Planespotting zum G-7-Gipfel:Hoffen auf die Air Force One

Lesezeit: 4 min

Planespotting zum G-7-Gipfel: Ersehntes Motive der Planespotter: Die Air Force One mit US-Präsident Joe Biden kommt am Flughafen in München an.

Ersehntes Motive der Planespotter: Die Air Force One mit US-Präsident Joe Biden kommt am Flughafen in München an.

(Foto: Armin Weigel/dpa)

Sie liegen Stunden mit Teleobjektiven auf der Lauer: Planespotter interessieren sich zum G-7-Gipfel für die Flugzeuge der Staatschefs, die in München landen. Wann die genau kommen? Großes Geheimnis. Doch Planespotter haben da so ihre Quellen.

Von Thomas Becker

Patrick Kuklinski steht am Rand. Ganz in schwarz gewandet, immerhin ein Basecap auf dem Kopf, gegen die Sonne, die hier oben ganz ordentlich runter knallt. Dabei hat er vergleichsweise überschaubares Equipment: eine Kamera, sonst nichts. Keine Leiter, keinen Sonnenschirm, keinen Campingstuhl, keine Kühlbox samt Verpflegung, keine Wechselobjektive wie all die anderen Cracks nebenan. Etwa 100 Planespotter liegen am Samstagnachmittag am Aussichtshügel Süd am Flughafen auf der Lauer, die großen, schweren Teleobjektive stets bereit, für den Fall, dass von Osten her irgendetwas Spannendes herangeflogen kommt.

Zum Beispiel ein Airbus A340-200, wie damals der der ägyptischen Regierung. Oder eine Boeing 747SP, in der der Sultan von Oman einst ins Erdinger Moos schwebte. Nichts von diesen Prachtexemplaren ist gerade in Sicht, und dennoch reißen die Spotter wie auf Knopfdruck alle gleichzeitig die Kameras hoch und drücken ab: Klackklackklackklack. Fragt man nach, was das gerade für ein Flieger war, der da auf der Südbahn des Franz-Josef-Strauß-Flughafens gelandet ist, zuckt Patrick Kuklinski nur die Schultern: "Keine Ahnung." Kurze Pause: "Aber ich kann nachschauen." Spricht's, schaut ins Display und meint: "Ein Kuwaiti." Na dann.

Es gibt nicht wenige Menschen, für die sehen Flugzeuge am Himmel alle gleich aus: groß, weiß, weit weg. Die überwiegende Mehrheit der Fliegenden interessiert sich weder für die Typenbezeichnung ihres Transportmittels noch für dessen Lackierung, sondern lediglich dafür, dass der Flieger nicht abstürzt und in der Luft bitteschön nicht so doll herumhoppelt.

Planespotting zum G-7-Gipfel: Das Teleobjektiv immer im Anschlag: die Planespotter am Münchner Flughafen.

Das Teleobjektiv immer im Anschlag: die Planespotter am Münchner Flughafen.

(Foto: Renate Schmidt)

Planespotter sind da anders. Manche von ihnen interessieren sich für exotische Airlines, andere für auffällige Designs, und wieder andere jagen so lange Registrierungsnummern, sozusagen die Kfz-Kennzeichen eines jeden Flugzeugs, bis sie alle Flieger einer Airline komplett haben.

Wenn die wichtigsten Politiker des Globus glauben, sich zum G-7-Gipfel im Werdenfelser Land statt auf einem gemütlichen Flugzeugträger irgendwo im Pazifik treffen zu müssen, dann ist das für sehr viele Polizisten und Steuerzahler ein Albtraum, für Planespotter dagegen ein Fest. Patrick Kuklinski, der erst zum dritten Mal hier auf dem Hügel ist, hofft wie alle anderen auf die Air Force One samt US-Präsident Joe Biden: "Vorher fahr' ich nicht heim", sagt er.

" Als der Obama da war, waren meine Bilder schon in ein paar Zeitungen"

Aber wann kommen sie denn, die beiden Air Force Ones? Großes Geheimnis. Also einfach mal hinstellen und warten? Nicht doch! Es ist eher noch früher Nachmittag, als ein Trupp Kameraträger zusammenpackt - obwohl noch kein einziger G-7-Big-Boss gelandet ist! Was wissen die, was all die anderen nicht wissen? Nun, offenbar so einiges: "Die Air Force One kommt erst nachts um halb zwölf, Macron um 18.35 Uhr. Wir gehen jetzt mal im Ort ein Eis essen", sagt Patrick Leinweber, ein Feuerwehrler aus Penzberg, wie man seinem T-Shirt entnehmen kann.

