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SZ-Serie: Bühne? Frei!:Hinter der Kerkertür

Joseph Bastian

Joseph Bastian, ehemaliger Bassposaunist des BR-Symphonieorchesters, dirigiert seit 2016 das BR-Symphonieorchester sowie weitere namhafte Klangkörper.

(Foto: Astrid Ackermann)

Kultur-Lockdown, Tag 59: Der Dirigent schreibt seinem Publikum und wartet auf das große, strahlende C-Dur

Gastbeitrag von Joseph Bastian

Als ich den Schlussakkord der "Fanfares liturgiques" von Henri Tomasi abwinke, ein lauter, strahlender, langer C-Dur-Akkord im leeren Herkulessaal, ist das Vakuum des fehlenden Publikums ohrenbetäubend. Die Erfüllung der gerade gespielten Musik und gleich danach die Leere der kommenden Wochen.

Bei meinem letzten Konzert vor dem ersten Lockdown stand Beethovens fünfte Symphonie auf dem Programm - es ist ja eigentlich Beethoven-Jahr, aber statt mit Übersättigung müssen wir mit Entzugserscheinungen klarkommen. Die Symphonie endet bekanntlich auch mit einer Kette lauter, insistierender, und nochmals insistierender C-Dur-Akkorde. Damals noch, und in der Regel, von Applaus und Bravorufen gefolgt.

Als Teenager fand ich diesen Schluss immer lächerlich, als ob Beethoven den Aus-Knopf nicht gefunden hätte. Später hatte ich bei Beethovens "Fünfter" das Bild von Florestan vor Augen. Drei Sätze lang im Kerker, leidend, nostalgisch, kämpfend, und in den letzten Takten des dritten Satzes verzweifelt, kaum noch am Leben, ein schwacher, dumpfer Herzschlag - der berühmte Rhythmus von der Pauke gespielt. Aber nach einer so langen Zeit im Dunkeln kann das Tageslicht nur blenden, auch die Befreiung ist schmerzhaft! Es kann nur zu viel Licht sein! So ergab dieser Schluss, dieser laute vierte Satz, C-Dur wieder Sinn: die picardische Terz ausgedehnt auf einen ganzen Satz!

Die "Tierce des Picards" wurde von Jean-Jacques Rousseau in seinem Musiklexikon eher verspottet, als eine Art Happy End der Barockmusik, der Dur-Schluss eines Stückes in einer Moll-Tonart. Etwas künstlich und plakativ eben. Aber gerade das, wonach wir uns momentan sehnen.

Das Leben fühlt sich jetzt wie das Ende des dritten Satzes an. Alles still, ein paar glückliche Musiker dürfen noch für die Mikrofone und Kameras spielen, die meisten aber sind verstummt. Nicht wenige verzweifelt. Die Zeit im Gesellschaftskerker ist aber noch nicht vorbei, unsere Resilienz wird weiter auf die Probe gestellt werden. Aber man kann das große, strahlende C-Dur, das hinter der Kerkertür auf uns wartet, bereits spüren... Und ich freue mich so sehr auf diesen Tag, wo wir endlich am eigenen Körper erfahren werden, warum Kunst so unfassbar relevant ist! Was und wie sehr es uns gefehlt hatte!

Nachdem wir mit so vielem beschallt und zugemüllt werden, wird unser Bedürfnis nach der stillen Umarmung der Kunst endlich befriedigt werden! Dann werden wir merken, was uns gefehlt hatte. Das eben, was man nicht in Worte fassen kann.

Eng, still mit anderen Menschen sitzend, oder laut und stehend, jeder hat sein eigenes, subjektives Erlebnis der Kunst. Ob ich in Zukunft jedes Mal, wenn ich die Partitur von Beethovens berühmtem Opus aufmache, an die Corona-Zeit werde denken müssen?

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© SZ vom 30.12.2020
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