Zwischen Haspelmoor, Augsburg und LandsbergLiebeswirren und Scheiterhaufen

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Klaus und Uschi Pfaffeneder bei einer Lesung aus ihrem historischen Roman, der in Jesenwang, Hörbach und Günzlhofen spielt.
Klaus und Uschi Pfaffeneder bei einer Lesung aus ihrem historischen Roman, der in Jesenwang, Hörbach und Günzlhofen spielt.
Peter Wilson/oh

Klaus und Uschi Pfaffeneder haben einen spannenden historischen Roman über die Wiedertäufer vorgelegt. Basierend auf den Recherchen von Toni Drexler und Barbara Kink erzählen sie das Schicksal einer jungen Frau, die sich den rebellischen Radikalen der Reformation anschließt.

Von Peter Bierl, Hörbach

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Die Reformation, die Auflösung der ideologischen und weltlichen Herrschaft der Päpste über West- und Mitteleuropa, beginnt um 1372 in England mit dem Theologen John Wiclif und den Lollarden und setzte sich in Böhmen mit Jan Hus und seinen Anhängern fort. Hus wurde 1415 auf dem Scheiterhaufen in Konstanz verbrannt. Danach vergingen noch mehr als hundert Jahre, bevor Martin Luther seine Thesen an die Kirchentür von Wittenberg nagelte. Er rügte zwar die Praktiken der katholischen Kirche, predigte aber in weltlichen Belangen den Untertanengeist. Luther war ein fanatischer Antisemit, wollte Hexen am liebsten eigenhändig verbrennen und forderte die feudale Obrigkeit auf, rebellische Bauern zu massakrieren.

Die Fürsten schlugen deren Aufstand blutig nieder. Im Untergrund formierten sich danach die Wiedertäufer, so genannt, weil ihre Anhänger sich erneut taufen ließen. Was sie mit den Bauern verband, war der Wunsch nach gesellschaftlicher Veränderung, der Protest gegen die Ausplünderung durch Adel und Klerus. Die Wiedertäufer glaubten an die baldige Wiederkehr Christi, vertraten eine urchristlich-kommunistische Gütergemeinschaft und lehnten die Säuglingstaufe ab.

Der frühere Kreisheimatpfleger Toni Drexler und die Historikerin Barbara Kink, die bis Jahresende das Museum Fürstenfeldbruck leitete, haben sich mit deren Anhängern in der Region beschäftigt. Sie beschrieben Personen und Gruppen, die dieser Bewegung angehörten. Viele von ihnen wurden denunziert, verhaftet, gefoltert und schließlich verbrannt, darunter Georg Wagner aus Emmering im Februar 1527 in München. Im Herbst fahndeten die Schergen des Herzogs in Hörbach und Steinbach nach Verdächtigen. Hörbach war eine lokale Hochburg. Vier Dorfbewohner wurden von den Henkern der Wittelsbacher hingerichtet. 1999 wurde in dem kleinen Dorf ein Täuferbrunnen errichtet, der an die Opfer erinnert.

Auf solchen soliden Recherchen basiert der historische Roman „Die Schwester des Ketzers – Propheten der Apokalypse“, den Uschi und Klaus Pfaffeneder veröffentlichten - die Fortsetzung einer Geschichte, die im ersten Roman beginnt, der während des Bauernaufstands spielt. Im Mittelpunkt steht Anna Schuster, die Tochter eines armen Kleinhäuslers im Lechrain, sowie ihr kleiner Neffe Ignaz und der Zimmerergeselle Lenz Kirchperger. Sie flüchten in dem Fortsetzungsroman von Landsberg nach Memmingen, auf der Suche nach einem neuen Leben in Frieden und Sicherheit.

Ob ihre Gefühle füreinander für ein Happy End reichen, muss sich erst zeigen, denn Lenz hatte in Landsberg eine Affäre mit Magdalena. Deren Eltern wollen sie an einen älteren Handwerksmeister verheiraten, weil sie schwanger ist, aber die rothaarige Schöne eilt Lenz hinterher. Anna wiederum zweifelt an Lenz und setzt sich nach Augsburg ab, wo sie sich den Wiedertäufern anschließt. Die Liebeswirren finden vor dem Hintergrund der historischen Ereignisse statt, der Verfolgung der Wiedertäufer nach der Niederschlagung des Bauernaufstandes. Die Handlung spielt zwischen Augsburg, Memmingen, Landsberg sowie Jesenwang und Günzlhofen und im ausgedehnten Fürchelmoos, wie das Haspelmoor damals hieß, in dem sich ein Prediger der Wiedertäufer versteckt.

Eine wichtige Rolle spielen historische Figuren wie Augustin und Christoph Perwanger, zwei reiche Adelige, die im Schloss von Günzlhofen residierten und sich den Wiedertäufern anschlossen. Es ist überliefert, dass sich Augustin mit dem Pfarrer überwarf, den er eingesetzt hatte. Der Streit trug dazu bei, dass er zusammen mit seinem Bruder am Ende gefangengenommen und in München hingerichtet wurde. Im Roman kommt es zum Showdown im Schloss, wo sich die Wiedertäufer gerade zu ihrem Weihnachtsfest versammelt haben, als die Schergen eindringen.

Die beiden Autoren, die in Landsberg leben, haben einen lesenswerten Roman vorgelegt, packend und dicht geschrieben. Der Leser kann nachvollziehen, wie beschwerlich damals der Alltag war, etwa eine Reise von Landsberg nach Memmingen zu Fuß oder auf einem Karren im Winter. Heute braucht man für die etwa 56 Kilometer auf der Autobahn eine gute halbe Stunde. Damals musste man auf halbem Weg in Mindelheim übernachten und sich sputen, damit die Stadttore nicht schon verschlossen waren. Überzeugend ist, dass Pfaffeneders keine edlen Helden schildern, sondern Menschen mit Ängsten, Zweifeln und manchmal gespaltenen Loyalitäten.

Gelungen ist das vor allem in Bezug auf die Wiedertäufer selbst, die gewaltlos handeln, sich verbergen müssen und denen ein schreckliches Schicksal droht. Anna und ihre Glaubensgenossen halten dem enormen Druck, der Verfolgung und Folter, auch stand, weil sie sich für die Auserwählten halten und der Prophezeiung eines ihrer Märtyrer glauben, wonach die Welt und damit alle Not in wenigen Wochen zu Pfingsten enden wird. In ihrer Ohnmacht träumen sie davon, dann am Tag des Jüngsten Gerichts aus den Gräbern zu fahren und mit dem Schwert bewaffnet ihre Widersacher niederzumachen.

Ergänzt wird die Geschichte durch Karten der frühneuzeitlichen Städte, ein Glossar, Literaturempfehlungen sowie Vorschläge für Touren zu den historischen Plätzen in Augsburg, und Memmingen sowie um das Haspelmoor.

Klaus und Uschi Pfaffeneder: Die Schwester des Ketzers – Propheten der Apokalypse, Liccaratur Verlag 2024, 538 Seiten, 17,90 Euro

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