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SZ-Serie: Bühne? Frei!:Der Freiheit verpflichtet

Robert Dölle

Robert Dölle, 49, spielt in vielen Filmen, etwa 2018 in "Mackie Messer". Bis 2019 war er am Schauspiel Köln, nun ist er am Residenztheater engagiert.

(Foto: Lucia Hunziker)

Kultur-Lockdown, Tag 20: Der Theaterschauspieler glaubt an ein selbstbestimmtes Leben

Gastbeitrag von Robert Dölle

Das Stück "Gott" von Ferdinand von Schirach dreht sich um das Thema Sterbehilfe. In einer Art Gerichtsverhandlung wird die Frage erörtert, ob Menschen das Recht haben, medizinische Hilfe beim Suizid in Anspruch zu nehmen. Es tagt der Deutsche Ethikrat. Eine Frau tritt auf, Frau Gärtner, die seit dem Tod ihres Mannes keinen Sinn mehr im Leben sieht und sterben möchte. Sie ist gesund, möchte aber ohne ihren Lebenspartner nicht weiterleben und hat eine Dosis des Gifts Natrium-Pentobarbital beantragt. Ihr Anwalt und eine Professorin für Verfassungsrecht kämpfen für ihr Recht auf einen selbstbestimmten Tod. Ein theologischer und ein medizinischer Sachverständiger halten dagegen. Sie sind gegen Suizidhilfe. Am Ende wird das Publikum nach seiner Meinung befragt.

Ich spiele den Mediziner Professor Sperling, Vertreter der Bundesärztekammer. Was mich an dieser Figur beeindruckt, ist die Hingabe, mit der dieser Arzt seinen Beruf ausübt, wie leidenschaftlich er für das Leben und gegen den Tod streitet. Zentral für sein Berufsverständnis ist der hippokratische Eid, das antike Gelöbnis, welches besagt, dass ein Arzt niemals einem Patienten ein todbringendes Mittel verabreichen darf.

Trotzdem verstehe ich auch Frau Gärtner. Ich bin überzeugt, dass selbstbestimmt zu leben eben auch bedeuten kann, selbstbestimmt zu sterben. Frau Gärtner sagt, sie interessiere sich für kein Buch, keinen Film, keine Unterhaltung mehr. Das veranschaulicht für mich auf schockierende Weise ihren Lebensüberdruss. Der Arzt aber argumentiert, dass man die Ursachen für den Sterbewunsch beachten und Lösungen für die Verzweiflung der Menschen finden müsse, damit sie wieder Hoffnung schöpfen können. Ihnen in ihrer Verzweiflung Recht zu geben, sei zynisch. Sterben dürfe nicht zur Selbstverständlichkeit verkommen. Wieder ein Moment, der mich anrührt. Ein Mensch, der seinen Beruf aus einer humanistischen Überzeugung betreibt und sich kategorisch gegen den Tod stellt.

Sperlings Auffassung versuche ich mir zu eigen zu machen. Ich bin überzeugt, dass Kunst, Theater, Musik, Literatur das Grauen bannen können und sinnstiftend sind. Ich glaube, dass das Theater ein Ort ist, an dem Menschen zusammenkommen, um etwas zu teilen. Ein Ort, an dem Fragen gestellt, gesellschaftliche Zustände spielerisch abgebildet werden, die die Zuschauer mal ratlos, mal verärgert, aber auch beglückt zurücklassen können, bereichert um das Gefühl, nicht allein zu sein. Pathetisch ausgedrückt spielen und schauen wir Theater, um unsere Existenz einerseits zu hinterfragen und sie andererseits auch zu feiern, Licht ins Dunkel zu tragen.

Wir, die Theater spielen, brauchen Menschen, die Theater anschauen, denn wir alle, Spielende und Zuschauende, sind Teil des Spiels. Im Moment fehlt uns Schauspielern, die dieses Stück auf ein uns unbekanntes Premierendatum hin probieren, unser Publikum, das wir bei den Proben als Spielpartner mitdenken. Wir arbeiten dennoch in der Hoffnung auf ein Wiedersehen.

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© SZ vom 21.11.2020

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