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Werkschau:Spurensuche

Die sehenswerte Ausstellung des Germeringer Kunstkreises führt zu einer Reise durch das Selbst

Von Florian J. Haamann, Germering

Es ist eine geradezu philosophische Ausstellung, die der Germeringer Kunstkreis in der Stadthalle präsentiert. Annäherend jedes Werk für sich ermutigt den Besucher sich Gedanken zu machen: Über das Selbst, die Vergänglichkeit, die Umwelt, den Konsum, die Liebe. Durch die kluge und moderne Konzeption der Ausstellung wird der Betrachter behutsam durch die Themengeführt. Eine gelungene und gut kuratierte Mischung aus Installationen, Skulpturen, Videos und Gemälden sorgt dafür, so etwas wie Eintönigkeit gar nicht erst entsteht. Und so ist "Spuren" im Foyer der Stadthalle zum Abschluss des Jahres noch einmal ein echter Ausstellungshöhepunkt.

Stellvertretend für alle die Spuren, die ein Mensch in seinem Leben hinterlässt und die Verflechtungen, die dadurch entstehen, steht die Installation "Performers - lucilia sericata" von Elias Naphausen. In einen Glasrahmen mit weißer Rückwand hat er mehrere lebende Goldfliegen (Lucilia Sericata) gesetzt. Eine Kamera nimmt ihre Position auf und ein Computer produziert in Echtzeit ein Bild aus Verbindungslinien zwischen den Tieren, das auf eine weiße Wand projiziert wird. Durch die ständigen Bewegungen entsteht ein sich kontinuierlich wandelndes geometrisches Muster. Jeder Schritt verändert das Ganze, alles beeinflusst alles.

Wie weitreichend kleine Unachtsamkeiten oder Ignoranz sein können, zeigt die Installation "Meerglas - Lacrime del mare" von Christine Ostheimer. Im Urlaub in Ligurien hat sie über zwei Wochen lang am Strand angespültes Altglas gesammelt. Zusammen gekommen sind dabei zwei Kilo geschliffenes, geformtes, matte Buntglas. Aus diesem Material hat sie mehrere kleine Werke gemacht, atmosphärisch von unten beleuchtet. Dem gegenüber stellt Ostheimer gesammelte Muschelbruchstücke. Klein und zerbrechlich verschwinden sie angesichts des unvergänglichen, vom Mensch gemachten Mülls.

Filigrane Keramik-Schuhe zeigt Renate Klussmann. Ausgestellt wie in einem Discounter, wird ihre Schönheit erst langsam bewusst.

(Foto: Carmen Voxbrunner)

Seh- und Hörgewohnheiten bricht ein Video des Film- und Videoclubs. Ton- und Bildspuren laufen dabei getrennt voneinander ab - was der Betrachter sieht, passt nicht zu dem, was er hört. Da spaziert eine Frau mit Rollator durchs Bild, während ein dahinschreitendes Pferd zu hören ist, da rennt ein Jogger durch die Szene, während akustisch ein Stein in eine Pfütze fällt. Auch hier hängt am Ende alles miteinander zusammen, nur eben nicht in dem Moment, in dem die Spur hinterlassen wird.

Alle Spuren und Fäden zusammenführen und darin das eigene Ich finden. Dem geht Valerie Parzefall in ihrer Skulptur "Personal Traces" nach. Sie hat einen Styroporkopf mit Zeitungsmeldungen verkleidet. Doch der Schädel ist explodiert, nur noch mit Drähten wird alles lose zusammen gehalten. So wird der Blick ins Innere, die Seele Frei. in kleinen Plastikkugeln finden sich Gedanken, an Glück, Status, die Zukunft. Doch diese Selbstoffenbarung findet nicht isoliert statt. Der Skulptur gegen über stehen mehrere Schemenhafte Köpfe von Michael Glatzl. "The Crowd", die Masse, starrt anonym und gebannt auf das, was da passiert.

Die Betrachtung der Werke mag bei jedem Besucher andere Gefühle auslösen. Auch dafür haben die Organisatoren Raum geschaffen. An einer Wand hängt eine Tafel, an jeder der möchte einen bunten Zettel mit seinen Gedanken hängen kann. Die Beteiligung ist groß. "Zeitdruck", "Aufbruch", "So ist das Leben", "Trauer", "Geltungsbedürfnis", Hass ist blöd", "Freiheit" - das sind einige der Begriffe, die dort zu lesen sind. Direkt daneben befindet sich passend der Bereich, der unter dem Thema "Seelenspuren" zusammengefasst ist. In vier Nischen sind jeweils Gemälde zu "Glück, Leid, Liebe und Hass" zu sehen.

Schon fast eine Ausstellung in der Ausstellung ist die Petersburger Wand. Auf einer Fläche von vier mal fünf Metern hängen dort zahlreiche Gemälde. Unter anderem Dagmar Weczersas "Der Philosoph", das das Antlitz eines Schimpansen zeigt, daneben die Rückansicht einer Frau. Sabine Usländer verknäult in "Ziemlich ausweglos" zahlreiche Akte miteinander. So gibt es in jedem Bild Spuren, die zurück zum Thema der Ausstellung führen. Und so über Umwege wieder zurück zum Besucher und seinen Spuren und Gedanken.

Ausstellung "Spuren" des Kunstkreises Germering, zu sehen noch an diesem Samstag von 16 bis 20 Uhr und am Sonntag von 14 bis 18 Uhr im Foyer der Stadthalle. Der Eintritt ist frei.

© SZ vom 16.12.2017
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