Architektur-Ausstellungen in MünchenVom alten Gasteig zum HP8: Zwei Kulturzentren im Wandel der Zeit

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So schön können alte und neue Gebäude im Kontrast gesehen werden wie hier das HP8 von dem Architekturfotografen Hans-Georg Esch.  In einer Doppelausstellung im HP8 in Sendling und im Fat Cat im alten Gasteig in Haidhausen zeigt er seine Fotos der beiden Kulturzentren.
So schön können alte und neue Gebäude im Kontrast gesehen werden wie hier das HP8 von dem Architekturfotografen Hans-Georg Esch.  In einer Doppelausstellung im HP8 in Sendling und im Fat Cat im alten Gasteig in Haidhausen zeigt er seine Fotos der beiden Kulturzentren. (Foto: HG Esch)

Der alte Gasteig und das Interim HP8 – zwei Kulturzentren mit sehr unterschiedlicher Architektur. Hans-Georg Esch hat beide über Jahre fotografisch begleitet. Seine Aufnahmen sind nun in zwei Ausstellungen zu sehen.

Von Evelyn Vogel

Gelobt, gefeiert, von manchen geliebt, von vielen gehasst – so könnte man die Karriere des Gasteigs in München beschreiben. Der Liebesentzug kam bald nach der Eröffnung in den Jahren 1984/85 und hing mit zwei Dingen zusammen: der Architektur und der Akustik im Konzertsaal. Aber der Gasteig ist ja viel mehr, nämlich ein Multifunktionsbau. Und er ist schöner, als viele wahrhaben wollen.

Das zeigen die Aufnahmen des bekannten Architekturfotografen Hans-Georg Esch, der schon seit Jahren die Veränderungen im Gasteig in Haidhausen und im Interimsquartier Gasteig HP8 in Sendling begleitet. Im Rahmen des noch andauernden Jubiläumsprogramms „40 Jahre Gasteig“ wird eine Auswahl seiner oft überraschenden Ein- und Ausblicke in einer Doppelausstellung gezeigt.

Der Gasteig thront am Isar-Hochufer und ist weithin sichtbar. Auf dem Dach lud 2021 die temporäre Kunstinstallation „Türmer München“ von Joanne Leighton die Menschen dazu ein, die Installation zu betreten und nach dem mittelalterlichen Vorbild der Türmer jeweils eine Stunde am Tag Wache zu halten.
Der Gasteig thront am Isar-Hochufer und ist weithin sichtbar. Auf dem Dach lud 2021 die temporäre Kunstinstallation „Türmer München“ von Joanne Leighton die Menschen dazu ein, die Installation zu betreten und nach dem mittelalterlichen Vorbild der Türmer jeweils eine Stunde am Tag Wache zu halten. (Foto: HG Esch)

Der Gasteig ist eines der größten Kulturzentren Europas, das im Geist der 70er-Jahre erbaut wurde. Hier sollte sich die Stadtgesellschaft mit den unterschiedlichsten Interessen treffen: Hochkultur trifft auf niedrigschwelliges Angebot. Kommt einem irgendwie bekannt vor? Was heute als der neueste hot shit gilt, war damals schon gang und gäbe.

Zu Tausenden gingen Besucher der Stadtbibliothek, der Volkshochschule und der Hochschule für Musik und Theater über vier Jahrzehnte hier täglich ein und aus. Dazu kamen mehrere Konzert- und Veranstaltungssäle, der größte mit mehr als 2500 Plätzen war die Philharmonie, in der die Münchner Philharmoniker ihr Zuhause hatten und Gäste aus aller Welt ihre Auftritte. Bis zu zwei Millionen Besucher zählte man alles in allem pro Jahr.

Die Backsteinarchitektur der Fassade setzt sich im Innern des Gasteigs fort und geht ein reizvolles Spiel mit dem Sichtbetonelementen ein.
Die Backsteinarchitektur der Fassade setzt sich im Innern des Gasteigs fort und geht ein reizvolles Spiel mit dem Sichtbetonelementen ein. (Foto: HG Esch)

Auf insgesamt 23 000 Quadratmetern Fläche steht der Gebäudekomplex am Hochufer der Isar. Der Backsteinbau, der selbst 80 000 Quadratmeter umfasst, wurde einst nach Plänen der Architektengemeinschaft Raue, Rollenhagen, Lindemann und Grossmann erbaut und als wegweisende Architektur der 70er- und 80er-Jahre gefeiert. Bei der Bevölkerung war er hingegen von Anfang an umstritten und erhielt so manchen Spottnamen. „Kulturbunker“ war da noch die freundlichste Bezeichnung. Denn abgesehen von der in den Augen der Kritiker „trutzburgartigen“ Anmutung der Fassade, waren der Sichtbeton im Innern und die lichtlosen Räume vielen ein Dorn im Auge. Wie Esch hier aber die Symbiose von Beton und Backstein eingefangen hat, lässt die Schönheit erahnen, die dem Gebäude an vielen Stellen auch zu eigen ist.

