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SZ-Serie: Bühne? Frei!:Ideologie und Einsamkeit

Alois Prinz

Alois Prinz, 1958 in Niederbayern geboren, schreibt vielfach prämierte Biografien über widerständige Persönlichkeiten wie Hannah Arendt, Martin Luther King und Dietrich Bonhoeffer.

(Foto: Volker Derlath)

Kultur-Lockdown, Tag 25: Der Biograf schreibt seinem Publikum und widmet sich wirklichen Querdenkern

Gastbeitrag von Alois Prinz

"Heute in mich gegangen, war auch nichts los" ist einer der genialen Sprüche von Karl Valentin. In letzter Zeit dachte ich häufiger an diesen Satz, wenn wieder einmal die Absage einer Lesung eintrudelte und ich mit meinem Schreiben weiterhin für mich und mit mir allein bleiben musste. Mein Leben als Autor ist normalerweise ein Pendeln zwischen Polen. Einerseits verbringe ich viele Stunden alleine am Schreibtisch. Andererseits stürze ich mich in die Öffentlichkeit, reise viel, halte Lesungen und Vorträge und komme mit vielen Menschen zusammen. Eines ist für mich so wichtig wie das andere. Um zu schreiben, brauche ich das Alleinsein, um mich in einen Gedanken zu vertiefen und um die richtigen Worte zu ringen. Den Kontakt mit Menschen brauche ich, um nicht im eigenen Kopf zu kreisen und Impulse von außen zu bekommen. Der Austausch, das lebhafte Zusammensein, die Resonanz - das alles gehört für mich zum Bücherschreiben dazu.

Seit letztem Frühjahr ist diese Dialektik gestört. Und jetzt, im Teil-Lockdown, liegen alle Hoffnungen auf dem kommenden Frühjahr. Anfangs war ich nicht unglücklich über diese Zwangspause. Sicher, der finanzielle Schaden war enorm. Doch war ich mit einem neuen Buch beschäftigt. Hinzu kam, dass ich zu einer vierzehntägigen Quarantäne verpflichtet wurde. Also doppelte Einsamkeit. Ich dachte an Franz Kafka, der sich, in einem Brief an seine Verlobte Felice Bauer, zum Schreiben in ein abgesperrtes Kellerloch wünschte. Aber sogar Kafka las leidenschaftlich gern seinen Prager Freunden oder seiner Schwester Ottla sein "Gekritzel" vor. Auch er wusste, dass das gute Alleinsein zur "schrecklichen Einsamkeit" werden kann, wenn das Gegenüber fehlt. Das merkte ich spätestens, als ich eine Online-Lesung machte, vor einem Bildschirm, aus dem mir wer entgegen schaute? - ICH! Eine schlimme Erfahrung. Ich sprach wie ins Leere, es war, als kämen meine Worte als Echo zurück. Ich merkte, wie sich das Alleinsein, das ich doch schätzte, an sich selber vergiftet, wenn ihm der Ausgleich, der oder die Andere fehlt.

Ich betrachte meine Freiheit nicht gefährdet, nur weil ich eine Maske tragen und eine Zeitlang Kontakte meiden muss. Was mich ängstigt, ist, dass Menschen, die isoliert sind, leicht Opfer von Ideologien werden. Hannah Arendt, eine wirkliche Querdenkerin, hat darauf hingewiesen, dass Menschen, die ihre Beziehung zu anderen verlieren und die so auf sich selbst zurückgeworfen werden, auch jedes kritische Verhältnis zu sich selbst verlieren. Sie werden anfällig dafür, sich in Gedanken einzuspinnen, die sie für logisch halten, aber eigentlich fern jeder Realität sind. Der Reformator Martin Luther hat das schon früher gewusst, als er meinte, dass die Einsamkeit zu meiden sei, weil ein einsamer Mensch "immer eins aus dem anderen folgert und alles zum ärgsten denkt". Bleibt zu hoffen, dass Covid 19 uns nicht zu einer Gemeinschaft von Einzelnen macht.

Alle Folgen der Serie auf sz.de/kultur-lockdown

© SZ vom 26.11.2020
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