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SZ-Serie: Bühne? Frei!:Nagelstudio oder Systemrelevanz?

Franz Dobler; Franz Dobler

Franz Dobler, geboren 1959 in Schongau, ist Schriftsteller, Journalist und DJ. Aktuell erschien "Ich will doch immer nur kriegen was ich haben will. Gedichte 1991 - 2020".

(Foto: Marijan Murat)

Kultur-Lockdown, Tag 24: Der Autor schreibt seinem Publikum und bleibt dabei lieber mal sachlich

Gastbeitrag von Franz Dobler

Die Frage ist alt, aber immer noch spannend. Und sie bleibt es auch, falls die AfD-Typen und ihre Nazi- und Querdenker-Freunde demnächst vor Kulturveranstaltungen aufmarschieren, die sie verhindern wollen, weil dadurch ihre Gehirnfunktionen und Herzen belebt werden könnten. Die Frage begleitet mich schon mein ganzes Berufsleben lang, spätestens seit 1988, als ich von der Stadt München einen Literaturpreis mit für mich unfassbar viel Geld bekam: Bin ich systemrelevant oder ist das System relevant? Leider hat diese Frage ein paar unangenehme Fragen im Gepäck: Möchte ich überhaupt systemrelevant sein? Kann man das selbst bestimmen? Will ich lieber meine Ruhe haben? Was passiert, wenn dieses System nicht mehr relevant ist, und welches System hätten Sie denn gern?

Ich muss zugeben (hätte ich auf der Bühne des Volkstheaters gesagt, auf der ich in diesen Tagen mit meinem Kollegen Friedrich Ani gesessen hätte, um aus unseren neuen Gedichtbänden vorzulesen), dass ich zuerst gar nicht kapierte, warum jetzt im Angesicht der Pandemieprobleme über die Systemrelevanz von Kultur diskutiert wird. Ehe mir klar wurde, dass es eigentlich darum geht: Warum wird die Lufthansa finanziell stark abgestützt, aber die besonders gefährdeten nicht-subventionierten Teile der Kulturbranche so unzureichend, obwohl dort viel mehr Leute arbeiten?

Ich wurde erst richtig aufmerksam, als plötzlich so ziemlich alle PolitikerInnen, die noch eine bessere Tasse im Schrank haben als "die lustige Frau Ebner-Steiner" (Ani) von der Bayern-AfD, versicherten, dass Kultur natürlich systemrelevant sei. Ich bin sicher, dass diese Politiker guten Willens sind und sich besonders um die nicht-subventionierte Veranstaltungskultur Sorgen machen. Aber ich bin nicht mehr so vertrauensselig wie in jungen Jahren - einige von Ihnen kennen das Problem wahrscheinlich - und deshalb vor allem für Sachlichkeit. Wie meine alte Freundin Eva Mair-Holmes vom schon lange so unabhängigen wie unkaputtbaren Münchner Label Trikont kürzlich im Bayerischen Rundfunk sagte: "Beim Begriff ,systemrelevant' hätte ich schon kotzen können", und sie wolle keine Almosen, denn "ich finde, das Geld steht uns zu."

Genau so ist es. Ich bin ein Soloselbstständiger ohne Systemrelevanzberechtigung. Wenn uns die Politik in Sachen Ausfallzahlungen als Nagelstudios einstuft, protestiere ich nicht. Auf jeden Fall ist diese Äußerung eines Schriftstellers im rbb-Radio völliger Humbug: "Eine Gesellschaft ohne Kultur ist wie ein Garten ohne Blumen." Denn es gibt keine Gesellschaft ohne Kultur. So war's und so bleibt's. Und man kann die Kirche im Dorf lassen, ohne etwas zu beschönigen. Am Anfang werde ich (bald im Volkstheater) natürlich sagen: Schön, dass Sie heute hier sind. Und hinzufügen: Falls Sie grade die Lehrerin ihres Kindes verklagen, weil es eine Maske tragen muss, dann seien Sie lieber ganz still. Sonst komm ich gleich sauber systemrelevant zu Ihnen runter.

Alle Folgen der Serie auf sz.de/kultur-lockdown

© SZ vom 25.11.2020
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