Das Zweite, das den Gasteig in Verruf brachte und diesen weit über die Münchner Stadtgrenzen hinaus trug, war die Akustik in der großen Philharmonie mit ihrer sogenannten „Weinbergarchitektur“. Eschs Fotos zeigen den Raum in seiner anmutigen Gestaltung bis ins Detail. Der Konzertsaal war das Herzstück und Renommierobjekt des Gasteigs. Doch wenn Zuhörer und Zuhörerinnen, Musikerinnen und Musiker, Dirigentinnen und Dirigenten über massive „Hörflecken“ klagen, dann wird’s schwierig. Und als der Dirigent Leonard Bernstein nach einem Besuch der Philharmonie im Jahr 1985 sein vernichtendes Urteil fällte und ins Gästebuch schrieb „Burn it!“, hatte der Gasteig seinen schlechten Ruf weg. Da halfen auch nachträglich eingebaute Akustiksegel nur bedingt. So wurden irgendwann die Rufe nach Abriss tatsächlich immer lauter.

Die Philharmonie im Gasteig hat ein sogenanntes „Weinberg“-Format, bei dem die Zuschauerränge terrassenförmig um die Bühne gruppiert sind. Die berühmte Klais-Orgel (hinten Mitte) wurde wegen der Sanierung bereits 2021 ausgebaut und eingelagert.
Die Philharmonie im Gasteig hat ein sogenanntes „Weinberg“-Format, bei dem die Zuschauerränge terrassenförmig um die Bühne gruppiert sind. Die berühmte Klais-Orgel (hinten Mitte) wurde wegen der Sanierung bereits 2021 ausgebaut und eingelagert. (Foto: HGEsch)

Von 2017 an war dann klar: Der Gasteig, auch technisch auf allen Ebenen inzwischen veraltet, muss von Grund auf saniert werden. Bis es 2024 zum nunmehr gültigen Stadtratschluss kam, der klärte, wer für die Sanierung zuständig ist, wie sie ablaufen soll und wie es danach weitergeht, gab es jedoch noch zahlreiche Streits und Pannen. Unter anderem war die Suche nach einem Investor erfolglos und kostete viel Zeit. Mittlerweile wurde die Münchner Raumentwicklungsgesellschaft  (MRG), eine städtische Tochtergesellschaft, als Bauherr im Partnering-Modell beauftragt; sie muss auch ein tragfähiges Finanzierungsmodell entwickeln.

Beim Gasteig HP8 in Sendling begegnen sich die alte Industriearchitektur des ehemaligen Heizkraftwerks Süd und mehrere moderne Gebäude.
Beim Gasteig HP8 in Sendling begegnen sich die alte Industriearchitektur des ehemaligen Heizkraftwerks Süd und mehrere moderne Gebäude. (Foto: HG Esch)

Nur eines ging im Zusammenhang mit der Sanierung des Gasteigs in rasanter Geschwindigkeit und unter Einhaltung des Kostenrahmens über die Bühne: die Errichtung eines Interims. Das Ausweichquartier für Philharmonie, VHS und Stadtbibliothek wurde nach Plänen von gmp Architekten (Gerkan, Marg und Partner) in nur zweieinhalb Jahren für 41 Millionen Euro auf dem Industriegelände des ehemaligen Heizkraftwerks Süd errichtet. Heutzutage sind das geradezu Peanuts für einen Kulturbau. Der Gasteig HP8, so der neue Name, ging im Oktober 2021 mit dem „Isarphilharmonie“ genannten Konzertsaal in Betrieb.

Die Halle E im Gasteig HP8 beherbergt das Foyer mit Gastronomie, Kasse und Garderobe. Hier finden aber auch zahlreiche Veranstaltungen statt.
Die Halle E im Gasteig HP8 beherbergt das Foyer mit Gastronomie, Kasse und Garderobe. Hier finden aber auch zahlreiche Veranstaltungen statt. (Foto: HG Esch)

Die Halle E ist das Herz im Gasteig HP8. Der raue Charme der alten Trafohalle mit ihren Atrium über mehrere Stockwerke, die unten das Foyer, auf den Rängen Teile der Münchner Volkshochschule und der Stadtbibliothek beherbergt, mag nicht den Vorstellungen aller Besucher entsprechen. Insbesondere, wenn das typische Klassik-Publikum sein Pausensektchen trinken will. Aber in dieser Halle tobt das Leben. Und das, obwohl das HP8 verkehrstechnisch schlechter angebunden ist als der alte Gasteig. Esch hat mit seiner Kamera auch dies gut eingefangen.