Anders als Kollege Kuklinski hat er ganz schön zu schleppen: Leiter, Sonnenschirm, Campingstuhl, Kühlbox, Wechselobjektive. Profi halt. Sonnenhut hat er natürlich auch auf. Seit neun Jahren ist er dabei, hat mit einer einfachen Kamera angefangen, ist mittlerweile in Sachen Equipment aber im fünfstelligen Bereich angekommen. 4800 verschiedene Flugzeuge hat er fotografiert, in München, Nürnberg, Frankfurt, London, Paris und Ramstein. Im richtigen Leben ist er Elektriker, hat mit der Knipserei aber ein Kleingewerbe angemeldet. "Als der Obama da war, waren meine Bilder schon in ein paar Zeitungen", erzählt er stolz. Morgens um viertel vor sieben war das damals, "aber die Hitze war genauso krass wie heuer".

Planespotting zum G-7-Gipfel: Bestens ausgerüstet und mit gutem Blick auf die Landebahn warten gut 100 Planespotter auf Motive.

Bestens ausgerüstet und mit gutem Blick auf die Landebahn warten gut 100 Planespotter auf Motive.

(Foto: Renate Schmidt)

Leinweber ist nicht allein unterwegs. Ein halbes Dutzend Kumpels gehören zur Clique: Philipp Ebert aus Unterfranken und Christian Knobl aus Herzogenaurach zum Beispiel. Man kennt sich seit Jahren, teilt die Leidenschaft fürs Spotten, was im Zweiten Weltkrieg noch Normalsterblichen von den Regierungen der Kriegsparteien angeraten wurde. Und sie teilen die Informationen, die über die Daten des Onlinedienstes Flightradar24 hinausgehen. Denn dort sind Regierungsmaschinen wie die Air Force One längst nicht mehr zu finden, anders als noch beim Besuch von Barak Obama vor sieben Jahren. Der kam damals nur früher als gemeldet, weil er Rückenwind hatte.

Woher die Planespotter ihre Informationen haben

Woher aber wissen Leinweber & Co. aber nun, wann Joe Biden landet? Da wird der so auskunftsfreudige Mann schmallippiger: "Na ja, über die Jahre lernt man halt Leute kennen, die wiederum jemanden am Flughafen kennen." Kollege Knobl beendet die Druckserei in Sachen Informantenschutz und meint: "Das ist wie bei einem guten Pilzwald: Den verrät man ja auch nicht." Muss er ja auch nicht. Aber was sagt die Quelle noch so? "Macron heut Abend um halb sieben, der Inder morgen früh um fünf - das wird wieder ne kurze Nacht", sagt Leinweber, der sich mit seinen Freunden bis Dienstag in Hallbergmoos eingemietet hat. Das erste Fünf-Liter-Fässchen haben sie schon intus, jetzt gibt's mal ein Eis, und am Abend geht's wie immer zum gemeinsamen Essen, natürlich nicht irgendwo, sondern im "Airbräu", zwischen den beiden Flughafen-Terminals.

Planespotting zum G-7-Gipfel: US-Präsident Joe Biden ist für die Planespotter als Motiv eher nachrangig von Bedeutung.

US-Präsident Joe Biden ist für die Planespotter als Motiv eher nachrangig von Bedeutung.

(Foto: IMAGO/Andreas Hübner/IMAGO/Future Image)
Planespotting zum G-7-Gipfel: Andreas und Andrea Ludwig warten auf dem Aussichtshügel Süd auf die Flugzeuge der Regierungschefs.

Andreas und Andrea Ludwig warten auf dem Aussichtshügel Süd auf die Flugzeuge der Regierungschefs.

(Foto: Renate Schmidt)

Ein paar Schritte weiter haben es sich die Geschwister Andrea und Andreas Ludwig bequem gemacht. Sie sind eigens aus der Nürnberger Ecke gekommen: "Aber außer den zwei Truppenübungsplätzen ist da nicht so viel los", sagt die ältere Dame mit der Schiebermütze und dem weißen Airbus-T-Shirt. Sie ist eine der wenigen Frauen unter den Spottern hier, hat ein Faible für Modellflieger: "Seit 1999 sammele ich Modelle im Maßstab 1:500, tausend Stück hab' ich schon - so langsam wird's ein Platzproblem." Ihre liebste Fluglinie ist Emirates: "Mit denen bin ich schon zwei Mal geflogen: war toll. Und von denen sieht man hier auch mal ne 380er."

G7 oder die Sicherheitskonferenz sind für sie aber keine Pflichttermine, sie schaut eher sporadisch in den Flightradar: "Neulich habe ich morgens um acht gesehen, dass so eine blaue Emirates mit Stewardess drauf und der Aufschrift 'Part of magic' in München landet - um 13 Uhr war ich da und hab' sie erwischt. Das war mein Highlight des Jahres." Sie zieht an der Zigarette und meint: "Jeder spinnt halt auf seine Weise." Kein Widerspruch, nirgends.

Die Air Force One ist dann übrigens schon gegen elf Uhr gelandet am Samstagabend. Für die Spotter eine schwierige Zeit, da stockfinster.

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