Wert von Festtagen "Ostern ist der gefeierte Widerspruch"

Der evangelische Kreisdekan Markus Ambrosy diskutiert leidenschaftlich gern über Religion, Kirche und Grundfragen des Lebens. Denn: "Wovon das Herz voll ist, davon spricht der Mund."

(Foto: Günther Reger)

Für den evangelischen Kreisdekan Markus Ambrosy sprechen religiöse Feiertage elementare menschliche Erfahrungen an. Daraus resultiert für ihn ihre Berechtigung auch in einer Zeit, in der die Kirchen in der Bevölkerung stark an Zuspruch verlieren

Interview von Gerhard Eisenkolb

Pfarrer Markus Ambrosy diskutiert leidenschaftlich gern über Religion, Kirche, Grundfragen des Lebens. "Wovon das Herz voll ist, davon spricht der Mund" (Lukas, 6,45), merkt er dazu fast entschuldigend an. Womit auch gemeint sein könnte, so bin ich, ich kann nicht anders. Der promovierte Theologe stammt aus zwei Pfarrerdynastien. Er beschäftigt sich viel mit Soziologie, Betriebswirtschaftslehre und Psychologie, zudem lebte er länger in den USA. Weshalb er nicht nur theologisch argumentiert, was den Blickwinkel des Geistlichen zu den Gesellschaftswissenschaften weitet. Als Dekan leitet Ambrosy seit einem Jahr das evangelisch-lutherische Dekanat Fürstenfeldbruck.

Herr Dekan Ambrosy, Bedeutung und Ursprung von Ostern, dem wichtigsten christlichen Fest, sind vielen gar nicht oder nur vage bekannt. Bereitet Ihnen das Sorgen?

Markus Ambrosy: Nein, Sorgen mache ich mir nicht. Ich finde das bedauerlich, aber es liegt nun mal im Trend der Zeit. Wir wissen von immer mehr immer weniger. Der entscheidende Punkt ist für mich das fehlende Erleben, das zu einem religiösen Fest gehört. Religion braucht ja nicht nur Wissen, worum es geht, sondern mindestens genauso das Erleben, woran man glaubt. Wo diese Tiefendimension fehlt, kann ein Fest leicht zum bloßen Ritual werden.

Die Osterbotschaft, nämlich der Glaube an die Überwindung des Todes durch die Auferstehung, führt zur Wurzel des Christentums. Verstehen Sie, dass Menschen mit einer solchen Botschaft Schwierigkeiten haben?

Im Gegenteil! Ich würde mich wundern, wenn Menschen damit kein Problem hätten. Ostern ist gleichsam der gefeierte Widerspruch zu unserer Alltagserfahrung. Karfreitag ist wie tödliche Lavaasche - und gerade auf ihr wächst neues Leben. Am Ende siegt das Gute, trotz allem. Diese Bestärkung brauchen wir immer wieder - darum feiern wir Ostern.

Was sagt das über die Osterfeiertage aus?

Weil diese Feiertage, ebenso wie Weihnachten, Karfreitag, Erntedank usw. in der Lage sind, die Höhen und Tiefen des Lebens, also die elementarsten Erfahrungen menschlicher Existenz seit Anbeginn abzubilden, haben sie meiner Meinung nach eine bleibende Berechtigung. Es gibt praktisch keine Gesellschaft und Kultur, die auf derartige Feste verzichten kann, bei denen es um Zweifel und Hoffnung geht.

Dennoch plant nur ein geringer Teil der Christen einen Oster-Kirchgang fest ein. Wünschen Sie sich eine Volkskirche mit vollen Gotteshäusern zurück?

So ein Wunsch ist eine reine Illusion. Immer nur volle Gotteshäuser - das hat es auch in der evangelisch-lutherischen Kirche nie gegeben. Seit wir Kirchenstatistik haben, also seit dem Jahr 1876, lag die Zahl der Gottesdienstbesucher nie über rund drei Prozent, an Feiertagen natürlich mehr. 75 Prozent der Kirchenmitglieder wünschen aber bis heute regelmäßige Gottesdienste, freilich ohne sie selbst besuchen zu müssen. Zustimmung zu Glaubensinhalten und Besuch von Gottesdiensten sind zwei Dinge. Zudem ist das evangelische Christentum auch so angelegt. Es geht um vielfältige Formen der Gottesbegegnung, und die Woche hat sieben Tage. Der Sonntagsgottesdienst ist eine Möglichkeit neben vielen.

