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SZ-Serie: Bühne? Frei!:Die Schönheit des Regenwurms

Enik

Der Musiker Enik ist 1980 in Dachau geboren. Seine Lockdown-Serie erscheint auf youtube.com/enikenik.

(Foto: Myriad)

Kultur-Lockdown, Tag 79: Der Musiker und Sänger hat verstanden, dass Kunst ruhig Geld kosten darf

Gastbeitrag von Enik

"Wenn man während des kreativen Prozesses an Geld denkt, verlässt Gott den Raum." Ein Zitat eines Musikproduzenten, dem man eigentlich nicht ganz abnehmen möchte, dass er während seines Schaffens nie an Geld gedacht hat: Quincy Jones.

Aber bitte, dieses Zitat ist einfach großartig. Denn natürlich war da beim ersten Lockdown erst einmal Existenzangst. Und dabei hatte ich einfach nur Glück und habe die erste Soforthilfe bekommen. In der Anfangszeit des Lockdowns fand ich mich also in einem traumverschleierten Eskapismus wieder: Ich verbrachte sie mit dem binge watching von Netflix-Filmchen und wurde immer fetter. Bis ein völlig natürliches Gefühl des Tatendrangs entstand.

Ich ging mit der Kamera auf die Straße und begann zu filmen. Teilweise musste ich stundenlang suchen, bis ich etwas fand. Gab ja keinen Zeitdruck. Gegenwärtigkeit. Einfach sein, beobachten und entdecken. Zum Beispiel die Schillerstraße in Coronazeiten oder den Regenwurm vor meinem Studio, den ich stundenlang auf dem Boden kriechend, akribisch ausgeleuchtet habe. Dann ging ich ins Studio und vertonte die Szenen, die ich draußen gefunden hatte. Daraus entstand die Youtube-Serie "Shelter Skelter". Eine reine Corona-Geburt, die sonst nicht stattgefunden hätte. War das profitabel? Nein. Hat mich das erfüllt? Ja! So sehr wie nichts in den vergangenen Jahren.

Was einen unmittelbar zu der Frage führt, warum das unter normalen Umständen so schwer möglich ist? Es stellt sich die Frage, ob Künstlerinnen und Künstler an sich grundsätzlich schützenswert für eine Gesellschaft sein sollten. Den meisten Kunstförderungen etwa liegen wirtschaftliche Aspekte zu Grunde. Lebensunterhaltskosten sind darin nicht enthalten. Auf den Cent genau muss dargelegt werden, für welche Werbe- oder Materialkosten man gefördert wurde. In der Kunst gilt nicht der Spruch "Zeit ist Geld". Eher ist die unprofitable Zeit notwendig, um in hoher Qualität zu erzeugen, was wir alle brauchen.

Kunst führt uns im besten Falle zu einem kollektiven, höheren Bewusstsein. Nur müssen die Künstler den Raum bekommen, um die Kunst erschaffen zu können, von der alle profitieren. Dazu braucht es Zeit. Das stundenlange Aus-dem-Fenster-Starren. Das Sich-Befassen mit der Kunst der anderen. Bücher lesen. Filme schauen. Ins Museum gehen. Das "Unprofitable". Das ist unser Job. Was hat der wirtschaftliche Wachstumsdrang in meiner Kunst verloren? Als Michelangelo, nachdem er tagelang auf einen tonnenschweren Marmorblock starrte, gefragt wurde, was er gerade mache, antwortete er: "Ich arbeite." Aus diesem Marmorblock wurde seine berühmte Davidstatue. Gerade jetzt ist die Zeit, ein neues Verständnis für die Arbeits- und Lebensweisen von Kunstschaffenden zu entwickeln. Kunst ist viel gehaltvoller, wenn sie nicht auf Profit basiert. Das erfordert eine gewisse finanzielle Grundsicherheit.

Kunst ist nichts Besseres als andere selbständige Berufe, sie benötigt einfach nur eine andere Grundlage, um passieren zu können. Wenn ich beispielsweise ein "Craft Beer Start up" betreibe, will ich dieses Bier auch verkaufen. Das Bier wird nicht schlechter, wenn es vielen Menschen gefallen soll. Es ist also ratsam, mir bei der Produktion darüber Gedanken zu machen, wie ich möglichst viele Menschen damit erreichen kann. Wenn ich aber bei der Kunst ans Geld denke, verlässt Gott den Raum.

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© SZ vom 19.01.2021
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