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Garching:Blick ins Labor

Etwa 11 000 Interessierte besuchen den Tag der offenen Tür auf dem Forschungscampus in Garching. Dabei erleben sie, wie spannend die Arbeit von Wissenschaftlern sein kann, und nehmen praktische Erkenntnisse mit nach Hause

Von Gudrun Passarge, Garching

Ratzfatz sind die 150 Kuchenstücke weg, genauso wie die 200 Jojos, die Mitarbeiter der Stadt Garching auf ihrem Stand am Tag der offenen Tür auf dem Forschungscampus verteilen. Sie nutzten die Veranstaltung, um darauf hinzuweisen, dass die Stadt sich seit dem 23. Oktober 1997 offiziell Universitätsstadt nennen darf. Warum, das wurde beim Tag der offenen Tür nur zu deutlich. Ob Astrophysik, Chemie und Mathematik zum Anfassen, Informatikvorträge oder ein Blick durch eine Virtual-Reality-Brille, den Besuchern bot sich das ganze Spektrum der Forschung am Campus, der jedes Jahr weiter wächst und neue Angebote bereit hält.

Etwa 11 000 Menschen nutzen den Tag. Sie nehmen teils auch praktische Erkenntnisse mit. Ein Vater mit seinen zwei Kindern schwärmt etwa von den guten Vorträgen über die Sicherheit im Internet. "Es ist gut, wenn die Kinder das nicht nur von Mama und Papa hören, sondern auch von anderer Seite." Tochter Cosima, 10, nickt: "Es ist wohl besser, wenn man im Chatroom nicht den richtigen Namen angibt." Zufrieden ziehen die Drei weiter, sie waren noch nicht in der Mathematik- und Informatikfakultät.

Da sitzen Johannes Ismair und Robin Jespersen. Sie haben ein Start-up gegründet, das zum Beispiel Flüchtlingen beim Deutsch lernen helfen soll. "Hallo Deutsch" heißt die App, die es auch mit englischen Vokabeln gibt. Heißt es jetzt der, die oder das Blumenkohl? Mit einem Wisch erfährt der Nutzer, ob die Antwort richtig ist. Spielerisches Lernen. Besonders Kinder blieben engagiert bei der Sache, haben sie beobachtet.

Weiter hinten im Gebäude geht es zu wie in der Krabbelstube. Mütter und Väter sitzen mit ihren kleinen Kindern am Boden und basteln oder bauen aus Holzlatten Brücken. Es wurlt überall, allen gefällt's und überall gibt es etwas zu entdecken. Ein Junge darf die Zeit der Pendelbewegung stoppen, die die Daten zur Erdbeschleunigung liefern soll, ein anderer setzt am Computer Proteine zusammen und lernt so, wie sie sich räumlich falten. Geforscht wird hier an personifizierter Medizin, die punktgenau auf das Individuum zugeschnitten werden könnte.

Nebenan im Max-Planck-Institut für extraterrestrische Physik (MPE) riecht es himmlisch nach Waffeln. Die Waffelbäcker geben Nummern aus, weil sie nicht nachkommen. Die Wartezeit können die Besucher gut nutzen, um etwas über das Gravity-Projekt zu erfahren. Das MPE beobachtet schon seit mehr als 20 Jahren das Schwarze Loch in unserer Milchstraße. Es ist 4,3 Millionen Mal so schwer wie die Sonne. Damit sie künftig noch schärfere Bilder bekommen, kombinieren sie die vier Teleskope der Europäischen Südsternwarte (Eso) in der Atacamawüste miteinander. Die gesteigerte Leistungsfähigkeit ist mit einem Teleskop zu vergleichen, das einen Spiegel mit 130 Metern Durchmesser hat. Damit können sie beispielsweise zehnmal so genau wie bisher die Bewegungen des Sterns S2 messen, der das Schwarze Loch umkreist, wie Astronom Oliver Pfuhl erklärt. Die Sterne um das Schwarze Loch herum bewegten sich mit rasender Geschwindigkeit, sie legen mehrere tausend Kilometer in der Sekunde zurück. Auch Effekte der allgemeinen Realitätstheorie erhoffen die Forscher, in diesem "ganz extremen Umfeld" zu messen. "Wir testen im Prinzip unser Weltbild, wie sich das Universum verhält", sagt Pfuhl.

Dagegen erscheint die Geschwindigkeit der Kapsel, die das Team Warr für den Hpyerloop-Wettbewerb gebaut hat, fast schon langsam. Die Gruppe der TU-Studenten hat zum zweiten Mal den Wettbewerb gewonnen, 324 Stundenkilometer erreichte ihre Kapsel auf der 1250 Meter langen Teststrecke. Ausgangspunkt ist die Idee des Visionärs und Unternehmers Elon Musk, der in naher Zukunft Menschen fast mit Schallgeschwindigkeit von einem Ort zum nächsten durch eine Vakuumröhre transportieren will. Die Münchner traten in Los Angeles mit einer 80 Kilogramm schweren Karbon-Kapsel an, die von einem Elektromotor betrieben wird. Ein Preisgeld gab es nicht, wie Stephan Müller vom Team Warr berichtet, "aber es macht sich gut im Lebenslauf". Der Elektrotechniker hat schon einige Jobangebote bekommen. Aktuell sucht das Team noch neue Leute für den dritten Wettbewerb, der 2018 ansteht.

Zwei ältere Ehepaare ruhen sich gerade auf einer Bank aus. Sie finden es großartig, was hier alles geboten wird, versichern sie. Als Nächstes wollen sie in ein Max-Planck-Institut. Vielleicht das für Plasmaphysik? Dort gibt es wie überall natürlich auch ein Kinderprogramm. Mit Quiz. "Woher gewinnen Fusionskraftwerke ihre Energie? A. aus der Sonne, B. aus den supraleitenden Magnetfeldspulen, C. aus der Verschmelzung leichter Atomkerne? Natürlich ist C. die richtige Antwort. Fünft- bis Sechstklässler hätten den Test auch mit gutem Erfolg bewältigt, berichtet Andreas Oberpriller. Aber einen Styroporflieger als Belohnung, den kann er leider nicht mehr verteilen. Der ist schon lange aus.

© SZ vom 23.10.2017
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