Wirtschaft:Die Lücken in den Regalen werden größer

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Wirtschaft: Branchenübergreifend klagen Betriebe über Lieferengpässe. Das Foto zeigt einen Teil des Sortiments im Baustoffzentrum Olching.

Branchenübergreifend klagen Betriebe über Lieferengpässe. Das Foto zeigt einen Teil des Sortiments im Baustoffzentrum Olching.

(Foto: Carmen Voxbrunner)

Die andauernden Lieferengpässe bringen ganze Branchen in Schwierigkeiten. Wie die Unternehmen im Landkreis Fürstenfeldbruck mit der Herausforderung umgehen.

Von Heike A. Batzer, Peter Bierl, Karl-Wilhelm Goette, Ariane Lindenbach, Noah May und Erich C. Setzwein, Fürstenfeldbruck

Lieferketten, die nicht mehr funktionieren, knappe Rohstoffe, explodierende Energiepreise: Viele Unternehmen sind schwer belastet. All das schlägt auch auf die Verbraucher nieder, die ihrerseits extrem teuer gewordene Produkte einkaufen oder nie zuvor gekannte Wartezeiten in Kauf nehmen müssen. Vor welchen Herausforderungen Betriebe im Landkreis Fürstenfeldbruck stehen, berichten Firmeninhaber und Geschäftsleiter aus unterschiedlichen Branchen.

Automobil

Wer ein neues Auto kaufen will, muss Geduld aufbringen. Einen neuen Ford, egal ob mit Benzin, Diesel oder Strom angetrieben, gibt es erst im Frühjahr wieder, sagt der Autohändler Hans Rauscher aus Olching. Zum einen habe die Produktion von Halbleitern nicht ausgereicht, vor allem nicht für Autos mit gehobener Ausstattung. Nach Ende der Werksferien aber sollte sich das bessern. Zum anderen wurden von den Elektro- und Hybridfahrzeugen wegen der staatlichen Förderung deutlich mehr verkauft als geplant, berichtet Rauscher. Nach Angaben von Willi Brugglehner, Geschäftsführer des Autohauses Rasch und Hecht in Fürstenfeldbruck, fehlt es im Prinzip an allem, an Ersatzteilen, Reifen, Öl und anderen Flüssigkeiten, Bremsscheiben oder Bremsklötzen. Bei Autos, vor allem bei Elektromobilen, herrsche ein Engpass seit September 2021. Dafür nennt er unterschiedliche Gründe, teilweise funktionierten Lieferketten nicht, auch fehlte es an seltenen Erden für die Produktion von Elektroautos. "Für die Kunden ist das nicht nachvollziehbar", erzählt er. Wer einen Neuwagen kaufen wolle, müsse sich deshalb auf Lieferzeiten von bis zu zwei Jahren einstellen.

Elektronik

"Lieferengpässe gibt es", sagt Jürgen Kostakis, Marktleiter des Techno-Marktes in Germering: "Es war jedoch schon schlimmer." Momentan zählt er Lieferprobleme bei Mobiltelefonen, E-Scootern und teilweise bei Waschmaschinen auf. Die Elektronik komme aus dem Ausland, vornehmlich aus Asien und da aus China, weil es in Deutschland keine Chip-Produktion mehr gibt. Bei Waschmaschinen kann es bei bestimmten Marken zu Wartezeiten von drei bis vier Wochen kommen. "Aber auch andere Marken sind gut", sagt Kostakis. Auffällig sei, dass es beim Angebot von Fernsehgeräten, das von asiatischen Herstellern dominiert werde, zu 90 Prozent nie zu Lieferproblemen gekommen sei. "Das ist ein Phänomen," sagt Kostakis. Diese Lieferengpässe seien jedoch nicht vergleichbar mit jenen in Lockdown-Zeiten: "Da hatten wir bei Geschirrspülern zwei Geräte da und die anderen zehn Plätze waren leer. Jetzt sind zehn voll und zwei leer." Momentan scheinen sich die Kunden offenbar gegen einen befürchteten Stromausfall zu rüsten. Aufladbare Akkus würden spürbar vermehrt nachgefragt und Batterien.

Wirtschaft: Auch bei Edeka in Maisach fehlen Produkte in den Regalen.

