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Werben um Auszubildende:Mädchenkram für echte Kerle

Im Landkreis beteiligen sich an diesem Donnerstag viele Unternehmen und öffentliche Arbeitgeber am bundesweiten Jugendzukunftstag. Junge Männer lernen typische Frauenberufe kennen - und umgekehrt.

Während die Politik angeregt über Vor- und Nachteile der Frauenquote debattiert, würde das fünfköpfige Team von Ursula Rickert am liebsten eine Männerquote einführen. In dem Germeringer Friseursalon liegt die zurzeit bei exakt Null. Friseur ist einer der Berufe, die als Frauendomäne gelten, ebenso wie Jobs im Sozial-, Pflege- oder Erziehungsbereich. Als Männerjobs dagegen gelten Berufe mit technischer Ausrichtung.

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Bei der Suche nach einem Ausbildungsplatz kann auch der Blick auf die typischen Berufsfelder des anderen Geschlechts helfen.

(Foto: Johannes Simon)

Das soll sich ändern. Denn angesichts des Fachkräftemangels können Unternehmen es sich gar nicht mehr leisten, auf einen Teil der potenziellen Arbeitskräfte zu verzichten. Im Betreuungs- und Pflegebereich wird händeringend Nachwuchs gesucht, aber auch im Handwerk und in der Industrie. Auch deshalb gibt es seit einigen Jahren den Jugendzukunftstag, besser bekannt als "Girls' Day" und "Boys' Day".

Im Landkreis beteiligen sich an diesem Donnerstag zahlreiche Unternehmen, öffentliche Arbeitgeber sowie Betreuungseinrichtungen und Schulen daran. Mädchen können in bisher typische Männerberufe hineinschnuppern, Jungs in Berufe, die eher dem weiblichen Rollenklischee entsprechen. Vor allem Germering engagiert sich, die Stadt wirbt aktiv für die Aufweichung der Geschlechtergrenzen in der Berufswelt und hat gleich drei Mitarbeiter mit der Betreuung der Aktionen beauftragt. Die Arbeit von Hans-Ulrich Pollaschke, Renate Konrad und Petra Tech trägt Früchte: jeweils die Hälfte der Anbieter, die Jungen und Mädchen für ein paar Stunden aufnehmen, kommen aus der Stadt im Süden des Landkreises. Angebote gibt es aber auch in Fürstenfeldbruck, Alling, Puchheim, Olching und Gröbenzell.

Mädchen sind willkommen bei Polizei, Bundeswehr, verschiedenen Industriebetrieben oder etwa Stadtwerken, Jungen bei Betreuungseinrichtungen für Kinder- und Altenbetreuung, einem Fotodienstleister oder auch einer Zahnarztpraxis - und eben im Friseursalon Rickert. Auf der Homepage des Germeringer Betriebs ist zu lesen: "Wir suchen eine/n Friseur/in und eine/n motivierte/n Auszubildende/n". Vielleicht wird der Wunsch, der sich in der Schreibweise mit dem Schrägstrich manifestiert, ja erfüllt und die Männerquote steigt auf 16,7 Prozent. Denn an diesem Donnerstag, am Boys' Day, wird ein 14-Jähriger erwartet. Und wenn der sich interessiert, könnte er bald mit der Ausbildung beginnen. Friseurmeisterin Franziska Wagner weiß, dass der Beruf auch für Männer seine schönen Seiten hat. Dass es wenig männliche Bewerber gibt, liegt aber wohl auch an den niedrigen Löhnen, die in der Branche gezahlt werden.

Etwas leichter hat es da das Fürstenfeldbrucker Autohaus Rasch, das bei Mädchen Begeisterung für technische Berufe wecken will. Die Verdienstmöglichkeiten sind recht gut. Und Geschäftsführer Willi Brugglehner hat sehr gute Erfahrungen gemacht mit Mitarbeiterinnen in der Werkstatt. Die beiden Frauen, die dort arbeiten, sind gut fürs Betriebsklima. "Die Stimmung in der Werkstatt hat sich verbessert und ist gelassener als in einem reinen Männerteam", sagt Brugglehner.

Natürlich gibt es Grenzen der Belastbarkeit - etwa wenn ein schweres Autogetriebe eingebaut werden muss. Aber dann helfen die Kollegen. Auch Kundinnen seien nicht selten positiv überrascht, wenn ihnen Fragen rund um die Technik ganz kompetent von einer Fachfrau erläutert würden. "Wir haben mit unseren Frauen absolut positive Erfahrungen gemacht", so Brugglehner, der auch Autoverkäuferinnen sucht.

Ebenso wie der Autohauschef begrüßt Michael Steinbauer Aktionen wie den Jugendzukunftstag. Sein auf Schalungstechnik spezialisierter Betrieb sucht unter anderem Bauingenieure, Bauzeichner und Bautechniker, gerne auch weiblich. Zum anderen ist Steinbauer für das Gremium der Industrie- und Handelskammer (IHK) zuständig für Fürstenfeldbruck und weiß, wie viele Probleme die meisten Betriebe bei der Nachwuchsgewinnung haben. "Wir müssen da die Kreise weiter ziehen", sagt er. Das heißt auch: mehr Mädchen für die Jobs begeistern. Ginge es nach Steinbauer, dann würden bereits Grundschulen versuchen, bei Mädchen Begeisterung für die Naturwissenschaften zu wecken. Die Münchner IHK-Sprecherin Katharina Toparkus pflichtet ihm bei: Mädchen hätten "Jungsberufe" manchmal "gar nicht auf dem Radar" und wüssten nicht, "was es da für Einstiegschancen gibt."

Noch aber lässt sich an der Statistik des Arbeitsagentur vom September 2012 ablesen, dass junge Frauen und Männer in unterschiedliche Berufe streben. Jungs bewerben sich bevorzugt als Einzelhandelskaufmann, Kfz-Mechatroniker, Verkäufer, Büro- sowie Industriekaufmann, Mädchen als Medizinische Fachangestellte, Kauffrau für Bürokommunikation, Büro- oder Einzelhandelskauffrau sowie Zahnmedizinische Fachangestellte.

© SZ vom 25.04.2013
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