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Wohngemeinschaft:Dach über dem Kopf

Die Caritas hat in Fürstenfeldbruck eine Unterkunft eingerichtet, in der junge wohnungslose Menschen aus dem Landkreis aufgenommen werden. Die Bilanz nach knapp einem Jahr fällt positiv aus

Zum Tag der offenen Tür kommen Vertreter der Behörden sowie Experten.

(Foto: Carmen Voxbrunner)

In der Nische, an der die Treppe vorbeiführt, steht neben der Waschmaschine ein Kühlschrank - mit abschließbaren Einzelfächern. In so einer Wohngemeinschaft vermeide das Streitereien, weiß Kai Kucharcik. Der 29-Jährige leitet das zunächst auf drei Jahre befristete Versuchsprojekt im ehemaligen Warmbad auf der Lände, in direkter Nachbarschaft zum Alten Schlachthof und Bauhof. Seit fast einem Jahr gibt es die Beratungsstelle und Unterkunft der Caritas "für junge, akut wohnungslose Menschen" aus dem Landkreis.

Projektleiter Kai Kucharcik erläutert die Einrichtung.

(Foto: Carmen Voxbrunner)

An die 30 Gäste sind zu diesem eher inoffiziellen Tag der offenen Tür gekommen, darunter auch Landratsstellvertreterin Martina Drechsler, Gröbenzells Bürgermeister Martin Schäfer, Vertreterinnen des Resozialisierungsvereins Sprint sowie Sozialamtsleiter Johannes Loibl. Caritas-Abteilungsleiter Heinrich Baumann blickt durchaus zufrieden auf die zurückliegenden Monate - nachdem die bisher in dem haus untergebrachte Kontakt- und Begegnungsstätte für Menschen mit einer Suchterkrankung "P6" ins Gewerbegebiet umgezogen war. Den für die Unterbringung von Obdachlosen zuständigen Städten und Gemeinden soll mit der Einrichtung geholfen - und junge Menschen getrennt von älteren Obdachlosen untergebracht werden.

Heinrich Baumann (Mitte) ist bei der Caritas für Obdachlose zuständig.

(Foto: Carmen Voxbrunner)

Denn 18- bis 27-Jährige benötigen eine andere Betreuung, das wissen Kucharcik und die beiden Sozialpädagogen Barbara Roth und Patrick Fissel. Alkoholprobleme sind zwar auch bei Jugendlichen durchaus ein Thema, oftmals aber landen sie nach familiären Streitigkeiten oder handgreiflichen Auseinandersetzungen mit dem Vater auf der Straße. Mit dem 18. Geburtstag werden sie dann nicht selten vor die Tür gesetzt. Eltern sind zwar bis zum Abschluss der ersten Ausbildung unterhaltspflichtig, die Wohnungssuche erleichtert das aber kaum. Die Zahl der im Landkreis registrierten Obdachlosen im Alter zwischen 18 und 27 steigt kontinuierlich: so waren es 2014 149 und im Folgejahr bereits 199. Neuere Erhebungen gibt es nicht.

Die Einrichtung soll auch die Eigenständigkeit fördern - fürs Abwaschen sind die jungen Bewohner selbst zuständig.

(Foto: Carmen Voxbrunner)

In Fürstenfeldbruck sind seit November fünf dieser jungen Obdachlosen aufgenommen worden, allesamt Männer. Es gibt eine sechswöchige Probezeit, insgesamt sollten sechs Monate nur in Ausnahmefällen überschritten werden. Voraussetzung ist zudem, dass die Klienten Engagement zeigen. Unterstützt werden sie bei der Suche nach Ausbildung oder Arbeit von der Caritas, die selbst im Hofcafé Beschäftigungsmöglichkeiten anbietet, sowie vom Jobcenter. Sofern sie genügend verdienen, wird ihnen eine Beteiligung an den auf 18 Euro pro Übernachtung veranschlagten Kosten abverlangt. Würden Bewohner wiederholt gegen die vereinbarten Regeln verstoßen, zu denen neben Drogenabstinenz eine gewisse Pflege von Gemeinschaftsküche und -bad gehören, dann könnten sie in eine der regulären Obdachlosenunterkünfte verlegt werden. Das freilich will niemand, denn das Haus mit den drei Doppelzimmern und dem kleinen Garten ist so etwas wie eine richtige Wohngemeinschaft. Und die jungen Bewohner leben durchaus selbständig und haben eigene Wohnungs- sowie Haustürschlüssel. An diesem Tag ist nur einer der zurzeit zwei Bewohner daheim. Der hat die Tür im ersten Stock geschlossen und will seine Ruhe haben. Baumann hat dafür Verständnis und führt die Gäste am kleinen Büro entlang in die Küche. Die versprüht den Charme der Siebzigerjahre, verfügt aber immerhin über eine funktionstüchtige Geschirrspülmaschine. Der Landkreis steuert jährlich etwa 120 000 Euro bei, vor allem um Personalkosten zu decken. Mittel stellten unter anderem auch Hans-Kiener-, Sparkassen-, Pater-Rupert-Mayer- sowie Bürgerstiftung und "Hand in Hand" bereit.

© SZ vom 28.09.2018

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