Süddeutsche Zeitung

Gasteig-Interimsquartier:Münchens "Tate" von morgen

Die einen streiten noch über die Fehler beim Wettbewerb zur Gasteig-Sanierung, die anderen beginnen bereits mit dem Umbau des Interimsgeländes. Dort fand der jüngste SZ Kultursalon statt - in der Haupthalle, die manche seiner Gäste an Londons großes Kunstkraftwerk erinnert

Das Motto des Abends, "Zukunftsmusik", impliziert etwas Ungefähres. Das passt. Denn was ist schon sicher beim Projekt Gasteig - gerade nach dieser Woche? Am Donnerstag gab es erneut Aufregung, weil einer der drei Kandidaten für die Sanierung und den Umbau des großen Kulturzentrums am Isar-Hochufer - das Architekturbüro Auer Weber - einen Rückzieher machte und das ganze Verfahren scharf kritisierte. Die Unwägbarkeiten bei den Auseinandersetzungen um das Urheberrecht mit den Ursprungsarchitekten seien unkalkulierbar. Eines aber ist in all dem Kuddelmuddel doch sicher: Seit April wird konkret an dem Quartier gewerkelt, in das der Gasteig während der Sanierungsphase ausweichen soll.

Es befindet sich in Sendling an der Hans-Preißinger-Straße 8 und wird intern HP8 genannt. Und in dieser Woche, vor dem Rückzug von Auer Weber, fand dort sogar schon die erste öffentliche Veranstaltung statt: Was hier entstehen wird und könnte, das ergründeten Susanne Hermanski (Leiterin der SZ-Kulturredaktion) und René Hofmann (Ressortleiter München/Region/Bayern) beim Kultursalon im Gespräch mit Benedikt Schwering und dem Bibliotheks-Vordenker Rob Bruijnzeels. Für etwa 100 Politiker, Stadtbeamte, Kulturschaffende und weitere Neugierige war das Betreten der Baustelle ausnahmsweise erlaubt.

Die leere Halle bietet massig Raum für Ideen. Über die Brüstung der dritten Etage blicken die Gäste des SZ Kultursalons in die Tiefe über das weite Erdgeschoss, wo einst die Trafos der Stadtwerke Spannung erzeugten, für die hier bald die Kultur sorgen soll. Man schaut nach vorne zu fünf haushohen Fenstern, zu den Seiten mit den Galerien auf jedem Stockwerk und nach oben zur Behelfsdecke aus Industrieglas, hinter der man die spektakuläre Oberlichtkonstruktion erahnen kann. Die Ortsbesichtigung setzt jedenfalls Ideen frei. Hier müsste man den nächsten James-Bond-Film drehen, schlägt Jennifer Becker vom Kulturreferat vor. Dorothee Lossin, Leiterin der Literaturabteilung der VHS, empfindet den Raum "luftig" und entdeckt eine Nähe zur Tate Modern, Londons Kunst-Kraftwerk.

Benedikt Schwering brachte die Halle E auf ganz andere Gedanken, als er sie neulich erstmals vom Gerümpel befreit vorfand. Er schob seine Vespa hinein und drehte ein paar Runden. So frei, sagt er, werde er die Fläche in den nächsten Jahren nicht mehr vorfinden. Es ist seine Aufgabe, sie zu füllen. Schwering ist als Leiter der "Abteilung Zukunft Gasteig" zuständig für die anstehende Generalsanierung des größten Kulturzentrums Europas und für den Aufbau des Interimsquartiers. Dessen Herzstück und Aushängeschild ist die denkmalgeschützte Halle E.

Für Gasteig-Chef Max Wagner waren Umbau und Umzug in weiter Ferne, als er vor zwei Jahren bei der Suche nach einem Ausweichstandort nach 36 Besichtigungen "am Ende" war, wie er den Gästen erzählt. Unerwartet machte ihm sein Stadtwerke-Kollege Florian Bieberbach Hoffnung: "Hm, da haben wir so eine Halle ..." Die war groß, hatte industriellen Charme, das Gelände drumherum bot Platz in bester Lage an den Isarauen für alle Gasteig-Nutzer, nur die damaligen Mieter wollten ihr lieb gewonnenes Kreativ- und Arbeitsquartier nicht räumen. Man stritt, dann redete man, kam schließlich gemeinsam auf die Idee, weitere Modulbauten auf den Freiflächen zu errichten. Der Stadtrat hat dafür 90,4 Millionen Euro freigegeben. Max Wagner ist sich immer noch sicher, dass es wie geplant von 2021 an dazu kommt. Dann soll das Kulturzentrum Gasteig geschlossen und rundum erneuert werden.