Auch bei Edeka in Maisach fehlen Produkte in den Regalen.

(Foto: Carmen Voxbrunner)

Lebensmittel

Natürlich habe auch er mit Lieferengpässen zu kämpfen, sagt Toni Leich. Der Leiter des Edeka in Maisach erlebt seit Ausbruch der Pandemie vor zweieinhalb Jahren immer wieder, dass einzelne Produkte oder auch ganze Marken nicht ankommen. Das ist mit dem Krieg in der Ukraine nicht besser geworden. Im Frühjahr 2020 war es Klopapier, im Spätsommer 2022 gibt es unter anderem Engpässe bei Babynahrung und Tierfutter. "Tiernahrung ist momentan ein großes Problem, gefühlt sind die Regale da ganz leer", berichtet er. Und auch Mineralwasser für Säuglinge oder asiatische Nudelsuppen einer bestimmten Marke sind rar. Nach seinen Informationen sind es ganz unterschiedliche Gründe, die jetzt beispielsweise eine spezielle Nudelsuppe zur Mangelware machen. "In der Ukraine wurde eine Lagerhalle zerbombt", weiß der Kaufmann in diesem Fall zu berichten. Aber das ist die Ausnahme. Normalerweise würden die Bestellungen einfach nicht geliefert, eine Erklärung gebe es nicht. So viel Verständnis wie Leich für seine Lieferanten bringen seine Kunden angesichts fehlender Lieblingsprodukte eher nicht auf. "Viele reagieren verärgert, haben kein Verständnis dafür", berichtet er. Dabei gebe es Alternativen in mehrerlei Hinsicht: "Meine Frau und ich kaufen dann halt was anderes." Denn im Unterschied zum Frühjahr 2020 gibt es dem Edeka-Chef zufolge zurzeit für fast alle fehlenden Produkte noch vergleichbaren Ersatz.

Medizin

Apotheker Sebastian Baehs steigt sofort voll ein: "Die akuten Lieferprobleme sind eine absolute Mega-Katastrophe." In normalen Zeiten seien etwa 50 Medikamente nicht lieferbar gewesen, jetzt seien es 250 bis 300. Baehs ist sich sicher: "Das ist von unserem Personal nicht mehr händelbar, da ständig beim Großhandel nachzufragen." Besonders seien jetzt Kinder betroffen, die zum Beispiel einen Paracetamol- oder einen Ibuprofensaft benötigen. "Die Hersteller machen mit diesen Säften gerade ein dickes Minus", erläutert Baehs, der zwei Apotheken in Germering betreibt. Durch gestiegene Energiekosten und Kosten für benötigte Kunststoffe lohne sich die Herstellung kaum noch. Zudem seien die Krankenkassen nicht bereit, ihre Vergütungen für solche und andere Medikamente anzupassen. "Immer mehr Hersteller steigen da aus", so der Apotheker. Während Corona habe es auch Lieferschwierigkeiten aus Asien, so aus China und Indien, gegeben, aber die momentanen wirtschaftlichen Probleme führten zu noch mehr Verwerfungen und Produktionseinstellungen. Die Folge ist, so Baehs: "Die Apotheken bunkern bestimmte Medikamente schon wie Klopapier."

Wärmepumpen

Die erste Hysterie, sagt Kai Höfer, sei vorbei. Nach dem Gaspreis-Schock seien die Menschen nun zur Ruhe gekommen. "Sie denken jetzt mehr nach", sagt der für den Außendienst zuständige Mitarbeiter von F+S Wärmepumpen aus Fürstenfeldbruck. Höfer muss seine Kunden, die jetzt eine Wärmepumpe bestellen, um die Gas- oder die Ölheizung zu ersetzen, bis März, April kommenden Jahres vertrösten. Zwar kommen die Wärmepumpen der Fürstenfeldbrucker Firma nicht aus dem Ausland, sondern werden im eigenen Werk im niederbayerischen Eggenfelden gefertigt, aber die benötigten Bauteile wie Lüfter haben teilweise lange Lieferfristen. Auf Pufferspeicher beispielsweise müsse man sechs bis sieben Monate warten, auch die Lieferung von Umwälzpumpen dauere. Das Unternehmen, das seine Firmensitze für Kältetechnik im Maisacher Ortsteil Gernlinden und für Wärmepumpen in der Kreisstadt hat, produziert die Anlagen selbst und baut sie auch ein. So hat Höfer Einblicke in die Branche, denn auch Heizungsbauer seien seine Kunden. "Manche Heizungsbauer nehmen gar keine Termine mehr an, die haben Aufträge für das ganze nächste Jahr." Doch auch bei den Heizungs- und Sanitärfirmen ist der Materialmangel zu spüren, und so mancher Fertigstellungstermin kann nicht eingehalten werden.

