Süddeutsche Zeitung

SZ-Serie: Bühne? frei!:Wir werden weitermachen

Kulturlockdown, Tag 30: Obwohl er das nie für möglich hielt, vermisst der Autor inzwischen seine Lesereisen

Gastbeitrag von Pierre Jarawan

Es sind Zimmer, in denen nichts passiert. Zimmer, die aussehen wie alle anderen. Das Surren der Klimaanlage, das Brummen der Minibar. Auf dem Flur rattert ein Rollwagen. Durch den Lüftungsschacht weht das Fernsehprogramm des Nachbarn oder der Nachbarin. Wir suchen nach Spuren von jemandem, der vor uns hier war. Ein Fußnagel auf den Fliesen im Bad. Ein vergessenes Haar auf dem Kopfkissen. Zahnpastareste am Waschbeckenrand, die das Zimmermädchen vielleicht übersehen hat. Irgendwann legen wir uns hin; irgendwann schlafen wir ein. Irgendwann vergessen wir, dass wir hier waren. Es gibt ein Wort, das unter Autorinnen und Autoren bekannt ist: Lesereiseneinsamkeit. Die Anonymität von Hotelzimmern, die immer gleichen Abläufe - Zugreisen, ein belegtes Brötchen am Bahnhof, Ankommen, Abreisen, wochen-, manchmal monatelang mehr unterwegs, als daheim sein, dies alles schließt das Wort mit ein. Wenn wir auf Lesereise sind, glauben wir nicht, dass wir diese Momente vermissen könnten.

Aus meinem ersten Roman "Am Ende bleiben die Zedern", durfte ich allein in Deutschland mehr als hundert Mal lesen. Hundert Reisen, hundert Zimmer, hundert Orte. Aber auch: hundert Begegnungen und Gespräche. Wir vergessen die Strapazen und vermissen sie am Ende doch, weil die Einsamkeit auf Lesereise in Wahrheit keine echte ist. Schreibe ich, so gibt es nichts anderes für mich als die Arbeit am Text. Ich reduziere meine Kontakte. Jedes Gespräch kostet mich dann Überwindung, weil es das Nachdenken, die Arbeit unterbricht und den Anlauf verlängert, den ich brauche, um wieder in den Zustand zu geraten, den ich suche. An "Ein Lied für die Vermissten", meinem zweiten Roman, habe ich vier Jahre geschrieben, und am Ende hatte ich das Gefühl, vergessen zu haben, wie man sich vernünftig unterhält. Es gibt also auch eine Schreibeinsamkeit. Wenn jedes Wort seinen Platz gefunden hat - am Ende des Schreibens - ist jeder Unterschied zwischen den Einsamkeiten aufgehoben. Ein Kreislauf gerät in Bewegung: Die Schreibeinsamkeit bedingt nach abgeschlossener Arbeit eine unbändige Freude darauf, das Geschriebene zu teilen - eine Freude auf das Reisen. Und die Lesereiseneinsamkeit bedingt nach gewisser Zeit die Freude auf die Rückkehr zum Schreiben.

Dazwischen liegt das Lesen. Die Begegnung mit dem Publikum, mit Buchhändlerinnen und Buchhändlern, Leserinnen und Lesern. Diskussionen, Austausch, Reflexion. Der aktuelle Zustand hebt all das auf. Wir, die wir vom Schreiben leben, sind auf Lesungen angewiesen. Buchhandlungen, Theater - das sind keine reinen Orte der Unterhaltung oder Zerstreuung. Sie sind vor allem Orte kultureller Bildung. Das macht sie zu zentralen Säulen einer aufgeklärten, freiheitlichen Gesellschaft. Darum braucht das Publikum sie auch.

Trotz allem, es lohnt sich, gerade jetzt, uns an Folgendes zu erinnern: Wir haben mit dem, was wir tun, nicht angefangen, damit Kunstminister uns wertschätzen. Der Wert unserer Arbeit bemisst sich nicht an der Höhe vermeintlicher Hilfen. Wir sind nicht Künstler geworden, weil wir eines Nachts während eines Gewitters aufgewacht sind und gedacht haben: "Wie kann ich möglichst schnell möglichst reich werden? Ah: Künstler werden! Geniale Idee!" Wir tun, was wir tun, weil wir daran glauben, etwas bewegen zu können. Und weil es das ist, in dem wir am Besten sind. Kein Verbot, keine Einschränkung kann daran etwas ändern. Und deswegen werden wir weitermachen. Vielleicht wird es nicht sein, wie es vorher war, vielleicht werden die Umstände schwieriger sein. Aber wir werden weitermachen.

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Quelle:
SZ vom 01.12.2020
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