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SZ-Serie: Bühne? Frei!:Freiheit, selbst gemischt

Regisseurin Pınar Karabulut, 33, deutet Klassiker der Literatur gern feministisch um. Seit dieser Spielzeit ist sie im Leitungsteam der Kammerspiele um Barbara Mundel.

(Foto: Julia Sang Nguyen)

Kulturlockdown, Tag 50: Die Regisseurin hofft auf weniger Rassismus und mehr Kunst im Jahr 2021

Gastbeitrag von Pınar Karabulut

Mische eine Prise Salz, Schwarzkümmel und syrische Steppenraute mit ein wenig Mehl, erhitze das Ganze und in Kombination mit zwei Gebeten hast du ein Rezept gegen den Bösen Blick. In der türkischen Kultur kommt der Böse Blick zum Beispiel, wenn dir jemand Schaden durch schlechte Gedanken oder Neid zufügen will. Mit einer türkischen Mutter aufwachsen heißt, für alles ein Hausmittel zu kennen. Während des ersten Lockdowns hatte sie viele Rezepte, um gesund zu bleiben, eine selbst erfundene Ingwer-Kur war eine davon.

Ich frage Freund*innen, woran sie denken, wenn sie 2020 hören? Neben dem zu erwartenden "Corona", antworten sie: Facetime-Party, Black Lives Matter, Monkey Island, Klatschen am Fenster, Söder und seine Bayernmaske. Für mich wird 2020 immer das Jahr bleiben, in dem ein rechtsradikaler Terrorist zehn junge PoC Menschen in Hanau hingerichtet hat. Das Jahr, in dem George Floyd durch Polizeigewalt sein Leben verlor. Das Jahr, in dem deine Nachbarn auf Hygienedemos neben Rechtsradikalen marschieren. Das Jahr, in dem ein weißer Schauspieler zu einem BPoC Schauspieler sagt, es sei jetzt seine Zeit. Das Jahr, in dem ich von einem deutschen, weißen, männlichen Regiekollegen als migrantische Mitbürgerin bezeichnet werde. Mag sein, dass meine Migration von Nordrhein-Westfahlen nach Bayern manch einen erschreckt, aber dieser festsitzende Rassismus unter Deutschen macht mich wahnsinnig müde. Da hilft auch kein Vitamin D.

Ich kriege eine Nachricht. Eine Freundin antwortet, was für sie 2020 war: "Freiheit". Ich bin irritiert. Während andere sich beschweren, eingesperrt zu werden in ihren Altbauwohnungen, findet sie in der Pandemie Freiheit? Ich bin begeistert. Für mich sind Freiheit und Liebe das Wichtigste, für das es zu kämpfen sich lohnt. Von ersterem haben wir in diesem Land reichlich, das zweite müssen wir noch lernen. Alle Menschen gleich zu behandeln, egal welcher sozialen Schicht, Nationalität oder welchen Genders, dahin müssten wir kommen. In einer gesunden Beziehung wechselt sich die Asymmetrie der Liebesachsen, so dass jede*r mal der Geliebte, mal der Liebende ist. Also Deutschland, fang an zu lieben, und zwar alle deine Kinder!

In einem Zoom-Call spreche ich über Rassismus am Theater und schlage vor, Texte zu Critical Whiteness, Postkolonialismus und Feminismus digital zu sammeln. Ein Kollege antwortet, dass er lieber von mir persönlich hören möchte, wie ich Rassismus erlebe. Ich weiß nicht, was mich mehr ärgert, seine Faulheit oder seine Respektlosigkeit. Ich beende das Gespräch und lese in "How to be an Antiracist" von Ibram X. Kendi, um mich zu beruhigen. Ärger ist meist nicht produktiv, und laut meiner Mutter macht er Falten, und dagegen habe selbst sie kein Hausmittel.

Jetzt weiß ich nicht, ob ich spazieren gehen, einen Film schauen oder doch an der Fassung für meine nächste Inszenierung arbeiten soll? Geschlossene Theater sind falsch. Die Kunst braucht ihre Freiheit. Und Freiheit braucht ihren Raum. Mein Handy vibriert. Die Frau, die Freiheit im Lockdown fand: "Ach sorry, ich dachte du meinst 2021." Ich muss lachen. Ich trage pinken Lippenstift auf, ziehe meine rosa Maske an, gehe raus. 2021 wird alles besser. Für alle. Ich klopfe dreimal auf Holz.

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© SZ vom 21.12.2020
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