Die Isarphilharmonie im Gasteig HP8 ist eine schwarze Kiste im Schuhschachtelformat. Das mögen nicht alle, aber die Akustik ist hervorragend und auch die Sicht sehr gut.
Die Isarphilharmonie im Gasteig HP8 ist eine schwarze Kiste im Schuhschachtelformat. Das mögen nicht alle, aber die Akustik ist hervorragend und auch die Sicht sehr gut. (Foto: HG Esch)

Ebenso wie die Wirkung der Isarphilharmonie. Die dunkle Schuhschachtel mit ihren 1800 Plätzen, in der Konzertbesucher nun Platz nehmen können statt in dem holz-warmen Weinberg in der alten Philharmonie, behagt – trotz hervorragender Akustik – nicht allen. Wer weiß, vielleicht sehnt sich der eine oder andere Kritiker inzwischen sogar schon nach der alten Philharmonie zurück?

Um den alten Gasteig bis zum Umbau nicht leer stehen zu lassen, entschloss man sich zu einer Zwischennutzung. Doch die Tage des alten Gasteigs neigen sich dem Ende zu. Nach jetzigem Stand der Dinge sollen im Herbst alle Zwischennutzer ausziehen. Sie hatten seit Sommer 2023 mit einer quirligen Mischung aus Kunst, Musik, Theater, Kabarett und anderen kulturellen Veranstaltungen aus dem Gasteig das „Fat Cat“ gemacht. Und nebenbei gezeigt, was man aus dem Dach so alles machen kann.

Blick auf das Interim Gasteig HP8 in Sendling beim Heizkraftwerk Süd: In der Mitte die ehemalge Trafohalle mit dem Lichtdach, die zur Halle E mit dem Foyer umgebaut wurde. Links daneben und dahinter die neuen Gebäude, an die sich wiederum alte Gebäude mit Industriecharakter anschließen.
Blick auf das Interim Gasteig HP8 in Sendling beim Heizkraftwerk Süd: In der Mitte die ehemalge Trafohalle mit dem Lichtdach, die zur Halle E mit dem Foyer umgebaut wurde. Links daneben und dahinter die neuen Gebäude, an die sich wiederum alte Gebäude mit Industriecharakter anschließen. (Foto: HG Esch)

Von Januar 2027 an soll dann mit der Schadstoffsanierung begonnen werden. Das alte Asbestproblem, das vielen Gebäuden aus den 70er- und 80er-Jahren anhängt. Übrigens: Vor wenigen Tagen musste der Gasteig evakuiert werden, weil mehrere Menschen über Atemwegsreizungen geklagt hatten. Die Ursachen sind unklar. Messungen hatten keine Schadstoffbelastung nachweisen können.

Mit einer vollständigen Inbetriebnahme des Gasteigs am Hochufer der Isar wird nach jetzigem Stand nicht vor 2035 gerechnet. Die Kosten liegen inzwischen bei 750 Millionen Euro.

Die Gewinner des Architektur-Wettbewerbs, Henn Architekten aus München, wollen den Gasteig auf vielfältige Weise öffnen und transparenter machen. So ist eine gläserne Kulturbrücke geplant, die das Gebäude nach außen hin förmlich aufreißt und ihm den Charakter der Trutzburg nehmen soll. Auch im Innern werden dann zahlreiche Bereiche aus ihrem Kokon befreit und mit Licht geflutet. Die Stadtbibliothek und die VHS sollen ein modernes und digitales Fresh-up erhalten.

Außerdem soll der neue Konzertsaal dank Yasuhisa Toyota eine hervorragende Akustik bekommen und München als Musikstadt endlich wieder zu altem Renommee verhelfen. Der Fotograf Hans-Georg Esch wird auch diese Transformation mit seiner Kamera begleiten. Man darf gespannt sein, welche Ein- und Ausblicke er in ein paar Jahren präsentieren wird.

Hans Georg Esch sieht den Gasteig, Fat Cat im alten Gasteig, Rosenheimer Straße 5, Freitag, 23. Januar, bis Freitag, 27. Februar 2026, täglich 8–23 Uhr; Hans Georg Esch sieht den Gasteig HP8, Aspekte Galerie, Halle E, Gasteig HP8, Hans-Preißinger-Straße 8, Freitag, 6. Februar, bis Sonntag, 29. März 2026, täglich 7–23 Uhr

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