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SZ-Serie: "Bühne? Frei!":Philosophie in Tönen

Daniel Müller-Schott

Daniel Müller-Schott, geboren 1976 in München, ist einer der weltweit gefragtesten Cellisten.

(Foto: Uwe Arens)

Kultur-Lockdown, Tag 76: Der Cellist baut auf die Kraft der Musik

Gastbeitrag von Daniel Müller-Schott

Wie sehr wir Musik lieben, wie sehr wir diese Sprache der Seele vermissen und brauchen, nie habe ich es mehr gespürt als in der Krise des vergangenen Jahres. Seit ich 16 Jahre alt bin, habe ich das Glück, in der Welt die unterschiedlichsten Menschen und Kulturen über die Sprache der Musik zu erreichen. Doch dass Kunst und Kultur im Denken der Politik eine so untergeordnete Rolle spielt, ist für viele Menschen eine neue und zugleich ernüchternde Erfahrung.

So notwendig derzeit Social Distancing ist, wissen wir doch nicht, welche Wirkung das längerfristig auf die Psyche der Menschen haben wird. Wie mag sich eine Generation entwickeln, deren wesentliche Begegnungen gezwungenermaßen auf virtuelle Plattformen verschoben werden? Unsere Zukunft wie auch die Zukunft der Musik kann im Internet nur eine Erweiterung der Vermittlung bleiben, nie aber Ersatz für die Zusammenkunft von Menschen sein.

In den Monaten der Stille war meine Zeit geprägt von Literatur, ich habe wieder begonnen zu malen und intensiver die Natur zu entdecken. Auch auf den Spuren der Komponisten zu wandeln, die wir alle verehren. Das hat Kraft gegeben: Bach, Beethoven, Brahms, Mozart, Schubert, Tschaikowski. Viele von ihnen konnten aus schmerzlichen Erfahrungen Kraft schöpfen für ihre Musik. Inspiratoren, die uns Licht am Ende des Tunnels schenken.

Deutschland bleibt das Land der Unterstützung in der Krise. Alle Kulturschaffenden hoffen weiter, dass die angekündigten Hilfen irgendwann auch ankommen werden. Die Situation für Musiker ohne Auftritte über fast ein Jahr bleibt extrem schwierig. Das Zurück zur Freiheit in differenzierter Abwägung wird entscheidend sein, auch um Vertrauen für unser Publikum zurückzugewinnen. Viele positive wissenschaftliche Analysen zur Sicherheit klassischer Konzerte bestehen inzwischen. Ich vertraue darauf, dass es bald eine Neubewertung geben wird.

Musik braucht den Austausch. Über die Kunst können wir uns selbst reflektieren und neu definieren. Eine Philosophie in Tönen. Als alle Konzertsäle im Herbst erneut geschlossen wurden, konnte ich gerade diese unmittelbare Kraft spüren. Besonders während der Initiative für Musiker in Not zusammen mit meinen musikalischen Freunden. Musik in Gottesdiensten zu teilen als letzte Möglichkeit, an einem Ort wie der Thomaskirche in Leipzig, wo schon Martin Luther und Johann Sebastian Bach gewirkt haben. Vor der großen Stille des nächsten Lockdowns wurde jeder Ton zu einem Destillat der Hoffnung.

Ich glaube, dass die Zukunft der klassischen Musik eine sehr erfüllte sein wird, und dass noch mehr Menschen Musik als Trost, Freude und tiefes Glück empfinden werden. Eine so epochale Krisenzeit stellt zwangsläufig eine philosophische Entdeckungsreise für jeden dar. Wir verlieren nicht den Lebensmut - wie Shakespeare schon sagte: "Wenn Musik die Sprache der Liebe ist, spielt weiter!"

In diesen Tagen sind meine Gedanken bei den Menschen, die von Corona am schwersten betroffen sind und in oft dramatischer Isolation allein bleiben müssen, getrennt von Familie und Freunden. Wer spielt für sie das letzte Lied?

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© SZ vom 16.01.2021
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