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Fußgänger stirbt nach Streit mit Radfahrer:Völlig neben der Spur

Radfahrer und Fußgänger machen sich gegenseitig den Platz streitig - in Sendling endete ein solcher Konflikt nun für einen 75-Jährigen tödlich. Der tragische Vorfall wirft ein Schlaglicht auf den rüden Umgang auf Münchens Straßen.

Am Wochenende kam Paul Bickelbacher von einer mehrtägigen Exkursion aus den Niederlanden zurück. Der Grünen-Stadtrat schwärmt noch immer von den breiten Radwegen und dem Platz, den die Verkehrsplaner dort den Fußgängern einräumen. "Das hat zur Folge, dass alle sehr viel entspannter unterwegs sind", sagt Bickelbacher. Ein Aufeinanderprallen wie in Sendling, das für einen 75-Jährigen tödlich endete, hätte man so vielleicht vermeiden können.

Wie berichtet, waren vergangene Woche ein 75-jähriger Rentner und ein 53-jähriger Radler an einer Baustelle in der Albert-Roßhaupter-Straße aneinandergeraten. Dort müssen Radler und Fußgänger eine Baustellenpassage durchqueren, auf einem handschriftlich gestalteten Schild steht: "Radfahrer bitte absteigen!" Der Rentner hatte den Radler offenbar darauf hingewiesen, es kam zum Streit, der 53-Jährige schubste den Rentner. Der knallte mit dem Kopf gegen einen Lkw und auf die Straße und verstarb am Wochenende in einer Klinik.

Der tragische Vorfall wirft erneut ein Schlaglicht auf den rüden Umgang zwischen Radler und Fußgängern in München. Sie kommen sich oft in die Quere, etwa auf der Nord-Süd-Querung durch die Innenstadt über Diener- und Residenzstraße, am Rotkreuzplatz oder auf dem Orleansplatz. Rabiate Radler, die oft zu schnell und ohne Rücksicht auf andere unterwegs sind, sorgten bei vielen Fußgängern für Verdruss, sagt Stadtrat Bickelbacher, der sich im Verband Fuss e.V. für die Belange der Passanten einsetzt.

"Aber auch die Fußgänger sind aufgefordert, mehr Rücksicht zu nehmen", findet Bickelbacher. So sollten Hundebesitzer beim Gassigehen darauf achten, dass Hund und Herrchen nicht die Leine quer über den Radweg spannen.

Für mehr Rücksicht hatte zuletzt auch die Polizei geworben. Bei einer Schwerpunktaktion im August hatten die Beamten das Zusammenspiel von Fußgängern, Radlern und Autofahrern kontrolliert. Dabei wurden etwa 7900 Radfahrer sowie 1000 Fußgänger verwarnt oder mit einem Bußgeld belegt; auch gegen 4200 Autofahrer schritten die Beamten ein. Bei den Radfahrern wurde unter anderem bemängelt, dass sie auf Gehwegen fuhren; die Fußgänger wiederum liefen verbotswidrig auf dem Radweg. Sowohl Radler wie Fußgänger ignorierten häufig die roten Ampeln. Nach Angaben von Johann Gschoßmann von der Münchner Polizei wird jeder zweite Unfall, an dem ein Radler beteiligt ist, durch eigenes Fehlverhalten verursacht. Dennoch sei es gelungen, mit der Aktion die Zahl der verletzten Radfahrer zu senken.

Genau diese Kontrollen führen zu weiteren Konflikten, kritisiert Peter Kappel vom Radfahrerverband ADFC. Denn durch die Generalkritik der Polizei "an den Radlern" allgemein "fühlen sich viele Leute berechtigt, die Radfahrer in ihre Schranken zu weisen", sagt Kappel. Daher komme es immer öfter zu - zumindest verbalen - Auseinandersetzungen. Der Fall in Sendling zeige, dass es sich die Stadt oft leicht mache und insbesondere an Baustellen den Fußgänger- und den Radverkehr einfach zusammenlege. Besser sei es, den Radverkehr auf die Straße zu verlegen und das Tempo der Autos rechtzeitig vor der Baustelle zu drosseln - dann kämen sich Radler und Fußgänger nicht in die Quere.

Spannend wird, welche Lösung sich die Stadtverwaltung für die wichtige Nord-Süd-Querung der Innenstadt durch die Residenzstraße einfallen lässt. Für Herbst ist ein Vorschlag angekündigt. Stadtrat Bickelbacher plädiert für eine "selbsterklärende Lösung", bei der schon durch die Gestaltung klar wird, welche Bereiche für Radler und welche für Fußgänger gedacht sind. Um zu verhindern, dass die Radfahrer ihre Spur als Rennstrecke missbrauchen und Fußgänger gefährden, könnte das Tempo der Radler durch einen kleinteiligen Pflasterbelag gedrosselt werden.