Künstlererbe:Der Mensch im Spiegel der Kreatur

Lesezeit: 5 min

Künstlererbe: Zeitlose Satire auf den Kunstbetrieb und das Kritikerwesen: Gabriel von Max' Gemälde "Affen als Kunstrichter" von 1889.

Zeitlose Satire auf den Kunstbetrieb und das Kritikerwesen: Gabriel von Max' Gemälde "Affen als Kunstrichter" von 1889.

(Foto: Bayer & Mitko-ARTOTHEK/Bayerische Staatsgemädesammlung)

Der Maler Gabriel von Max machte als aufregend sperriger Künstler eine rasante Karriere und wurde dann vergessen. Ein Gastbeitrag.

Von Bernhard Maaz, München

Kürzlich erschien ein prächtiger, von Kirsten Claudia Voigt und Lothar Schirmer herausgegebener Band mit dem Titel "Gemalte Tiere", in dem beispielsweise Florian Illies über Franz Marcs legendäres, seit dem Zweiten Weltkrieg verschollenes Bild "Der Turm der Blauen Pferde" und Karin Althaus über Gabriel von Max' "Abelard und Héloise" schrieben. Dieses Buch mit Texten von Giorgio Agamben über Cees Noteboom bis Armin Zweite bespricht spielerisch-nachdenklich zahlreiche Kunstwerke, die in der Regel das menschliche Staunen vor der Kreatur, das Interesse an exotischen Spezies, die künstlerische Freude an mannigfaltigen Formen und Farben und also den Reichtum der Natur und ihre Vielfalt vor Augen führen. Nur einen Ausreißer findet man unter den oft so seriösen Künstlern, und das ist Gabriel von Max: Hier werden zwei aneinandergeschmiegte Meerkatzen gezeigt und damit menschliche Verhaltensmuster der Liebe und Geschlechterrollen imitiert, adaptiert, modifiziert. Darüber hinaus gewinnt das Werk allerdings seine ironische Dimension aus der expliziten Bezugnahme auf eines der legendärsten, leidenschaftlichsten und treuesten Liebespaare der Kulturgeschichte und indirekt auch auf das Buch "Julie, oder die Neue Heloise" von Jean-Jacques Rousseau: So kann man das Gemälde deuten als eine bizarre Ironisierung einer legendären Beziehung oder auch als Bezugnahme auf eine der wichtigsten Schriften der europäischen Aufklärung. Der Maler erweist sich als gebildeter Leser, der die Bildung seiner Bildbetrachter testet oder gar aufs Korn nimmt.

Künstlererbe: Gnadenlose Vergegenwärtigung auf einem zwei Meter breiten Werk: Gabriel von Max' Gemälde "Der Anatom" von 1869.

Gnadenlose Vergegenwärtigung auf einem zwei Meter breiten Werk: Gabriel von Max' Gemälde "Der Anatom" von 1869.

(Foto: bpk | Bayerische Staatsgemäldesammlung)

Wer war dieser Mann, der 1840 in Prag geboren wurde und 1915 verstarb? Er war ein Maler, dessen rasanter Aufstieg er seinen Motiven verdankte, die nicht nur der Affenwelt entstammten. Bekannt sind seine originellen, zuzeiten auch bizarren Sujets wie "Der Anatom" von 1869. Dieses Gemälde gehörte zum ausgestellten Bestand der Neuen Pinakothek. Es zeigt einen bärtigen alten Mann, der - so sagt es die Literatur - an der Leiche eines "unglücklichen Mädchens" sitzt und das sie bedeckende Tuch fortzieht. Sinniert er über die jungfräuliche Schönheit, über das Unglücklichsein trotz Jugend, über die Endlichkeit allen menschlichen Seins? Diese Vieldeutigkeit täuscht nicht über die problematische Konstellation hinweg; doch gerade dies kann Diskurs und Diskussion stiften. Man hat ehedem das Bild als "Rührstück" charakterisiert. Das verharmlost auf unzulässige Weise. Man muss sich überdies vergegenwärtigen, dass jenes fast zwei Meter breite Werk in Lebensgröße gemalt wurde und damit eine gnadenlose Vergegenwärtigung der Toten mit ihrem Betrachter bietet. Das war eine Dimension, die den Anspruch der Historienmalerei verkörperte und damit den des Künstlers.

Er war ein Malerfürst der dunklen Mächte und ein Analytiker bizarrer Verhaltensformen

Gabriel von Max wagte solche ästhetischen Herausforderungen, durch die er sich mit anderen Künstlerfürsten messen konnte, etwa mit Franz von Stuck und Franz von Lenbach. Dass deren Stadtvillen heute musealisiert und gepflegt sind, dass das Kaulbach-Haus in Ohlstadt fortbesteht, sind sicherlich Glücksfälle, die sich dem jeweiligen Standort verdanken. Doch ihre weniger gesellschaftskritische als affirmative Kunst ebnete wohl auch den geschmeidigeren Weg des Erinnerns, der ihrem Schaffen wie den Atelier- und Wohnhäusern zuteil wurde. Gabriel von Max hingegen war und bleibt trotz mancher Gefälligkeit und Ironie ein auf- und anregend sperriger Künstler zwischen Realismus und Symbolismus, zwischen Abgründigkeit und Ironie. Er war ein Malerfürst der dunklen Mächte und ein Analytiker bizarrer Verhaltensformen. Dass er sich mit Geisterbeschwörung, Okkultismus und Darwinismus befasste, hat der grundsolide Katalog von Karin Althaus und Helmut Friedel herausgearbeitet, den das Lenbachhaus 2010 veröffentlichte: Dieser bietet bis heute die beste Lektüre zum Künstler und einen satten Überblick über den Lebenshunger und den Wissensdurst des exzentrischen Künstlers.

