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SZ-Serie: Bühne? Frei!:Gemeinsame Verbeugung

Nils Mönkemeyer

Der 1978 geborene Bratschist Nils Mönkemeyer tritt mit vielen großen Orchestern auf. Er lehrt an der Musikhochschule München und setzt sich für Klassikvermittlung ein.

(Foto: Irène Zandel)

Kultur-Lockdown, Tag 57: Der Bratschist denkt über Begrüßungsrituale nach

Gastbeitrag von Nils Mönkemeyer

Und wie ich das vermisse! Diese letzten Momente vor dem Auftritt, wenn der Puls nicht mehr steigt, sondern sich beruhigt. Diese gespannte Aufmerksamkeit. Es wird dunkel, es wird still, die Leute machen keinen Mucks mehr, die Unterhaltungen und das Geflüster verebben. Die Tür geht auf, wir treten in das warme Applausbad, die Verbeugung, und dann wird es gleich wieder still. Dann ist sie da, die Magie. Augenblick, verweile doch, du bist so schön, so hat es Faust gesagt. Aber er soll ja gar nicht verweilen, ich will ihn nur auskosten, und dann soll es endlich losgehen. Die Spannung entlädt sich, ich bin in der Musik, wir alle sind in der Musik, das Publikum kommt mit, ich höre die Leute nicht, aber ich spüre sie. Das ist eine Art von Gemeinsamkeit, die es sonst nicht gibt: konzentrierte Seligkeit.

Als Künstler auf der Bühne sind Musik und Mimik die Medien meiner Wahl, um mit meinen Mitmenschen wortlos und auf einer tieferen Ebene zu kommunizieren. Mir fehlt das erwartungsvolle Summen des Publikums, bevor ich auf die Bühne gehe, die gemeinsame Rührung, wenn die Musik sich in ihrer ganzen Schönheit im Raum entfaltet, das unerklärbare Knistern in der Luft, das entsteht, wenn viele Menschen im Konzertsaal sitzen. Ganz egoistisch gesagt, brauche ich alles das, um besser zu spielen, um die Decke für vielleicht einen Moment etwas höher zu drücken.

Jetzt, in dieser eigenartigen Situation, fühle ich mich oft wie einem lebendig gewordenen Rebusrätsel. Das beginnt im Alltag bereits mit Begrüßung und Abschied. Händeschütteln? Auf keinen Fall! Umarmen? Um Himmels willen! Münchener Bussi Bussi? Virenschleuder! Also versuche ich es mit einer komischen Art Verbeugung. Ich bewege mich vor und rückwärts, leicht verlegen, aber mit aller Hoffnung, dass meine Botschaft der Sympathie ankommt. Sehnsuchtsvoll denke ich an ritualisierte Eleganz, wie sie beispielsweise die Japaner in ihrer Begrüßung besitzen, ohne auch nur im mindesten die Abstandsregeln zu verletzen. Ich werfe Kusshände in die Luft und denke plötzlich darüber nach, ob meine Stimme eigentlich freundlich klingt. Mit Maske im Gesicht werden wir plötzlich neutral, oft frage ich mich, ob mein Gegenüber freundlich ist oder nicht, und hoffe im Gegenzug, dass ich es auch bin.

Aber dann gibt es auch etwas Neues und Spannendes: Durch die Pandemie gibt es eine andere Form eines gemeinsamen Erlebens, dem Virus ist es schließlich egal, wer wir sind.

Momentan erleben wir unsere Realität in einer vollkommen neuen Art und Weise, wie es sie wohl seit dem Krieg nicht mehr gegeben hat. Dafür brauchen wir Trost, und wir brauchen den sozialen Kitt der Musik. Gerade der Musik, weil sie Kommunikation über alle Grenzen hinweg möglich macht. Es ist das positive gemeinsames Erlebnis, das uns einen Moment lang aus dieser speziellen Lockdown-Situation befreit. Der friedliche gemeinsame Erlebnisort der Musik ist momentan umso wichtiger, als Musik per se ja etwas ungemein Soziales ist.

Ich hoffe, dass wir den Geist des Sozialen in das neue Jahr mitnehmen können. Für ein friedliches Miteinander, für gegenseitige Hilfe, gemeinsame Freude an Feiern, Live-Musik und kulturellen Veranstaltungen. Und die Verbeugungen statt Händeschütteln kriegen wir auch noch hin. Wäre doch gelacht.

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© SZ vom 28.12.2020
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