bedeckt München 16°

Nachruf:Feinsinnig und auch eigensinnig

Der gelernte Vergolder inmitten ungerahmter Leinwände: Karl Pfefferle war 36 Jahre lang Galerist in München. Seine Feinsinnigkeit und seine Offenheit wurde von Künstlern, Kunden und Kollegen geschätzt.

(Foto: Galerie Pfefferle)

Der Galerist Karl Pfefferle, eine wichtige Stimme der zeitgenössischen Kunst in München, ist im Alter von 72 Jahren gestorben.

Bei Karl Pfefferle in seiner Münchner Galerie zu Besuch zu sein hieß: sich als Gast zu fühlen. Oft stand er da, mit vor der Brust verschränkten Armen, das Kinn in eine Hand gestützt und hörte höflich und konzentriert zu. Fragte aber auch aufmerksam nach und freute sich, wenn ein gutes Gespräch zustande kam, für das er sich immer gerne Zeit kam. Ob Kunstschaffende, Kunstvermittler oder Kunstinteressenten - Pfefferle interessierte, wer da in seiner Galerie oder auf dem Messestand vorbeikam und warum. Und dabei vermittelte er nicht das Gefühl, dass er das nur tat, um abzuschätzen, ob es sich um potente Käufer handelte. Nein, Karl Pfefferle, der seit mehr als drei Jahrzehnten eine wichtige Stimme der zeitgenössischen Kunst in München war, vermittelte vor allem eines: wie wichtig es ist, überzeugt zu sein von dem, was man tut, um in diesem Kunstmarktwahnsinn, der sich seit den Nullerjahren entwickelt hat, als mittelständischer Galerist mit Anstand und Würde bestehen zu können.

Anstand und Würde, diese doch recht altmodischen Begriffe, passen sehr gut zu Karl Pfefferle. Geboren 1946, übernahm der ausgebildete Vergolder 1967 in vierter Generation das Familienunternehmen, die Karl Pfefferle Werkstatt für Rahmen und Restaurierungen. Der Vater war sieben Jahre zuvor bei der Fertigstellung des Cuvilliés-Theaters tödlich verunglückt. 1983 entschloss sich Karl Pfefferle, eine Galerie zu gründen. Die zeitgenössische Kunst war - neben guten Rahmen - seine Leidenschaft geworden. Sein Sohn Michael übernahm 1990 das Familienunternehmen.

Kultur in München München hat jetzt einen Supermarkt für Kunst
Kultur und Kommerz

München hat jetzt einen Supermarkt für Kunst

Gemälde, Fotografien oder Skulpturen - das muss man sich erst mal leisten können. Nun bieten zwei Geschäfte einige Wochen lang Werke zu bodenständigen Preisen an.   Von Pia Ratzesberger

Zu den ersten Künstlern, die Pfefferle präsentierte, gehörte der Maler Bernd Zimmer, der sich erinnert: "Zum ersten Mal traf ich Karl Pfefferle in Begleitung des Malers Stephan Szczesny anlässlich meiner ersten Einzelausstellung in München in der Galerie Hermeyer. Ich erkannte ihn sofort, aber nicht als Teil der Kunstwelt, sondern als Segler, mit dem ich mich Ende der Sechzigerjahre auf Regatten gemessen hatte. Ihm war das nicht präsent, stand unserer gegenseitigen Sympathie aber nicht im Wege. So konnte ich bereits 1983, gemeinsam mit anderen damaligen ,Wilden', an seiner ersten Ausstellung, die von einem opulenten Bilderbuch begleitet wurde, teilnehmen."

Von Beginn an engagierte sich Pfefferle für malerische und bildhauerische Positionen der Gegenwartskunst. Im ersten Jahrzehnt vertrat die Galerie Künstler der Neuen Figurativen Malerei. Seit den Neunzigerjahren öffnet sich die Galerie zunehmend auch in Richtung einer konzeptionell ausgerichteten Malerei. Zimmer ist bis heute Künstler des Galerieprogramms, das außerdem Rainer Fetting und Dokoupil verzeichnet, seit den Neunzigerjahren Paul Schwer, Leif Trenkler, Peter Schuyff und Ekrem Yalcindag. Von jenseits des Atlantiks holte Pfefferle seit 2000 Tony Scherman, Larry Clark und David Lynch. Und zu den jüngsten Zugänge zählen Carsten Fock, Duncan Swann und Mitríková & Demjanovič sowie Hell Gette, deren Arbeiten in der aktuellen Ausstellung zu sehen sind.