Künstlererbe: Vermutlich um 1900 entstand diese Fotografie, die Gabriel von Max mit einem seiner Affen zeigt.

Vermutlich um 1900 entstand diese Fotografie, die Gabriel von Max mit einem seiner Affen zeigt.

(Foto: Privat)

Wer durch die Neue Pinakothek ging, die mit Jahreswechsel 2018/2019 zur Vorbereitung der technischen Sanierung geschlossen wurde, der erinnerte gemeinhin auch später noch, dass dort ein wahrlich bizarres Gemälde hin: "Affen als Kunstrichter". Das triviale Menschliche und eine gewissermaßen tierische Freude an der Ironie verschränken sich hier. Dieses Bild kann als Schlüssel zum gesamten Leben und Schaffen des Künstlers firmieren. Eine Affengesellschaft hat sich vor einem golden gerahmten Gemälde versammelt und ergeht sich in Betrachtungen. Auf dem gemalten Keilrahmen hat der gewitzte von Max einen Aufkleber appliziert, wie er damals üblich war: "No. 13, Öhlgemählde von", und hier fehlt der Name des gedachten Künstlers, dessen Bild die Katalognummer 13 hat und damit keine Glückszahl. Weiter liest man: "Tristan und I", was Isolde meint, also ein hehres patriotisches oder gar wagnerisches Motiv! Es folgt die Wertangabe, die sich auf 700 000 Mark beziffert, was ein gigantischer Preis für ein Staffeleibild wäre. Damit erkennt man, dass Gabriel von Max sich über den Kunst- (und wohl auch über den Opern-)betrieb belustigt. Dass der Maler sich auch anderenorts mit Stoffen wie dem "Tannhäuser" befasste, sei hier nur angemerkt. Im Gemälde selbst verwundern sich die Affen. Sie bewundern das Werk, und der feiste zentrale Affe streckt den Bildbetrachtern die Zunge heraus: Er hat ihnen und also uns voraus, dass er das kostbare Gemälde sehen kann, er verhöhnt es - und damit die ganze Kunst und Kunstkritik. Welch zeitloser Bildwitz!

Diese Gemälde halten den Menschen einen Spiegel vor

Es gab eine reiche Tradition von Affenmalereien, die das menschliche Verhalten ironisiert. Künstler wie Nicolaes van Veerendael, David Teniers d. J. oder Willem van Mieris, und man findet wunderbare Beispiele dafür etwa in der jüngst wiedereröffneten Staatsgalerie in Neuburg an der Donau, einer Filiale der Alten Pinakothek. Derartige Motive, die auch mittels Druckgrafik verbreitet wurden, illustrierten das Affentheater der Welt. Die allzu menschlichen Tiere tafeln, trinken und rauchen, sie parlieren, kommunizieren und dinieren. Diese Gemälde halten den Menschen einen Spiegel vor, zeigen zuweilen die possierliche Seite der Dummheit, zuweilen die grotesken Aspekte der Blasiertheit. Und da diese Perspektivierung unterhaltsam ist, lebte die Tradition über die Jahrhunderte fort. Gabriel von Max war gut vernetzt. Er schenkte 1894 eines seiner Bilder an den neben Charles Darwin damals wohl bekanntesten Naturforscher, den Jenaer Ernst Haeckel, der es daraufhin in der bekanntesten deutschen Zeitung zu besprechen suchte, in der Leipziger Illustrierten Zeitung. Die Ablehnung beruhte darauf, dass das Sujet als blasphemisch oder als darwinistisch gedeutet werden konnte.

Der Chef-Affe mustert das Werk, während im Hintergrund der Nachwuchs geflöht oder gekost wird

Die fingierte Familie der Urmenschen ist zu dritt, die Eltern mit einem Säugling an der Mutterbrust. Das mochte an die Heilige Familie erinnern und die Redaktion verstören. Überdies waren die Debatten über Darwins Entwicklungsgeschichte noch nicht ausgestanden. So stand Gabriel von Max mit diesem Geschenk mitten im Diskurs. In Münchner Privathand befindet sich ein weiteres Werk, das hier erwähnt werden soll, "Der Atelierbesuch". Der Chef-Affe mustert das uns unsichtbare Werk auf dem Zeichenbrett, seine Artgenossen schauen ihm über die Schulter, teils vermeintlich kennerschaftlich und affektiert, teils gelangweilt oder skeptisch, während im Hintergrund der Nachwuchs geflöht oder gekost wird. Dieses Bild entstand 1913, also zu einer Zeit, da die Dresdner Künstlergruppe "Brücke" schon zerfiel und der Almanach "Der Blaue Reiter" bereits von der Moderne und einer ganz anderen Auffassung von Exotik kündete. Mochte der exzentrische Gabriel von Max auch mittlerweile eine alte Zeit verkörpern, so war sein geistreiches und subtiles Schaffen doch immer unterhaltsam und auf eine ganz eigene Art gesellschaftskritisch.

Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB