Süddeutsche Zeitung

Garmisch-Partenkirchen:Späte Würdigung eines Vergessenen

Die Marktgemeinde hat ihren Ehrenbürger Hermann Levi lang vernachlässigt. 121 Jahre nach dessen Tod findet sie zu einem angemessenen Umgang mit dem bedeutenden Dirigenten.

Von Sabine Reithmaier, Garmisch-Partenkirchen

"Verzeih mir den Zaun" - Franka Kaßner sitzt auf einem Stein und liest den Brief vor, den sie an Hermann Levi, "einen hochverehrten Freund aus einer anderen Zeit", geschrieben hat. Sie spricht, als würde der jüdische Dirigent und langjährige Königliche Hofkapellmeister auf dem Felsbrocken gegenüber sitzen, hinter sich eine schützende Decke aus hell glänzenden, handgeschliffenen Kupferschuppen. Sanft wölbt sie sich über sein Grab, umgeben von klappernden, klingenden Schieferplättchen und dünnen Metallstäben, "voll fragiler Melancholie". Kaßner erzählt ihrem Gegenüber von der "Rüstung", mit der sie ihn, den viel Gedemütigten, zunächst umgeben wollte, redet von der Empathie, die sie gelernt habe, durch ihn zu entwickeln. Und beruhigt ihn, denn der Zaun soll ihn nicht isolieren, sondern sichtbar machen.

Die kleine Schar an Zuhörern auf dem Partenkirchner Riedberg ist atemlos still. Nichts soll dieses intime Zwiegespräch stören. Als Kaßner endet und seitlich flüchtet, gerade so als könne sie die gebannte Aufmerksamkeit nicht mehr ertragen, geht ihr Kirill Petrenko nach. Der Chefdirigent der Berliner Philharmoniker und ehemalige Generalmusikdirektor der Bayerischen Staatsoper, der am Abend das Gedenkkonzert an seinen Vorgänger dirigieren wird, drückt der Künstlerin den Arm, flüstert ihr ein paar Worte zu. Und Bürgermeisterin Elisabeth Koch braucht einige Augenblicke, bis sie ihre Erschütterung abgeschüttelt hat und wieder sprechen kann.

Das jahrelange würdelose Gezerre um die Grabstätte Hermann Levis ist in solchen Momenten fast vergessen

In diesen stillen Momenten ist das jahrelange, würdelose Gezerre um die Grabstätte des langjährigen Generalmusikdirektors und Hofkapellmeisters Hermann Levi tatsächlich vergessen, genauso wie die Betonmischmaschine, die zuvor die Rede Charlotte Knoblochs gestört hatte. Das lange Hin und Her sei nicht einfach gewesen, hatte die Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern gesagt. Aber die wunderbar gestaltete Grabstätte heile nun die lange Zeit offen schwärende Wunde.

Eine dezente Umschreibung für die Auseinandersetzungen, die sich die Marktgemeinde um die Grabstätte ihres einstigen Ehrenbürgers geliefert hatte. Levi, 1839 in Gießen geboren, war erst 1898 nach Partenkirchen ins Haus Riedberg gezogen, zwei Jahre später starb er bereits. Das ursprüngliche Mausoleum am Rand seines Grundstücks hatte, wie auch seine Villa, Bildhauer Adolf von Hildebrand entworfen. Die Nationalsozialisten vernachlässigten die Grabstätte zwar und widmeten den Hermann-Levi-Weg, die heutige Karwendelstraße, lieber einem Verleger antisemitischer Hetzschriften. Doch für den Abbruch sorgte die Gemeinde in den Fünfzigerjahren selbst, eine Straßenverbreiterung war der Grund. Dass Levis Gebeine weiter in einem Zinksarg unter der von Bauschutt und Gerümpel verdeckten Grabplatte lagen, störte kaum jemanden.

Der Dirigent schien vergessen, bis der ehemalige Bürgermeister Thomas Schmid 2012 auf die Idee verfiel, Teile der Hindenburgstraße nach ihm benennen zu wollen. Die Garmischer sahen das anders und votierten in einem Bürgerentscheid zu 90 Prozent für Hindenburg. Ein peinliches Ergebnis, doch Schmids Nachfolgerin Sigrid Meierhofer übernahm es als Erbe, sich um einen würdevolleren Umgang mit dem Ehrenbürger und dessen Grabstätte zu kümmern. Erfolgreich, was Elisabeth Koch, die aktuelle Rathauschefin, mehrmals unterstrich. Einfach war es nicht, auch weil das Grab auf einem Privatgrundstück lag. Kurzzeitig überlegte man sogar, Levi auf den Neuen Israelitischen Friedhof nach München umzubetten - Knobloch, von der Bürgermeisterin eingeschaltet, hatte das vorgeschlagen. Doch dann gelang es Meierhofer 2019 durch einen Grundstückstausch die Grabstätte für die Gemeinde zu sichern. Was Knobloch sehr begrüßte: Ein jüdisches Grab sei eigentlich für die Ewigkeit gedacht, sagte sie. Und Levi selbst hatte sich ja auch gewünscht, dort begraben zu werden.