Mehr als 100 Künstler hat Karl Pfefferle präsentiert, über 220 Ausstellungen organisiert und an 50 Messen teilgenommen. Anlässlich seines 35. Jubiläums im vergangenen Jahr resümierte er: "Verrückt hören sich diese Zahlen an. Trotz der Arbeit, die mit jeder Veranstaltung verbunden war, hatte ich immer Zeit für meine Künstler." Als am vergangenen Donnerstag die aktuelle Ausstellung von Hell Gette eröffnet wurde, war der 72-Jährige nicht anwesend. Ungewöhnlich für Pfefferle. Was erst an diesem Montag bekannt wurde: Karl Pfefferle ist am vergangenen Mittwoch gestorben.

Dem von allen "geschätzten Kollegen" haben einige Münchner Galeristen ein paar Abschiedsworte gewidmet. Barbara Gross schreibt: "Die Münchner Kunstwelt hat mit Karl Pfefferle einen bedeutenden Galeristen verloren. Er war ein außergewöhnlich engagierter Vermittler, loyal zu seinen Künstlern, innovativ und international in seinem Galerieprogramm. Wir verlieren einen für das Ansehen der Kunst in der Stadt unschätzbar engagierten Kollegen." Fred Jahn nennt ihn einen "offenen, feinsinnigen, auch eigensinnigen Kollegen", dessen "freundliche, offene Kollegialität" er sehr geschätzt habe. Seit seinem eigenen Umzug ins Gärtnerplatzviertel - Pfefferle hatte dies schon viel früher getan - habe er eine "wohltuende, fruchtbare Nachbarschaft" erlebt: "Pfefferle war eine wichtige Stimme für München, weil er ein wichtiges Feld in der zeitgenössischen Kunst abgedeckt hat." Raimund Thomas, der wie Jahn Karl Pfefferle noch aus der Maximilianstraßenzeit kannte, bemerkt: "Er gehörte zum Urgestein der Münchner Galeristenszene. Er war einer von der alten Garde. Er hatte immer auch ein offenes Ohr für die Gemeinschaft, für die Galerieninitiative."

Wie offen und neugierig Karl Pfefferle bis zuletzt war, hebt der Sammlungsleiter für zeitgenössische Kunst an der Pinakothek der Moderne, Bernhard Schwenk, hervor: "Ich finde es bemerkenswert, dass er so viele junge Künstlerinnen und Künstler ins Programm genommen und auch mit jungen Kuratoren gearbeitet hat. Er hat der jungen Generation immer Vertrauen geschenkt und damit sein Programm frisch gehalten."

Und noch einmal Bernd Zimmer: "Karl Pfefferle gab nie auf, er wich auch in schwierigen Zeiten nicht zurück. Bis zuletzt, die langwierige Krankheit hatte ihm schon sichtbar zugesetzt, setzte er sich auf sein Fahrrad und fuhr in seine Galerie, um seine Aufgaben zu erledigen und den Kontakt zu den Künstlern und Sammlern zu halten, setzte sich so bis zu seinem viel zu frühen Tod für ihre Belange ein. Den Traum, eine Galerie zu führen, die seinen Anspruch an die Kunst beinhaltete, konnte sich Karl Pfefferle erfüllen. Damit erfüllte er auch Künstlern, Sammlern und Kunstliebhabern den Wunsch nach Verständnis ihrer Zeit und Kunst, ohne die das Universum sehr viel leerer wäre."

Kultur in München Unsichtbares erlebbar machen

Kunst

Unsichtbares erlebbar machen

Über das Geistige in der Kunst - eine Doppelausstellung in München und Ingolstadt   Von Sabine Reithmaier