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Zeitreise:Brauen wie in der Steinzeit

Ulrich Bähr rührt die Maische für das Steinzeitbier.

(Foto: Ingrid Hügenell/oh)

Ulrich Bähr dokumentiert das Bier-Projekt des Historischen Vereins

Von Ingrid Hügenell, Fürstenfeldbruck

Haben die Menschen in der Mittelsteinzeit schon Bier gebraut? Hatten die Leute, die vor etwa 8000 Jahren dort lebten, wo heute das Haspelmoor ist, die Kenntnisse und Fähigkeiten, aus Getreide ein berauschendes Getränk herzustellen? Das herauszufinden, war das Ziel eines Projekts der experimentellen Archäologie. Die Arbeitsgemeinschaft Steinzeitbier des Arbeitskreises Archäologie im Historischen Verein hat dieses Experiment Anfang 2016 begonnen.

Nun, knapp zwei Jahre nach dem Abschluss, hat Ulrich Bähr, einer der Leiter der Gruppe, ein Buch über das Langzeit-Experiment herausgebracht. "Steinzeitbier - Mesolithisches Brauen am Haspelsee und die Geschichte des Bierbrauens" ist bei Books on Demand zu haben, oder über Amazon. Das Fazit: "Ja, es war möglich, am Haspelmoor ein schmackhaftes, alkoholreiches Bier zu brauen".

Das Ziel der Gruppe war es festzustellen, ob die Menschen damals alle nötigen Schritte des Brauprozesses mit ihren Mitteln absolvieren konnten - Getreide anbauen, es zum Keimen bringen und zu dörren, also Malz herstellen - eine Maische ansetzen - den Sud zur Gärung bringen.

Und das alles ohne Werkzeuge aus Metall und ohne schon wirklich Landwirtschaft zu betreiben. Um das herauszufinden, probierten die modernen Steinzeitbrauer jeden Schritt aus. Drei Jahre waren sie beschäftigt. In Holztrögen, die aus einem Baumstamm geschnitten waren, brachten sie mit heißen Steinen Wasser zum Kochen. Die Hefe, die sie dieser Maische beigaben, gewannen sie teilweise aus selbst geernteten Him- und Brombeeren. Meist entstand so ein durchaus trinkbares Bier mit einem ordentlichen Alkoholgehalt, und einige der Getränke wiesen durchaus große Ähnlichkeiten mit modernem Gerstensaft auf.

Alles wurde dabei akribisch dokumentiert, denn das Projekt sollte nicht nur Spaß machen, sondern auch wissenschaftlichen Ansprüchen genügen. Einiges wird man wohl dennoch nie erfahren, etwa, ob die Menschen der späten Mittelsteinzeit am Haspelmoor Kontakt hatten zu frühen Jungsteinzeitlern, die schon brauen konnten und ihnen die Technik beibrachten. So bleibt es beim Ergebnis, dass sie hätten brauen können. Ob sie es wirklich taten, weiß niemand.

Die 28 Experimente der Gruppe werden in dem Buch detailliert dokumentiert. Es geht um die Herstellung von Birkenpech, mit dem Gefäße abgedichtet werden können, den Einfluss des Hopfens auf die Lagerfähigkeit und verschiedene Methoden des Maischens. Ulrich Bähr hat dazu seinen Blog zum Projekt neu aufbereitet, dazu kam neues Material. Auf den 264 Seiten finden sich 129 farbige Abbildungen "und Unmengen an Text", wie Bähr sagt. Entstanden ist so ein spannendes Kompendium der frühesten Brautechniken.

Enthalten ist außer den Beschreibung der eigenen Versuche zudem eine detaillierte Darstellung der frühen Braugeschichte. "Sonst liest man ja beim Thema Braugeschichte vor allem vom industriellen Brauen ab dem Mittelalter in Europa. Da ist dieses Büchlein sicher eine nette Ergänzung", erklärt Bähr.

Wer vorhat, selbst zu brauen oder Brauveranstaltungen vor Publikum zu machen, egal ob nach steinzeitlichen, keltischen, bajuwarischen oder mittelalterlichen Methoden, der findet in dem Band praktische Anleitungen und theoretischen Hintergrund.

Ulrich Bähr, "Steinzeitbier - Mesolithisches Brauen am Haspelsee und die Geschichte des Bierbrauens", 264 Seiten, 129 farbige Abbildungen. Über Books on Demand, 19,99 Euro

© SZ vom 19.09.2020

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