Süddeutsche Zeitung

Weltklasse-Pianist:Magie des Klavierspiels

Omer Klein begeistert beim Jubiläumskonzert in Germering

Als Omer Klein vor gut einem Jahr im Deutschlandfunk die Radio-Sendung "Klassik-Pop-et cetera" moderierte, übrigens das erste Mal und durchgängig in deutscher Sprache, präsentierte der 37-jährige Pianist neben einigen eigenen Kompositionen auch Stücke von Johannes Brahms und den englischen Trip-Hop-Pionieren Portishead. Zudem gab es Songs von Paul Simon, von Stevie Wonder und dem israelischen Sänger Matti Caspi. