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SZ-Serie: Bühne? Frei!:Na dann: Prost!

Brigitte Hobmeier beim Bayerischen Filmpreis in München, 2018

Brigitte Hobmeier ist Schauspielerin und erzählt am Dienstag, 22. Dezember, 20 Uhr, auf xmas-benefiz.de Weihnachtsgeschichten zusammen mit Andreas Rebers und den "Well Buam".

(Foto: Johannes Simon)

Kultur-Lockdown, Tag 51: Die Schauspielerin steuert gestählt ins Jahr 2021

Gastbeitrag von Brigitte Hobmeier

Vor ein paar Wochen traf ich mich mit meinen Freundinnen in ihrer WG. Zwei Haushalte, aber drei Personen, wir sind ängstlich und bestimmen eine Hygienebeauftragte, die sogleich das Kommando mit strengem trockenem Ton übernimmt: "Alle Fenster auf!" "Was?" Doch wir merken gleich, Widerstand ist zwecklos. Wir lassen also die Mäntel an und die Mützen auf und setzen uns an die entferntesten Enden des langen Küchentisches. Gott sei Dank habe ich alles dabei für Feuerzangenbowle! Zuckerhut, Jamaika Rum und zu teuren Wein vom Dallmayr, den wir nun erhitzen. Gott des Weines, bitte straf' uns nicht. Gleich wird uns warm werden. Wir sprechen über das Jahr, lamentieren, lästern und schimpfen. "Hast du eigentlich Ausfallhonorare bekommen?" "Nein." "Ich auch nicht." "Was denken die sich eigentlich. Die bayerische Kultur ist mit einem Schlag zur Randfigur erklärt worden." "Ach, das müssen wir aushalten, dafür sind wir ja im Fußball sehr bedeutend." Prost! Die erste Tasse Bowle schmeckt so gut, dass wir kurz vergessen, worüber wir sprachen. "Und die freiberuflichen Künstler*innen?" Eine von uns ist noch im festen Engagement. Sie lacht uns aus. "Was wollt ihr denn? Ihr seid doch selber schuld. Ihr wolltet doch frei arbeiten. Ällabätsch!" Sie streckt uns tatsächlich die Zunge raus. Vielleicht hat sie ja recht. Warum habe ich das nicht geahnt, dass diese Pandemie wie ein Kaventsmann über uns alle drüber rollen wird?

"Ihr habt zwar kein Geld bekommen, aber dafür bunte Demonstrationen." "Auf die Solidarität und Gleichbehandlung der Kulturbeschäftigten in Bund und Ländern." Prost! Es soll uns doch warm werden ums Herz. Das muss doch irgendwie klappen. Und wie ich Ende 2019 noch gestaunt habe, dass 2020 mein potentestes Jahr zu werden scheint. In zwei großen Serien fix besetzt, noch schöne Stücke im Repertoire links und rechts der Maximilianstraße. Ich bin dankbar und freue mich auf 2020. Nun Ende 2020 mit der dritten Tasse Feuerzangenbowle im Bauch habe ich voll und ganz akzeptiert, dass ich systemirrelevant bin.

Okay! In meinem nächsten Leben will ich unbedingt Ärztin oder Staatsanwältin werden. Und mit jeder weiteren Tasse Bowle wird die Welt schöner und wärmer und vor allem lustiger. Ich lache mich aus, mit meinem mega Jahr, dass mich hätte zurück katapultieren sollen an die Spitze der deutschen Schauspielerinnenriege. Hoppla, wieder ein kleiner Stich im Herzen, schnell die vierte oder fünfte Tasse Feuerzangenbowle. Ein wenig karamellisierter Zucker liegt noch oben auf der Zuckerhutschiene aus Edelstahl ... wir gießen noch mal zwei Stamperl 74-prozentigen Rum oben drauf und betrachten die züngelnden Flämmchen. Meine Freundin hat Angst, dass der heiße Zucker auf ihren schönen Tisch tropft. Fasst hin, brennt sich, schreit ein wenig auf und wie aus dem Mund eines Kleinkindes kommt ein wenig zu rasch der Satz: "Nichts passiert, ich hab mich nur erschreckt." Ich bekomme einen Lachanfall - liegt nun vielleicht doch stark an der bewusstseinsverändernden Wirkung von zu viel Alkohol und frischer Luft.

Und doch kann ich noch ein wenig denken und sage zu mir: "NIX PASSIERT, ICH HAB MICH NUR ERSCHRECKT?" Wenn ich das schaffen könnte, so auf 2020 zu blicken, dann könnte ich das Ruder noch rumreißen. Den Kaventsmann umschiffen. Zwar pitschnass, aber gestählt, um mutig diesem diffusen 2021 entgegenzusteuern, das unaufhaltsam uns entgegen rollt. Wissend, dass ich dafür noch ein paar Schlucke dieses vorzüglichsten warmen Getränkes brauche, freue ich mich auf die letzte, süßeste Tasse Feuerzangenbowle.

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© SZ vom 22.12.2020
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