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SZ-Serie: Bühne? Frei!:Ringen um Anerkennung

Hansjörg Albrecht

Dirigent und Organist Hansjörg Albrecht spielt am Mittwoch, 23. Dezember, um 22 Uhr beim Online-Benefiz-Festival (www.xmas-benefiz.de) das Abschlusskonzert.

(Foto: Florian Wagner)

Kultur-Lockdown, Tag 52: Der Dirigent hofft auf freie Entfaltungsmöglichkeit

Gastbeitrag von Hansjörg Albrecht

"Jauchzet, frohlocket!" In diesen Vorweihnachtstagen, wo wir Künstler in ganz besonderer Weise mit unserer Musik - vor allem mit Bachs Weihnachtsoratorium - den Menschen Wärme und Zuversicht hätten bringen können, müssen wir stumm bleiben. Es ist still und unheimlich geworden. Erdrückend sind die Zahlen der Infizierten und der Toten. Erdrückend ist die Situation des Wahrnehmens der Verantwortungslosigkeit eines Teils unserer Mitmenschen. Belastend und zum Verzweifeln ist für uns Künstler die scheinbare Handlungsunfähigkeit der (Kultur-)Politik, die zwar wortgewaltig und symbolhaft seit Monaten agiert und es dennoch nicht schafft, nachvollziehbare und greifbare Antworten zu geben. Für uns Künstler kann es jetzt als Reaktion darauf nur die Initiative "Aufstehen für die Kunst" geben.

Bach hatte, als er in Leipzig Thomaskantor und Musikdirektor war, keine Lobby, aber ständig Streit mit den Kirchenoberen und dem Rat der Stadt. Bach, dem es nicht um das Produzieren von "Schlagsahne", einer Versüßung für einen Abend oder der simplen Untermalung eines Gottesdienstes ging, wollte mit seiner Musik Gott etwas Großes darbringen und seine Mitmenschen aufrütteln. Die Lobby dafür musste er sich beim Dresdner Hof erbetteln; der Titel Hofcompositeur brachte ihm endlich eine kulturpolitische Stellung ein. Solcher Art Ringen um Anerkennung bei den Regierenden ist nun wieder hochaktuell.

"Schaut hin, dort liegt im finstern Stall": Alle Weihnachtsgeschichten und Choräle, in denen es um Stille, Dunkelheit und Einsamkeit geht, werden gerade wieder präsent. Auch für uns (vor allem freischaffenden) Künstler, die wir normalerweise in der Öffentlichkeit auftreten, mit dem Publikum interagieren und als Kulturbotschafter dieses Landes in der Welt unterwegs sind. Wir dürfen nicht mehr senden und mit unserer Live-Kunst etwas ausdrücken und Ihnen allen, unserem Publikum, etwas geben, was höchst emotional, verletzbar, nicht sicht- und messbar ist: Ihre Seele in Schwingungen (zu) versetzen.

Wie sollen wir "jauchzen und frohlocken", Bachs grandiose Musik mit Pauken und Trompeten erklingen lassen. "Wie soll ich dich empfangen und wie begegn' ich dir?", heißt es im Weihnachtsoratorium. Wie ist das möglich, wenn wir uns einander nicht begegnen dürfen? Wenn die von Hygienekonzepten, Top-Belüftungsanlagen und wissenschaftlicher Begleitung abgesicherten Riesensäle von den politisch Verantwortlichen auch im Lockdown light zu Orten der Ansteckung deklariert wurden, die Publikumsbefragungen in der Staatsoper aber ergaben, dass sich die Menschen dort sicher fühlten.

Lars Gustafsson schreibt in seinem Gedicht "Die Stille der Welt vor Bach" von einem "(...) Europa der großen leeren Räume ohne Widerhall, voll von unwissenden Instrumenten, wo das ,Musikalische Opfer' und das ,Wohltemperierte Klavier' noch über keine Klaviatur gegangen waren (und von) einsam gelegenen Kirchen, in denen nie die Sopranstimme der Matthäus-Passion sich in hilfloser Liebe um die sanfteren Bewegungen der Flöte gerankt hat (...)". Treffender kann man den aktuellen Zustand nicht ausdrücken ...

Ich gebe die Hoffnung nicht auf, dass - getreu dem Bach-Choral "Brich an, o schönes Morgenlicht" - sich die Kunst wieder frei entfalten kann und wir Künstler Ihnen etwas mit unserer Live-Musik und den dazugehörigen Begegnungen schenken können, was für uns alle lebensimmanent ist: tiefe Gefühle und zwischenmenschliche Wärme. In diesem Sinne wünsche ich Ihnen und uns allen ein gesegnetes Christfest mit viel Zeit zum Nachdenken und Reflektieren über den Sinn der wirklich wichtigen Dinge in unserem Leben.

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© SZ vom 23.12.2020
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