Dass Kaßner mit ihrem Entwurf "Der letzte Gruß" den Wettbewerb gewann, grenzt fast an ein Wunder. Die Münchner Künstlerin beteiligt sich normalerweise nicht an öffentlichen Ausschreibungen. Erst als sie hörte, dass es um Levi ging, einen Menschen, der sie seit ihrer Kindheit beschäftigt - "er war der Erste, für den ich als Kind Empathie entwickelte" - bewarb sie sich und erhielt den Zuschlag.

Freilich, Meierhofers Plan, den Partenkirchner Kurpark nach Levi zu benennen, scheiterte zweimal im Gemeinderat, das letzte Mal 2019. Dafür aber versprach ihr Petrenko, ein Konzert zu Ehren Levis in Garmisch-Partenkirchen zu dirigieren. Der ursprünglich geplante Termin im Vorjahr scheiterte an der Pandemie. Ein Glück, denn so fiel das Konzert mit der Präsentation der Grabstätte und der Eröffnung einer Levi-Ausstellung im Untergeschoß des Richard-Strauss-Instituts zusammen. Der Ort passt, Levi hatte sich schließlich für den jungen Komponisten Strauss eingesetzt, ihn auch als Kapellmeister gefördert.

Das Konzert beleuchtet nun viele Facetten in Levis Leben

Doch die Bilder und Texte der Ausstellung sind schuld daran, dass man sich im Konzert immer wieder bei Abschweifungen ertappt, obwohl das gut gelaunte Bayerische Staatsorchester mitreißend musiziert. Kirill Petrenko hat ein Programm gewählt, das viele Facetten in Levis Leben beleuchtet. Aber natürlich denkt man während des "Siegfried-Idylls", das die Orchesterakademisten hochkonzentriert spielen, an den zornigen Richard Wagner, der den "Juden" Levi nicht als Dirigenten für seinen Parsifal, sein "allerchristlichstes Werk", haben wollte und von ihm verlangte zu konvertieren. Was Levi, Sohn eines Rabbiners, nie tat. Weil auch König Ludwig II. an seinem Hofkapellmeister festhielt, begann Wagner den Dirigenten zu schikanieren, warf ihm sogar vor, mit Cosima ein Verhältnis zu haben. Hals über Kopf verließ der tief verletzte Levi im Juni 1881 Bayreuth. Aber ohne Levi kein Münchner Orchester, kein Münchner Chor, also kein Parsifal. Wagner ruderte zurück. Levi dirigierte nicht nur die Uraufführung, sondern für weitere zwölf Jahre alle Aufführungen des Parsifals in Bayreuth.

An Wagner scheiterte Levis Freundschaft mit Johannes Brahms, mit seiner "Tragischen Ouvertüre" im Programm vertreten. Die beiden kannten sich seit 1862. Doch als Wagner begann, Brahms Werke öffentlich zu schmähen und sich Levi trotzdem weiter für den Bayreuther engagierte, kündigte ihm Brahms 1875 die Freundschaft. Er könne nämlich mit einem Wagnerianer nichts gemein haben, berichtet Levi 1879 dem Schriftsteller Paul Heyse. "Dies war die schmerzlichste Erfahrung meines ganzen Lebens." Wobei es ihn vermutlich auch geschmerzt haben dürfte, als Brahms Levis erste Sinfonie mit dem Satz abschmetterte: "In den Compositeur-Himmel kommst du nicht." Jedenfalls gab er Mitte der 1860er-Jahre den Gedanken an eine eigene Komponistenkarriere auf.

Nach seinem Rückzug als Hofkapellmeister 1897 übersetzte Levi Mozarts Da-Ponte Opern, auch die "Felsen-Arie" aus "Così fan tutte", die Sopranistin Johanni van Ostrum grandios darbot. Mit Max Bruchs Bearbeitung des jüdischen "Kol Nidrei" für Cello und Orchester (mit einem glänzenden Emanuel Graf) und der "Ruy Blas"-Ouvertüre des deutschen Juden Felix Mendelssohn Bartholdy wurden sogar noch deutsch-jüdische Wechselbeziehungen untergebracht.

Was Petrenko übrigens Franka Kaßner an der Grabstätte zugeflüstert hat? Dass ihm die Arbeit gut gefalle, sagt die Künstlerin und lacht. Anfangs sei er nämlich enorm skeptisch gewesen.

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