Süddeutsche Zeitung

Zehn Jahre Palliativstation:Begleitung bis in den Tod

Beim Festakt für die Einrichtung in der Kreisklinik fordert Anselm Grün zu mehr Lebensmut auf

Die Palliativstation im Kreisklinikum betreut jährlich 200 bis 250 Patienten. "Wir beschäftigen uns mit der letzten Lebensphase, in der es gilt, Abschied zu nehmen", erläuterte Leiter Rolf Eisele den Auftrag der Einrichtung, die am Samstag mit einem Festakt in der Aula des Graf-Rasso-Gymnasiums ihr zehnjähriges Bestehen feierte. Etwa 17 Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen kümmern sich um jeweils sieben Patienten und versuchen "eine würdevolle und schmerzfreie Begleitung am Lebensende", wie die Landtagsabgeordnete Kathrin Sonnenholzner (SPD) in ihrem Grußwort formulierte.

Die gelernte Ärztin Sonnenholzner erinnerte daran, dass Palliativstationen kaum mehr als 30 Jahre alt sind. Die erste gab es 1983 in Köln, das erste Hospiz 1986 in Aachen. Nur zehn Lehrstühle für Palliativmedizin würden an deutschen Universitäten bestehen und erst seit 2007 gehört sie zum Leistungskatalog der gesetzlichen Krankenversicherungen. "Von einer flächendeckenden Versorgung sind wir in Bayern noch weit weg", so Sonnenholzer. Auch sei das Angebot bei der Bevölkerung noch nicht sehr bekannt. Nur 4,5 Prozent der Sterbenden würden das Angebot bis jetzt annehmen. Johann Wieser, der stellvertretenden Landrat, betonte in seiner kurzen Ansprache, dass die Palliativmedizin die bessere Alternative zur Sterbehilfe sei.

Den ideologischen Rahmen gab Pater Anselm Grün der Festveranstaltung. Der Benediktiner-Pater im Kloster Münsterschwarzach hat etwa 200 zumeist spirituelle Bücher geschrieben oder mitgeschrieben und beschäftigte sich bei der Feier in einem 50-minütigen freien Vortrag mit dem Leben und mit dem Tod. Beides betrachtete er als Einheit. "Der Tod will das Leben verstärken", sagte Grün eingangs und bezog sich auf das Lukas-Evangelium. "Ungelebtes Leben kann man schlecht loslassen", fuhr er fort. "Viele, die nicht sterben können, haben nie gelebt." Grundsätzlich meinte Grün: "Es ist notwendig, sich täglich den Tod vor Augen halten. Deshalb ist es wichtig, bewusst zu leben und auch im Augenblick zu leben."

"Es ist modern", so Grün, "bei einer Krankheit immer eine psychische Ursache zu sehen". Er widersprach der "Theorie", dass der Mensch immer selbst schuld sei, zum Beispiel am Brustkrebs. "Lassen sie all diese Deutungen", sagte der 70-jährige Pater nachdrücklich. "Die Krankheit ist ihnen widerfahren." Er sprach sich auch für "Wahrheit und Wahrhaftigkeit am Krankenbett" aus und dafür, dem Kranken die volle Wahrheit über seine Erkrankung zu sagen. "Aber nie, ohne die Hoffnung aufzugeben, die Hoffnung auf wertvolle Tage und wertvolle Zeit." Mit dem Kranken sollte nicht oberflächlich geredet werden. "Wir sollten ihm die Freiheit lassen, über das zu reden, was er möchte", so Grün. In der Sterbehilfe, "dem aktiven Suizid", sah der Festredner einen "aggressiven Akt". Der Festredner sicher: "Die Palliativmedizin ist die humane Antwort dagegen." Der Suizid würde spalten und nicht mit den Angehörigen versöhnen. Grün, der stark von dem Psychologen Carl Gustav Jung inspiriert wurde, zeigte sich wie dieser überzeugt, dass "der Tod eine Wandlung in etwas Größeres ist". Das Denken an den Tod mache Lust zu leben. Grüns Fazit: "Wir haben es nicht in der Hand. Es ist, wie es ist."

Zwei Wochen bleibt der Sterbende in der Regel auf der Brucker Palliativstation. "Es wird aber niemand entlassen", erklärte Erna Schenn, die seit Eröffnung der Einrichtung die leitende Pflegekraft auf der Station ist. Die Krankenkasse beteiligt sich an den Aufenthaltskosten bis zu vier Wochen. Den Rest muss die Palliativstation durch Spenden finanzieren. Dafür hat sich ein Förderverein gegründet. 2,5 Planstellen pro Bett bezeichnet Erna Schenn nicht als üppig, aber als ausreichend. Ganz wichtig ist ihr, dem Menschen in seiner letzten Phase "die Würde zu schenken", die er verdient.

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SZ vom 26.05.2015
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