegerentwurf von Henn auflösen.

Doch zeigen sich alle vier Inhaber der Urheberrechte zuversichtlich, zu einer einvernehmlichen Lösung zu kommen. Für die Verhandlungen haben sie sich wieder zusammengeschlossen: Rollenhagen, Grossmann und Gerhard Lindemann lassen sich rechtlich von Peter Raue, dem Sohn und Erben ihres damaligen Kollegen Carl F. Raue, vertreten. Dieser arbeitet als Fachanwalt für Urheberrecht. In seiner Doppelfunktion sendet er beruhigende Worte von Berlin nach München. "Ich glaube wir kommen friedlich weg", sagte er im Vorfeld der Stadtratsentscheidung. Was nicht heißen soll, dass sie nicht mitreden wollen. Man werde sich nach dem Beschluss zusammensetzen und an der Detailplanung mitarbeiten, sagte Raue.

Die anderen Architekten der Gasteig-Entwürfe sehen Verstöße

Weniger friedlich zeigen sich die beiden in der Vergabe unterlegenen Architekten Tobias Wulf aus Stuttgart und Moritz Auer aus München. Sie sehen unter anderem wegen der mutmaßlichen Einflussnahme der Alt-Architekten vor dem Beschluss "erhebliche Verstöße gegen das Vergaberecht". Auch habe das Büro Henn wegen eines Auftrags, schon vor dem Wettbewerb Untersuchungen zur Zukunft des Gasteigs anzustellen, einen Informationsvorsprung gehabt. Eine erste Rüge des Wettbewerbs von ihrer Seite wurde vom Gasteig schon abschlägig beschieden. Nun steht der nächste rechtliche Schritt an, das Einschalten der Vergabestelle bei der Regierung von Oberbayern. Gut möglich, dass der Streit auch noch Gerichte beschäftigt.

Die Grünen und die FDP kritisierten die Vergabe aus mehreren Gründen, sie stimmten deshalb im Stadtrat dagegen. "Mutlosigkeit trifft Murks", sagte Grünen-Fraktionschef Florian Roth nach der Entscheidung. Er spielt damit auf den öffentlichen Streit um die Urheberrechte an, den sich SPD und CSU in den vergangenen Tagen geliefert haben. Das Ergebnis sei ein Rückschritt: Zum einen hätten sie dadurch die Rechtsposition der Stadt geschwächt, zum anderen hätten sie sich auf den langweiligsten der drei Entwürfe verständigt.

Die FDP hält es sogar für möglich, dass neu ausgeschrieben werden muss. Sie würde ohnehin am liebsten den Gasteig abreißen und neu errichten. Die lange kritische SPD, die Aufsichtsratschef Schmid wegen seines Umgangs mit den Urheberrechten öffentlich angegriffen hatte, sieht dieses Problem noch nicht als gelöst an. "Wir müssen nun mit den Urheberrechts-Inhabern in einen vernünftigen Modus kommen", sagte Fraktionschef Alexander Reissl. Die Vergabe selbst hält er für rechtlich sauber, nun müssten sich die alten und die neuen Architekten einigen. Gelinge das nicht, stehe die Stadt wieder am Anfang. "Das ist das eigentliche Damoklesschwert."

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