Zunahme Obdachlosigkeit trifft Familien

In Germering steigt die Zahl der Bewohner, die keine feste Bleibe haben. Mehr als 40 Prozent von ihnen sind Kinder. Die Stadt will deshalb weiteren Wohnraum anmieten

Von Andreas Ostermeier, Germering

Eine steigende Zahl an obdachlosen Personen registriert die Stadt Germering. Unter denen, die ihr Dach über dem Kopf verlieren, befinden sich vor allem Familien. Mehr als 40 Prozent der Obdachlosen in Germering sind inzwischen Kinder. Wohnungsknappheit und hohe Mieten machen es besonders Familien schwer, ein Zuhause zu finden. Die Stadt will deshalb weitere Wohnungen oder Häuser für bis zu 50 Personen anmieten.

Die Zahlen, die Sozialamtschef Martin Rattenberger nennt, zeigen einen starken Anstieg der Obdachlosigkeit. Hatten im September 2015 lediglich 30 in Germering gemeldete Personen kein festes Zuhause, so sind es im Mai 2018 bereits 113. 47 von ihnen sind Kinder. Rattenberger spricht deshalb auch von einem "deutlichen Anstieg". Familien falle es immer schwerer, eine Unterkunft zu finden. Zudem benötigen nach Aussage des Sozialamtsleiters zunehmend Familien mit mehr als vier Personen Wohnraum. Weniger deutlich steigt hingegen die Zahl der alleinstehenden Obdachlosen. Anerkannte Asylbewerber, die die Unterkunft verlassen müssen, in der sie gewohnt haben, stellen laut Rattenberger nur eine geringe Zahl der Wohnungssuchenden dar.

Ursache für die Wohnungslosigkeit sind in vielen Fällen Mietschulden. Oft haben diese - weil Mieter und Vermieter nicht schnell genug reagieren - bereits eine Höhe angenommen, die auch durch ein Mietschuldendarlehen nicht mehr zu tilgen sind. Rattenberger berichtet von einem Fall, in dem die Mietschulden bereits 15 000 Euro betrugen, ehe die Stadt von den Zahlungsproblemen erfuhr. Der Sozialamtsleiter fordert Mieter, die Schwierigkeiten haben, ihre Miete zu bezahlen, daher auf, nicht zuzuwarten, dass sich das Problem irgendwie löst, sondern sich rasch an die Stadt Germering zu wenden. Zu deren Präventionsmaßnahmen gegen Obdachlosigkeit gehöre es, Mietern in Zahlungsnöten unter die Arme zu greifen. Allerdings dürfen die Mietrückstände nicht zu groß werden.

Doch Mietschulden sind nur ein Faktor für Obdachlosigkeit. Ein anderer sind überbelegte Wohnungen. So ziehen Personen aus anderen Teilen Deutschlands oder dem EU-Ausland nach Germering, weil sie dort Verwandte haben und auf Arbeit hoffen. Die Wohnungen der Verwandten sind aber nicht dafür ausgelegt, weiteren Bewohnern für längere Zeit Platz zu bieten. Bemerkt ein Vermieter eine Überbelegung, stehen die neu Hinzugezogenen auf der Straße. Zudem werden Mietverträge wegen Eigenbedarfs oder der Störung des Hausfriedens gekündigt. In diesen Fällen ist ein Aufrechterhalten des Mietverhältnisses nicht möglich.

Momentan verfügt die Stadt noch über vier Einzelplätze in einem Container für Obdachlose. Sie müsse deshalb "sehr zeitnah" neue Unterkünfte anmieten, sagt Rattenberger. Doch das Suchen von Unterbringungsmöglichkeiten ist auch für die Stadt schwieriger geworden. Familien benötigen Wohnungen mit mehreren Zimmern. Zudem will man ihnen nicht zumuten, dass in der gleichen Wohnung auch noch ein alleinstehender Obdachloser untergebracht wird. Denn bei diesen handelt es sich oftmals um Männer, die alkoholabhängig sind oder an psychischen Erkrankungen leiden.

Potenziellen Vermietern empfiehlt Rattenberger die Stadt als zuverlässigen Zahler der Wohnungsmieten. Mitarbeiter des Sozialamts der Stadt sollten zudem öfter die Bewohner der von der Stadt angemieteten Wohnungen besuchen, um mit ihnen zu sprechen und mögliche Konflikte zu vermeiden, sagt er. Außerdem will das Amt Betroffenen helfen, auf dem Wohnungsmarkt wieder eine Unterkunft zu finden. Doch dies, da gibt sich der Sozialamtsleiter keinen Illusionen hin, ist eine schwierige Aufgabe in der Region München.