Weil das christliche Fundament erodiert, wird immer wieder mal gefordert, kirchliche durch weltliche Feiertage zu ersetzen. Etwa durch einen Tag des Grundgesetzes, der Werteordnung unserer Demokratie. Könnten Sie dem zustimmen?

Für mich ist das keine Frage von entweder oder. Wenn es ein Bedürfnis nach Orientierung gibt mit einem entsprechenden thematischen staatlichen Feiertag, warum nicht. Weltliche und kirchliche Feiertage sind für mich keine Konkurrenz, sondern komplementär zu sehen. Angesichts der eher zeitlos existenziellen Dimension kirchlicher Feiertage wirkt aber die Vorstellung von einem Tag des Grundgesetzes auf mich etwas sehr konstruiert und blutleer. Ob hier die Massen strömen würden, wie man es immer wieder von religiösen Feiertagen fordert? Richtige Publikumsmagnete sind der 1. Mai und der 3. Oktober ja auch nicht, und keiner will sie deswegen abschaffen.

Was unterscheidet einen christlichen Feiertag von einem weltlichen?

Dass wir die Voraussetzungen, aus denen wir leben, nicht selbst geschaffen haben, das machen wir uns bewusst. Es geht bewusst um Selbstrelativierung, die Religion immer wieder gegen menschliche Selbstüberschätzung, auch die eigene, ins Spiel bringt: Du bist viel, aber eben nicht alles. Daran erinnert zu werden, haben wir immer wieder dringend nötig.

Worin liegt der Mehrwert von christlichen Feiertagen?

Es ist kein Mehrwert, sondern ein anderer. Eine andere Art des Zugangs und der Sichtweise. Die Väter und Mütter des Grundgesetzes wussten meines Erachtens sehr genau, dass es außerhalb des staatlichen Kontextes auch Feiertage braucht, die neben dem Feiern auch Anlass zu kritischer Selbstprüfung bieten. Darum die relativ vielen kirchlichen Feiertage, auch eine Art demokratisches Selbstkorrektiv in einer werteorientierten Gesellschaft.

Wozu braucht eine evangelische Kirche Feiertage?

Zu der immer wieder notwendigen Selbstbestimmung und zur Ermutigung. Im Kern unterscheiden sich unsere Feiertage aber nicht von denen anderer christlicher Konfessionen. Letztlich vergegenwärtigen sich alle Kirchen an den Feiertagen der grundsätzlichen Fragen von Gott und Mensch, mit einem jeweiligen unterschiedlichen inhaltlichen Akzent je nach Fest.

Feiertage sind nicht für ewig festgeschrieben. So mussten Christen zur Finanzierung der Pflegeversicherung auf den Buß- und Bettag verzichten und für eine Sozialleistung einen zusätzlichen Arbeitstag schlucken. War das ein Fehler?

Ungerecht nicht, die evangelische Kirche hat dem Staat ja selbst das Angebot gemacht. Als eigenen Feiertag vermisse ich ihn persönlich nicht, vermutlich wie die meisten. Er wirkte auf mich immer ein wenig in der Luft hängend, mit dem Geschmack verordneter Buße. Sein Anliegen finde ich in jedem Gottesdienst wieder: Kritische Besinnung. Mit Erntedank, auch dem Reformationstag und anderen verbinde ich dagegen einen natürlichen Bezug zu unserer Lebenswirklichkeit. Man sieht es ja am guten Gottesdienstbesuch an diesen Tagen, weil sie an elementare Erfahrungen unseres Menschseins anknüpfen.

Christliche Feste haben ja auch einen Freizeitwert. Wie wichtig ist dieser Aspekt?

Wir müssen Rhythmen und Anlässe schaffen, dass Menschen, Familien und Freunde sich begegnen können. Sonst besteht die Gefahr, dass aus einer Gesellschaft von Individualisten eine Gesellschaft von vereinsamten Egoisten wird. In einer digitalisierten Welt werden echte Begegnungen zwischen Menschen immer wichtiger. Kirchliche Feiertage ermöglichen auch das, bieten im Jahreslauf regelmäßig Brücken- und Festtage als ein Forum für solche Begegnungen. Es geht durchaus im Sinne des Wortes in einer zunehmend fremdgesteuerten Welt um Frei-Zeit.

Das ändert nichts daran, dass die christlichen Kirchen in einer existenziellen Glaubenskrise stecken.

Die Glaubenskrise ist keine rein kirchliche Krise. Die gesamte Gesellschaft befindet sich in einer großen Krise, im Umbruch.