Und weil bei jedem Bau Geld Zeit ist, darf keine Zeit verloren werden, an HP8 wird schon seit Wochen gearbeitet. "Der Bagger da draußen hat Benzin im Tank und hebt Platten an", sagt Schwering. In der Halle werden gerade die Einbauten der Vormieter entfernt. Dann biete sie ein "tolles Podium in ihrer Roughheit". Den ursprünglichen Wunsch von Chefdirigent Valery Gergiev, hier die Philharmoniker spielen zu lassen, kann er allerdings nicht erfüllen. Fürs Orchester und seine Fans wird nebenan eine Behelfsphilharmonie mit 1800 Sitzen errichtet - keine Holzschachtel allerdings, wie zunächst beabsichtigt, weil die Feuerwehr einwendete: "Freund, Holz brennt!"

Stattdessen wird nun ein Stahlbetongestell aufgestellt, in das Modulteile eingehängt werden. Die Gäste betreten den Konzertsaal dann über eine Brücke von der ersten Etage der Halle E, deren Erdgeschoss als Empfangsbereich und Verteilerebene dient. Ebenerdig wird es Infodesk, Ticketschalter, Gastronomie und eine freie Veranstaltungsfläche geben. In die oberen Stockwerke zieht ein Teil der Zentralbibliothek ein auf einem Drittel ihrer bisherigen Fläche und mit einer Auswahl ihres Bestandes von etwa 60 000 Medien, ein zweiter Teil kommt ins Motorama vis à vis vom Gasteig.

Es braucht noch Fantasie, das jetzt schon zu sehen, doch davon hat Rob Bruijnzeels genug. Der Holländer ist "Kanzler" des "Ministeriums für Vorstellungskraft", einer Agentur, die der Stadtbibliothek bei ihrer Zukunftsplanung hilft. Das HP8 schwebt ihm als Versuchslabor für die Stadtbibliothek der Zukunft vor. Die sei etwas anderes als die Bücherei seiner Jugend, für ihn damals ein Ort, wo er Antworten zu allem über Hamster und Raketen fand. "Das organisiert Google besser." Heute gebe es ein Überangebot an Informationen. "Vielmehr ist die moderne Stadtbibliothek ein Ort im Herzen der Stadt und der Gesellschaft, an dem Menschen zusammenkommen und über die Fragen unserer Zeit reden."

Umso besser, dass so ein Interimsort auch immer ganz andere Leute als bisher anlocke, dass er seine Nutzer - wie hier die Volkshochschule, die Philharmoniker, die Musikhochschule, die Stadtbibliothek und die privaten Veranstalter - zu noch mehr Zusammenarbeit und neuen Programmideen anrege. Und dass hier so verschiedene Zielgruppen wie Schüler, die sich einfach irgendwo treffen wollen, ohne ein Getränk bestellen zu müssen, Freiberufler auf der Suche nach einem Computerarbeitsplatz und Besucher der Philharmonie sich begegnen und austauschen. Das kann man sich so vorstellen: Ein Konzertbesucher flüchtet verstört vor einer Zwölftonmusik-Darbietung in die Bibliothek, die als "Open Library" bis spät in die Nacht geöffnet habe und versuchsweise auch keine Bücherkontrollen durchführt, nimmt sich einen Band über Zwölftonmusik aus dem Regal - "und geht so inspiriert vielleicht wieder zurück ins Konzert", sagt Rob Bruijnzeels.

Wichtiger als ihre interessante Architektur findet der Bibliotheken-Visionär, was man aus der Halle E macht. "Wir versuchen Gebäuden immer ein Narrativ zu geben", erklärt er. So habe seine Agentur schon eine schmucklose Schokoladenfabrik in Gouda, wo es eben nicht nur Käse gibt, mit neuen Ideen gefüllt. Als was also böte sich eine ehemalige Trafohalle besser an, als ein Transformator der Kultur zu werden. Und wenn es nach ihm geht, kann die Halle E eine Baustelle bleiben. Ihm gefällt, dass hier "nix fertig ist. Und bitte: Nichts fertig machen! Am besten sieht sie jedes Jahr anders aus, so kann es jedes Jahr etwas Neues geben."

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Quelle:
SZ vom 04.05.2019
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