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SZ-Serie: Bühne? Frei!:Selbstwert steigern

Ada Morghe

Alexandra Helmig ist Autorin, Schauspielerin und unter dem Namen Ada Morghe Jazzsängerin. 2011 gründete sie das gemeinnützige Kinderkunsthaus in München-Schwabing.

(Foto: Olaf Heine)

Kultur-Lockdown, Tag 9: Für die Sängerin und Künstlerin gehört Kunst unbedingt zur Kindesentwicklung

Gastbeitrag von Alexandra Helmig

"Kunst wäscht den Staub des Alltags von der Seele." (Pablo Picasso) Als Kind fühlte ich mich oft verloren. Verloren in einer Welt, die ich nicht verstand. Zu viel, zu groß, zu laut, zu grell. Mein Lieblingsort war der Schuppen in unserem Garten. Stundenlang saß ich auf einem alten Blumentopf zwischen dem Rasenmäher und einem Besen, der aussah wie ein alter Mann mit Stoppelhaaren und schaute durch das Fenster in den Garten. Die Scheibe des Fensters war von einer Staubschicht bedeckt, in die ich mit dem Finger Bilder malte. An das Glücksgefühl von damals, wenn ich den Bewegungen meiner Hand folgte und sich mit einem Mal eine Welt offenbarte, erinnere ich mich noch heute.

Kinder sind neugierig. Sie möchten die Welt entdecken und sich spüren. Das gilt sowohl für die Welt um sie herum als auch für ihr Inneres. Die Möglichkeit, sich gestalterisch auszudrücken, Räume zu erschaffen, die keine Grenzen kennen, sind essenziell für ihre Entwicklung. In der Kunst gibt es kein "Richtig oder Falsch". Das lustvolle, sinn- und wertfreie Spiel mit Farben, Formen und Materialien lässt sie Zeit und Raum vergessen. Sie betreten eine magische Welt. Eine Welt, in der nicht das Ergebnis, sondern der Prozess des Schaffens im Mittelpunkt steht.

Der Moment, wenn sich aus einem Klotz Ton eine Figur herausschält, wenn auf einem Blatt Papier eine Geschichte aus Bildern entsteht oder ein Trickfilm zu einem Ort der Sehnsüchte wird. Nicht zu wissen, wohin die Reise geht. Keinen Plan zu haben, sondern sich staunend treiben zu lassen. So simpel das erscheinen mag, so viel mehr steckt doch darin. Etwas mit den eigenen Händen zu erschaffen, ist eine sinnliche Erfahrung, die das Selbstwertgefühl der Kinder stärkt. Es macht sie zu Handelnden und es gibt ihnen Kraft, Mut und Hoffnung in einer unübersichtlichen und von Ängsten geprägten Zeit. In jedem kreativen Akt liegt eine ganze Welt. Das ist es, was wir im Kinderkunsthaus ermöglichen - auch in diesen besonderen Zeiten. Wir möchten Kindern und Erwachsenen Momente schenken, in denen sich der Staub des Alltags in Luft auflöst und die Zeit für einen Moment stillsteht.

Dafür haben wir unsere Angebote unter Einhaltung aller gebotenen Hygiene- und Abstandsregeln modifiziert, neue kreiert und unseren Betrieb nach dem ersten Lockdown wieder aufgenommen. Bei allem Verständnis für die aktuellen Herausforderungen und die Schwierigkeit, verhältnismäßige Entscheidungen zu treffen, bedauern wir den Beschluss der Bundesregierung sehr. Denn Kunst und Kultur sind mehr als Freizeitbeschäftigung oder Zeitvertreib. Kunst ist anregend. Kunst hinterfragt. Kunst ist sinnstiftend und sorgt besonders in Zeiten der Unsicherheit für Inspiration, Zuversicht, Resilienz und Muße.

Ich wische den Staub von der Fensterscheibe und freue mich auf hellere Tage.

© SZ vom 10.11.2020
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