Der Maler Wilhelm Leibl, der vor 125 Jahren starb, hat wie kaum ein anderer im 19. Jahrhundert das Bauernleben in Oberbayern in den Blick genommen. Seine Bilder werden heute in Museen ausgestellt und bewahren Einblicke in vergangene ländliche Lebenswelten. Dabei hatte der Künstler, wie es oft so ist, zu Lebzeiten mit einigen Widerständen zu kämpfen. Bauernmaler wurde er abschätzig genannt, weil seine höchst realistischen Bilder meist Szenen aus dem Leben der Landbevölkerung zeigten, die manche Kritiker hässlich fanden – und die auch so manche porträtierte Person als Beleidigung empfand.
Zudem soll er Modelle verärgert haben, weil sie viel Geduld haben mussten. Angeblich dauerten Sitzungen, zum Beispiel für die berühmten Bilder „Ungleiches Paar“ oder „Der Liebesbrief“, oft bis spät in die Nacht, und der Maler bestand auf absolutes Stillhalten, exakt in der für das Bild gewünschten Haltung. Es kam ihm darauf an, die Spuren des entbehrungsreichen Landlebens darzustellen, die sich in die Gesichter eingegraben hatten. Von Schönfärberei oder Idealisieren hielt Leibl nichts.
Wilhelm Leibl kam aus dem Rheinland zum Akademiestudium nach München und bezog 1873 im Olchinger Ortsteil Graßlfing eine Wohnung. Wie viele Malerkollegen inspirierte ihn die Moorlandschaft, die für ihn, der Mitglied der Münchner Schule war, zum Schauplatz und zur Kulisse seiner Freilichtmalerei wurde. Leibl war angeblich sehr temperamentvoll und aufgrund seiner Körperkraft sogar gefürchtet. Er führte ein unstetes Leben, das ihn bald nach Schondorf am Ammersee und später nach Berbling bei Bad Aibling verschlug, wo er bis zu seinem frühen Tod mit nur 56 Jahren zahlreiche Werke schuf.
Die Bezeichnung Bauernmaler ist dem Künstler auch nach seinem Tod geblieben, allerdings unter dem Aspekt großer Wertschätzung, denn kaum ein anderer hat Bauern und Bäuerinnen im 19. Jahrhundert so lebensgetreu und detailliert gemalt. Wilhelm Leibl wurde am 23. Oktober 1844 als Sohn von Domkapellmeister Carl Leibl in Köln geboren, der aus München stammte. Nach einer Schlosserlehre lernte er drei Jahre an einer Düsseldorfer Malschule, um dann in München die Akademie Carl von Pilotys in der Neuhauser Straße zu besuchen.

1868/69 durfte er auf der Münchner Kunstausstellung sein „Bildnis der Frau Gedon“ ausstellen, das dem damals berühmten französischen Maler Gustave Gourbet so gut gefiel, dass er den jungen Maler 1869 nach Paris holte. Dort erzielte Leibl mit dem Gemälde, das die Frau von Gourbets Freund Gedon zeigt, eine Goldmedaille. In Paris malte er unter anderem „Die Kokotte“ und „Die alte Pariserin“. Außerdem konnte er dort mit Courbet seiner zweiten Leidenschaft frönen: der Jagd. Nach dem Ausbruch des Deutsch-Französischen Krieges 1870 kehrte der Künstler nach München zurück und zog 1872 mit seinem Malerkollegen Johann Sperl, mit dem er den „Leiblkreis“ gegründet hatte, ins Graßlfinger Moos, wo er in der Sägemühle wohnte.
Hier konnte er auch zur Jagd gehen und sogar einen Hund halten, der ihm allerdings wenig Glück brachte. Als sein Hund Marko auf ein Pferd losgegangen war und eine ganze Herde in Panik versetzt hatte, blieb ihm nur, den Vierbeiner zu erschießen. Wenig Freude hatte Leibl auch mit der Müllerfrau. Sie hatte ihm Modell gesessen und war verärgert, dass der Künstler auf ihre weiblichen Reize nicht reagierte. Als Leibl eines Nachts, angeblich angetrunken, vom Schlossgut Geiselbullach nach Hause ging, wurde er von Schäfern überfallen, die angeblich die verschmähte Müllerin auf ihn gehetzt hatte. Er blieb schwer verletzt liegen, wurde von einem jungen Geistlichen gefunden und in ein Münchner Krankenhaus gebracht. In die Mühle kehrte er alsdann nicht mehr zurück, sondern bezog zunächst ein Zimmer im nahen Remontedepot.
Mit dem Schriftsteller Anton von Perfall ging Leibl am Ammersee zur Jagd
Im Frühjahr 1875 kam der Maler bei einem Fischermeister in Unterschondorf am Ammersee unter. Dort schloss er Freundschaft mit dem Jagdschriftsteller Anton von Perfall, mit dem er auch jagen ging. Nachdem Leibl Pefalls Vater porträtiert hatte, häuften sich die Aufträge. Für „Dachauerinnen im Wirtshaus“ erhielt er 1876 eine Goldmedaille. Und die Wirtstochter Resl Steininger wurde seine große Liebe. Sie bekamen einen Sohn, der jedoch mit neun Monaten starb, was die uneheliche Verbindung trübte. Als eine frühere Bekannte des Künstlers auftauchte, wurde Resl eifersüchtig, woraufhin die Partnerschaft zerbrach, mit Folgen: Angeblich hatte Leibl die Wirtstochter im Gemälde „Ungleiches Paar“ porträtiert, wofür er angesichts der „Liebesaffäre“ bei vielen Schondorfern in Ungnade fiel.

1878 zog er daher nach Berbling bei Bad Aibling, wo sein bekanntestes Werk „Drei Frauen in der Kirche“ entstand. Dem „Kölner in der Lederhose“, wie er vor Ort genannt wurde, überkamen trotz seines Erfolges immer wieder Selbstzweifel und Depressionen, sodass er einmal sogar zwei seiner eigenen Werke zerschnitten haben soll. „Es ist eine Schande, dass ein Mann, mit solcher Kraft wie ich, eine so feine Arbeit treibt. Was könnte ich als Bauer leisten?“, soll er nach Überlieferung einmal gesagt haben: Worte, in denen seine Unzufriedenheit mit sich und seinem Leben deutlich zum Ausdruck kommt. Leibl jedoch blieb der Malerei treu, führte trotz materiellem Wohlstand ein einfaches Leben und arbeitete zunehmend mit noch mehr Inbrunst.
Am 4. Dezember 1900 starb er an einer Herzvergrößerung, die ihn seit 1890 plagte und die er sich durch tägliches Krafttraining zugezogen hatte. Schwer zu schaffen gemacht hatte ihm zuletzt zudem eine Augenkrankheit. Viele seiner Gemälde befinden sich in großen Museen, zum Beispiel im Städelschen Kunstinstitut in Frankfurt, aber auch in der Region kann man Bilder bewundern, zum Beispiel in Dachau. Als Hauptwerke gelten die Gemälde „Drei Frauen in der Kirche“, „Die Wildschützen“ und „Die Frauen in der Spinnstube“.

