bedeckt München 12°

Serie "Bühne? Frei!":Kringel auf dem Bildschirm

Martin Fengel, Jahrgang 1964, ist Fotograf, Illustrator und Filmemacher. Er lebt in München. Seine Werke sind in verschiedenen Museumssammlungen vertreten.

(Foto: Jork Weisman)

Kultur-Lockdown, Tag 75: Der Fotograf hat neue Sichtweisen entdeckt

Gastbeitrag von Martin Fengel

An einem Dienstag Ende November wachte ich auf, und meine gute Laune war zurück. Das letzte Jahr fühlte sich wie ein einziges Unglück an, oder wie viele Unglücke, die andere Unglücke dabei haben. Manchmal wusste ich nicht, welches trauriger ist. Die gute Nachricht für die Leserinnen - nichts davon hatte mit Corona zu tun, man kann auch ohne verzweifeln. Oder an Krebs sterben. Oder arbeitslos werden.

Wenn aber sehr viele unschöne Dinge auf einmal passieren, liegt die Idee nahe, dass manches vielleicht mit einem selbst zu tun hat, und da sich die Welt kaum für einen ändert, könnte es ja auch mit der eigenen Einstellung zu ihr zu tun haben. Das ist bei einer Pandemie etwas anders. Wenn man sein Leben als zum Beispiel Gastronomin, Clubbetreiber, Museumsdirektor oder Schauspielerin liebt und das, was man liebt und am besten kann, nicht mehr möglich ist, helfen Aufmunterungen Richtung "du musst einfach nur deine Einstellung ändern" nur bedingt. Bei mir, oder in meinem Beruf ist das Gott sei Dank anders. Sich mit seiner eigenen Kunst zu beschäftigen braucht nicht unbedingt Öffentlichkeit. Irgendwann natürlich schon, weil jede Kunst ein Publikum braucht. Für letzten Herbst hatte ich mit Martin Wöhrl eine Ausstellung in der Villa Stuck geplant, da sollte es um das Thema "Hessen" gehen, Hessen statt Hassen, es wäre dabei auch um regen Austausch, Äppelwoi und ein Feuerwerk im dortigen Garten gegangen, das machen wir jetzt irgendwann dieses Jahr.

Eine Reise nach Paris, wo ich mit Mara Pollak etwas für das dortige Goetheinstitut machen wollte, wurde auf dieses Jahr verschoben, da waren wir aus anderen Gründen beide wahrscheinlich eher froh. Und das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks, für das ich jedes Jahr ein Familienkonzert bebildere, hat dieses auf Frühling verschoben. Das waren auch schon meine drei coronabedingten Ausfälle was Arbeit angeht.

Ich unterrichte Fotografie an der Universität in Bozen, das war die letzten beiden Semester online. Wovon ich zunächst annahm, es könnte überhaupt nicht funktionieren, macht sogar sehr viel Freude. Viele der Studierenden haben weniger Angst über ihre Arbeit zu sprechen, wenn die anderen nur ein Kringel auf einer Seite im Computer sind.

Wenn Dinge, die man in der Uni macht, diese auch verlassen, mag ich das sehr gerne, und so haben wir Videos mit DJ Hell und Schlachthofbronx gemacht, die beide in den Wohnungen der Studis spielen. Das hat sehr viel Spaß gemacht. Und ja, natürlich ist es schöner, einmal die Woche mit dem Zug über die Alpen nach Italien zu fahren, die Mittagessen mit meinem Freund Paul und seiner Freundin Nora, Studentinnen und Studenten in echt zu sehen und nicht nur deren Abbild. Von allem, was ich gerade am meisten vermisse, sind es die Reisen und Restaurantbesuche.

Eigentlich mag ich viele Menschen auf einmal nicht so gerne, außer vielleicht im Fußballstadion, und ich bin gerne alleine. Neben der Coronakrise gibt es auch die Klimakrise, die noch viel schlimmer wird.

Alle Folgen auf sz.de/kultur-lockdown

© SZ vom 15.01.2021
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema