bedeckt München 10°

SZ-Serie: Bühne? Frei!:Die fehlende Katharsis

Christiane Brammer

Christiane Brammer leitet seit fünf Jahren das Hofspielhaus. Theater spielt sie pandemiebedingt auch aus dem Fenster heraus oder in der Passage nebenan - Hauptsache Theater.

(Foto: Hofspielhaus)

Kultur-Lockdown, Tag 31: Die Leiterin des Hofspielhauses kämpft für die Werte des Theaters

Gastbeitrag von Christiane Brammer

Christiane Brammer

Christiane Brammer leitet seit fünf Jahren das Hofspielhaus. Theater spielt sie pandemiebedingt auch aus dem Fenster heraus oder in der Passage nebenan - Hauptsache Theater.

(Foto: Hofspielhaus)

"Kultur-Lockdown" - was für ein Wort! Leider beschreibt es den Sachverhalt zutreffend; Kunst und Kultur sind derzeit weggesperrt. Dass einschneidende Anti-Corona-Maßnahmen notwendig sind, steht außer Frage. Das dabei verfolgte Konzept hingegen ist diskussionswürdig. In dem Prozess, den das Hofspielhaus gegen die Theaterschließung führt, argumentiert die Landesanwaltschaft: Bei der Festlegung, welche Gesellschafts- und Wirtschaftsbereiche geschlossen würden und welche geöffnet blieben, bestehe ein politischer Einschätzungsspielraum. Das ist - in gewissen Grenzen - natürlich richtig. Aber die Anschlussfrage lautet doch: Was sagt es über den der Kultur beigemessenen Stellenwert aus, wenn praktisch alles andere als wichtiger erachtet wird?

Während man offenkundig annimmt, dass der "Bereich Kultur" ohne nennenswerten Widerspruch "heruntergefahren" werden kann, ist es jedermann unbenommen, sich im Apple Store oder bei Saturn ins Gedränge zu stürzen, nach Fuerteventura oder Teneriffa zu fliegen. Aber iPhone 12 und "All inclusive" genießen keinen verfassungsrechtlichen Rang wie Kunst und Kultur. Nur haben Letztere keine Lobby. Sie können sich, zumal soweit es um staatlich getragene Einrichtungen geht, nur eingeschränkt wehren. Das "Erwerbsleben" soll jetzt Vorrang haben, heißt es. Da Kunst offenbar pauschal als "brotlos" gilt, trägt sie in den Augen vieler Entscheider nicht zum Lebensunterhalt bei, ist quasi Hobby. Für die Künstlerinnen und Künstler, die ich kenne, sieht das ganz anders aus.

Das Hofspielhaus steht dafür, dass Kunst und Kultur zu unserem Leben gehören. Ich sehe mich darin bestätigt durch die Bayerische Verfassung, die bestimmt: Bayern ist ein Kulturstaat. Und: Die Kunst und das kulturelle Leben sind vom Staat zu fördern. Auch das Grundgesetz enthält mit der Freiheit der Kunst nicht nur ein Grundrecht, sondern auch eine Staatszielbestimmung. Kunst und Kultur sind also sehr wohl ein verfassungsrechtlich geschützter Bereich, werden aber derzeit als Quantité négligeable behandelt. Ob zum Beispiel Elektronikmärkten, die ihre Ware auch über das Internet verkaufen können, eine größere Relevanz zugesprochen wird, ist eine Grundsatzfrage nach Werten und Prioritäten. Insoweit hat der Lockdown zumindest sichtbar gemacht, wo wir stehen.

Ein Theatererlebnis kann man nicht im Internet kaufen, es lässt sich auch nicht streamen. Das Wesen des Theaters ist, dass Künstler und Publikum gemeinsam einen Abend erleben, wir durchlaufen gemeinsam eine Katharsis. Ein gutes Beispiel ist der Hofspielhaus Jugendclub, ein kostenloses Angebot, an dem jeder Jugendliche zwischen 14 und 20 Jahren teilnehmen kann. Die Arbeit mit den Jugendlichen hat dabei viele Facetten. Am Anfang stehen der inhaltliche Diskurs und schauspielerisches Grundlagentraining. Aus den Proben und dem sozialen Miteinander entsteht ein Werk, das dann vor Publikum zur Aufführung kommt. Das war in diesem Jahr "Greta und Jeanne". Trotz der schwierigen Situation, trotz Lockdown und Schulstress haben die jungen Schauspieler*innen nicht locker gelassen und dieses Stück über zwei mutige Frauen - Greta Thunberg und Jeanne d'Arc - auf die Bühne gebracht. Das weist in die Zukunft, bedeutet Freude, Bildung, Auseinandersetzung mit großen Gefühlen und wichtigen Themen. Ab Dezember erarbeitet der Jugendclub ein neues Stück: "Ich hab Angst um uns in meiner Utopie". Inspiriert von "Schöne neue Welt" von Aldous Huxley und "1984" von George Orwell entwickeln die Teilnehmer eine Vision der Zukunft.

Und wie sieht meine Vision aus? Bei der Festlegung, welche Gesellschafts- und Wirtschaftsbereiche geschlossen werden und welche geöffnet bleiben, sollen das Wahre, Schöne, Gute nicht mehr zurückstehen müssen. Nie ist die Kunst so wichtig wie in Krisenzeiten!

Alle Folgen der Serie auf sz.de/kultur-lockdown

© SZ vom 02.12.2020
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema