Kunstinstallation:Zeit für den Stillstand

Die Münchner Künstler Thomas Huber und Wolfgang Aichner haben in den Schweizer Bergen eine riesige Uhr aufgehängt, die anhält, wenn man sich ihr nähert. Das Projekt "und endlich" lockte viele Neugierige an, aber auch Saboteure.

Von Michael Zirnstein, St. Moritz

Die Zeit spielt verrückt. Aber anders, als geplant. Eigentlich sollte es so ablaufen: Der Wandermensch läuft auf das Objekt zu, das offensichtlich nicht dahin gehört auf 2650 Metern Höhe in den Schweizer Bergen. Die Uhr wie von einem Bahnhof, aber hier in ein Felsentor gehängt, soll mit jedem Meter der Annäherung langsamer gehen und schließlich stoppen. Aber der Bewegungssensor versagt. Er erfasst den Menschen auf dem Pfad seitlich der Kunstinstallation offenbar nicht. Nächster Versuch etwa 30 Meter auf einer Landnase über einer Senke frontal vor der Uhr: Die hält jetzt abrupt an, doch ein paar Sekunden danach drehen die Zeiger durch. "Hm, da stimmt etwas nicht, wenn dort jemand steht, sollte sie eigentlich gar nicht reagieren", sagt Wolfgang Aichner zu dem Wanderer, der ihm von seinem Erstkontakt mit der magischen Uhr berichtet. Und der Münchner Künstler muss es wissen, er hat das Kunst-Uhr-Werk zusammen mit seinem Partner Thomas Huber hier installiert.

Das Projekt "Und endlich" spielt in seiner eigenen Zeit. So nahm es das Künstlerduo GÆG gelassen, als sich der Start im August um drei Wochen verzögerte. Eineinhalb Jahre lang hatten die beiden Freunde alles konzipiert, die Uhr entworfen, im Mini-Windkanal mit einer Nivea-Dose getestet, dann das Herzstück samt Stromversorgung aus einer Brennstoffzelle von der Regensburger Turmuhrenfabrik Rauscher zum Preis eines Kleinwagens bauen und von einem Miesbacher Ingenieurs-Software-Team programmieren lassen. Und sie haben den tagelangen Aufbau minutiös geplant, 40 Helfer plus einige Spezialpferde der Schweizer Armee waren organisiert für den Transport in die Hochebene - der Weg wie immer bei ihnen eine Performance und Teil des Gesamtwerks.

Aber das Ziel war besetzt: Im Felsentor brüteten Turmfalken. Also warteten sie ab. Was sind schon drei Wochen angesichts des Wunders des Lebens und der Unendlichkeit der Berge? Und hatte nicht schon ein berühmter Kollege Probleme mit einem Paar der Art Falco tinnunculus gehabt? Das nistete 2019 im Pariser Triumphbogen, den der Künstler Christo deshalb zu Lebzeiten nicht mehr verhüllen konnte; seine Idee indes überdauerte und wird derzeit posthum verwirklicht. "Die Parallele mit den Falken ist schon ein Zufall", sagt Huber, "auch wenn ich uns nie mit Christo vergleichen würde."

Warum eigentlich nicht? Auch das Duo mit dem isländisch angehauchten Namen GÆG (global aesthetic genetics) spielt bei seinen Interventionen mit der vertrauten Umgebung. Wo Christo und seine Partnerin Jeanne-Claude Sonnenschirme an Kaliforniens und Japans Küste aufspannten oder einen orangefarbenen Laufsteg auf dem Iseosee schwimmen ließen, setzten Aichner und Huber vor zehn Jahren ein rotes Boot auf einen Gletscher und zerrten es auf ihrer "Passage" über den Alpenhauptkamm zur 54. Biennale in Venedig; als menschliche Windgeneratoren sammelten sie bei einem "Powerwalk" Strom im Hochland Islands; oder sie zeichneten bei "Linear" im Geheimagenten-Kostüm mit einem übermannsgroßen Kugelschreiber einen 600 Kilometer langen Strich als Grenze eines neuen Kunststaates mitten in die USA - alles fotografisch und filmisch dokumentiert. "Im Grunde kreieren wie Bilder", sagt Huber, der einst bei Horst Sauerbruch an der Akademie der Bildenden Künste in München studierte. "Wir sind immer noch Maler, nur in der Landschaft", ergänzt Aichner, der Kunst in London und Architektur in München studierte.

Bei den Werken von Aichner und Huber kommt immer noch etwas hinzu: Action, Schweiß, Strapaze und Abenteuer.

Auch wenn ihr großer Aufmerksamkeits-Wecker in den Schweizer Bergen, der an diesem Wochenende abmontiert wird und dann auf Tournee gehen soll, sofort an Dalis Bild "Die Beständigkeit der Erinnerung" mit den zerfließenden Uhren denken lässt, kommt bei den beiden Bergfexen immer noch etwas dazu: Action, Schweiß, Strapaze und Abenteuer. Dafür zog es sie an lebensfeindliche Ur-Orte wie Wüsten oder Gletscher, meist so entlegen, dass es außer den Künstlern kaum Augenzeugen gab und man alles nur zu Hause in "real time" übers Internet verfolgen oder später als Buch oder Kunstfilm betrachten konnte. Das sollte erstmals anders sein, Huber und Aichner, inzwischen 56 und etwas entspannter, suchten bewusst einen zugänglichen Ort in den Alpen: Den Parkplatz des Ospizios La Veduta am Julierpass nahe St. Moritz erreicht man von München aus in vier Stunden, von dort steigt man an Wildbach, Kühen und Murmeltieren vorbei in eineinhalb Stunden zur Uhr unterhalb der Fuorcla digl Leget auf. Zur Freude der Künstler wanderten etliche Neugierige zum Ort des Stillstands, auch viele Bürger der Uhrennation. "Der Weg ist Teil des Kunstwerks", erklärt Aichner, "der Betrachter soll sich aktiv einbringen." Und wenn er dann oben ist und direkt auf das Objekt einwirkt, stellen sich ihm unter der Illusion, die vierte Dimension verbiegen zu können, Fragen nach Entschleunigung in einer schnelllebigen (doch durch Corona lahmgelegten) Zeit, nach Industrialisierung und Natur und der eigenen Endlichkeit. Wenn denn die Technik mitspielt.

Aichner, der an diesem Tag zur Halbzeit noch einmal hier oben biwakiert, um neue Fotos "mal nicht im Sonnenschein" aufzunehmen, hat das Problem mit dem Sensor rasch erkannt: Nebeltropfen. Mit einem Wanderstock und einem T-Shirt wischt er das Glas trocken. Danach tickt sie wieder richtig. Dann richtig falsch. Und dann gar nicht. Man wird selber ruhig. Hält selbst inne; betrachtet die tote Wanze, die hinter der runden Scheibe verendet ist; sieht die Schrammen am Metallrahmen, bemerkt vielleicht den Sprung im Ziffernblatt, das ein ausrutschender Träger beim Heraufschleppen mit dem Knie zerbrach; und bangt unter dem rissigen Felsentor, ob das 300 Kilo schwere Trumm nicht gleich alles über einem zusammenstürzen lässt.

Nicht alle finden den ästhetischen Eingriff in die Natur gut. "Wir haben schon Hater", sagt Huber.

Die Sorgen hatte Huber auch, als er beim Aufbau auf dem Bogen herumkraxelte. Aber der bergkundige Chef der Spezialfirma für derlei Drahtverspannungen wie etwa beim Lawinenschutz beruhigte ihn, ein wenig: Wegen der Uhr würde da nichts einkrachen, das Felstor würde in hundert Jahren eh nicht mehr stehen, die Erosion in den Alpen sei rasant. Dennoch gab es auch Kommentatoren im Internet, die die Gipfel lieber unberührt sähen. Man kann auch sie verstehen, schon von der Ferne zieht die goldene Rückseite wie ein Gong oder eine Sonne die Blicke auf sich. Die Uhr dominiert die Landschaft - wenn da jetzt jeder käme mit seiner Kunst in den Bergen! Tut aber eben nicht jeder, das ist ja der Einfallsreichtum, der Witz, der Gag an GÆG. Alles war lange mit dem Kanton und den Gemeinden abgeklärt, die Dauer auf vier Wochen beschränkt, alles verschwindet jetzt spurlos. "Aber wir haben schon Hater", räumt Huber ein, die sich nun freuten, dass "diese Grässlichkeit" endlich verschwindet. Die "und endlich"-Pfeile an den Wegkreuzen wurden immer wieder abgerissen und versteckt.

Dass die Uhr derzeit zum Finale schon wieder falsch tickt, ist aber keine Sabotage. Sie verlangsamt zwar korrekt, stellt sich danach aber nicht auf die echte Zeit zurück. Offenbar hat ein Blitzschlag das GMS-Modul, über das die Zeit sich mit dem Internet synchronisiert, zerstört. Das haben Huber und Aichner aus dem Studium einer Gewitterkarte geschlossen. Das sei aber kein Problem, finden die beiden. Im Gegenteil, auch ihre berühmteste Aktion "Passage" endete im Chaos. Damals ließen sie das rote Boot im Kanal in Venedig absichtlich absaufen. Diesmal haben sie nicht manipuliert, ob nun die Natur zurückgeschlagen hat oder eine künstliche Intelligenz die Software gekapert hat, auf jeden Fall sei das ein lustiges Ende für das Projekt: Die Uhr läuft in ihrer eigenen Zeit.

© SZ/arga
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