Wirtschaft: Auf dem Gelände des Baustoffzentrums Olching besprechen sich (von links) Disponent Leonhard Keller, Fachmarktleiter Michael Riepl und Geschäftsführer Christian Huber zwischen Beständen an Plastikrohren und Dämmmaterial.

Auf dem Gelände des Baustoffzentrums Olching besprechen sich (von links) Disponent Leonhard Keller, Fachmarktleiter Michael Riepl und Geschäftsführer Christian Huber zwischen Beständen an Plastikrohren und Dämmmaterial.

(Foto: Carmen Voxbrunner)

Baustoffe

"Es verschiebt sich alles", sagt Christian Huber, Inhaber des Baustoffzentrums Olching. Schon seit Corona ist das der Fall. So kommt es vor, dass beispielsweise Fenster und Türen nicht geliefert werden können oder dass die Glaselemente dafür fehlen. Einmal mussten die Bauteile zunächst ohne die Glaselemente eingebaut werden - damit die nachfolgenden Gewerke auf den Baustellen weitermachen konnten. Anderes Beispiel: das Dach. Bei "allem, was mit Solar zu tun hat", sagt Huber, dauere es derzeit länger. Teilweise könne man den Kunden überhaupt keine Liefertermine nennen. Auch im Baumarkt ist das Sortiment nicht komplett, vor allem "das, was mit Heizen zu tun hat", sagt Huber. So sind Holzbriketts teilweise ausverkauft. Nach Ansicht der Baywa, die auch in Fürstenfeldbruck vertreten ist, machen sich gerade bei Baustoffen, für deren Herstellung viel Energie eingesetzt wird - Beton, Glas, alle Materialien aus gebranntem Ton -, die massiv gestiegenen Energiepreise bemerkbar und schlagen sich dann auch auf den Produktpreis nieder. Auch bestehe die Gefahr, dass Hersteller besonders energieintensiver Baustoffe wegen der Preisdynamik die Produktionslinien drosseln - "oder im ungünstigsten Fall einstellen", sagt Georg Bichle, Leiter Vertriebsregion Süd bei BayWa Baustoffe. Die Versorgung der Kunden sei gesichert, Wartezeiten aber nicht auszuschließen. Christian Huber vom BZO zufolge waren die Lieferschwierigkeiten zu Jahresbeginn besonders schlimm. Derzeit mache sich ein wenig Entspannung bemerkbar, großen Optimismus will er daraus aber nicht ableiten: "Es ist ja gerade schwierig mit den Wirtschaftsaussichten."

Getränke

Die Getränkeindustrie kämpft mit einem Kohlensäuremangel. Kohlendioxid ist ein Nebenprodukt der Düngemittelherstellung, diese wurde jedoch aufgrund der hohen Gaspreise zurückgefahren. Nach Schätzungen der Bundesvereinigung der Deutschen Ernährungsindustrie beträgt der Einbruch der üblichen Liefermengen an Kohlensäure bis zu 60 Prozent, somit haben Mineralwasserhersteller, aber auch viele Brauereien Produktionsschwierigkeiten. Zumindest bei der Brauerei Maisach gibt es noch keine Engpässe: "Glücklicherweise sind wir davon nicht betroffen", sagt Geschäftsführer Michael Schweinberger. Die Liefermengen seien momentan gesichert und man verfüge über einen zuverlässigen Lieferanten, zu dem eine langjährige und vertraute Partnerschaft bestehe. Außerdem produziere das Unternehmen, das die Maisacher Brauerei beliefert, Kohlensäure selbst und sei demnach unabhängig von der Düngemittelbranche. Ganz ausschließen könne man zukünftige Lieferprobleme allerdings nicht, zu unvorhersehbar sei die momentane Marktsituation, so der Brauerei-Chef.

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