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Galerien-Rundgang:Schicksalsgöttinnen und apokalyptische Reiter

Die Münchner Galerien trotzen dem Lockdown - ein Blick zu Wittenbrink, Rüdiger Schöttle und Françoise Heitsch

Von Evelyn Vogel

Das Fenster zum Hof

Peter Thol: "Fenster zum Hof" in der Galerie Wittenbrink.

(Foto: Peter Thol/Wittenbrink/Renate Wolff)

Beim Corona-bedingten Lockdown im Frühjahr mussten die privaten Galerien ebenso wie die Museen schließen. Erst als klar gestellt war, dass Privatgalerien wie Einzelhändler zu behandeln waren, durften sie wieder öffnen. Deshalb sind sie nun vom aktuellen kulturellen Stillstand auch nicht betroffen. Ihre Türen bleiben offen und die Künstler sind heilfroh, dass ihnen wenigstens diese Öffentlichkeit erhalten bleibt, wo doch schon die Museen wieder im Lockdown sind. Doch die Erfahrung vom Frühjahr hat die Galeristen vorsichtig gemacht. Viele haben ihre Webseiten mit noch mehr Bild- und teils auch Videomaterial aufgepeppt und präsentieren mitunter im Wochenrhythmus wechselnd digitale Werkschauen. Andere rücken ihre Präsenzausstellungen noch näher an vorhandene Schaufenster oder zeigen in den Abendstunden dort Ausschnitte aus Experimentalfilmen ihrer Künstler. Und einige haben ihre laufenden Ausstellungen noch einmal verlängert oder sind froh, so langfristig geplant zu haben.

So ist die Malerei von Peter Thol derzeit noch in der Galerie Wittenbrink im Kunstareal zu sehen. Der 65 Jahre alte, in Berlin lebende Künstler, einst Schüler von Norbert Tadeusz und Gotthard Graubner an der Düsseldorfer Kunstakademie, hat längst eine nüchtern gegenständliche Bildsprache entwickelt, bei der die Leerstellen in den Bildinhalten die Dramatik entwickeln. Da lädt er den Betrachter mal in schemenhaften Bildern zu einer nächtlichen Spritztour ein. Dann lässt er die menschenleeren Landstraßen, Felder, Wiesen, Wälder und Strände fast grell im Sonnenlicht gleißen. Oder er hält die ihn umgebenden Stadtlandschaften so ausschnitthaft fest, dass man sich als Betrachter fragt, was dort gerade passiert sein könnte, weil die Banalität des Alltäglichen in so besonderer Weise fokussiert wurde.

Peter Thol: Vor allen Dingen, Galerie Wittenbrink, Türkenstr. 16, bis 21. Nov., Di-Sa 11-18 Uhr

Michael Sailstorfer

Die Keramikskulptur "MC24" von Michael Sailstorfer ist bei Rüdiger Schöttle zu sehen.

(Foto: Schöttle/König Galerie/VG Bild-Kunst, Bonn 2020)

In der Galerie von Rüdiger Schöttle teilt sich die Ausstellung in eine weibliche und eine männliche Sphäre. Neben den von vielerlei persönlichen Erfahrungen geprägten und mitunter rätselhaften Bildwerken von Thu Van Tran und Helen Appel (im ersten und zweiten Stock) nehmen sich die Keramikobjekte von Michael Sailstorfer fast martialisch aus. Rüdiger Schöttle zeigt sie in Kooperation mit der König Galerie aus Berlin auf den Dachgarten. Mit ihren spitzen, kantigen, geschlitzten und stark abstrahierten Elementen und ihrer ungewöhnlichen Oberflächenstruktur erinnern manche dieser Keramikobjekte an Kriegermasken aus dem Mittelalter, andere an altertümliche Kult- und Ritualobjekte aus dem ozeanisch-afrikanischen Raum. Wieder andere lassen vor dem geistigen Auge apokalyptische Reiter aufsteigen oder wirken mit ihrer futuristischen Anmutung so, als ob sie einem Marvel-Comic entsprungen sein könnten. Dieses Oszillieren, das sich aufgrund unterschiedlicher kultureller Erfahrung und Prägung beim Betrachter einstellt, macht Sailstorfers Objekte so spannend.

Michael Sailstorfer, Thu Van Tran, Helene Appel, Galerie Rüdiger Schöttle, Amalienstr. 41, bis 28. Nov., Di-Fr 11-18 Uhr, Sa 12-16 Uhr

Im Juni, 2020

Das Wandbild "Im Juni 2020" des Kollektivs 3 Hamburger Frauen ist bei Françoise Heitsch ausgestellt.

(Foto: Françoise Heitsch/Magdalena Shterianova)

Einen multiplen, gesellschaftskritischen und auch feministischen Diskurs liefern die Künstlerinnen Ergül Cengiz, Henrieke Ribbe und Kathrin Wolf ab, die seit 2004 unter dem Namen "3 Hamburger Frauen" zusammenarbeiten. Zahlreiche begehbare Rauminstallationen, Videofilme, Leinwandarbeiten und Wandbilder sind seither entstanden, die von der Unterschiedlichkeit der jeweiligen Ausgangspositionen leben. Eine Wandarbeit konnte man vor einiger Zeit in der Ausstellung "Feelings" in der Pinakothek der Moderne kennenlernen. Auch in der Galerie von Françoise Heitsch haben die drei Künstlerinnen zum Teil Wandbilder geschaffen, die so vielschichtig sind, dass man schon sehr genau hinsehen muss, um zu erkennen, was gemalt, was ausgelassen und was mit Hilfe einer Projektion überblendet ist. Zentral hier das titelgebende Werk "Neu Hämelermoos", ein Tableau Vivant von 3,40 auf 4,50 Meter Größe, in dem kindlich-naive Motive im Vordergrund mit alltäglichen verschmelzen. Die zarten und mehr durch Auslassungen gestalteten Elemente, die sich nur allmählich aus dem Hintergrund herauslösen, verleihen dem Werk erst seinen gesellschaftskritischen Diskurs: über die Rolle der Frau als Haus- und berufstätige Frau, Mutter und Künstlerin. Die malerischen Verweise auf Schicksalsgöttinen und Geldscheinmotive wirken da wie ein Statement.

3 Hamburger Frauen: Neu Hämelermoos, Galerie Françoise Heitsch, Amalienstr. 19, bis 13. Nov., Do/Fr 14-19 Uhr, Sa 12-16 Uhr und nach Vereinbarung: assistant@francoiseheitsch.de

© SZ vom 10.11.2020

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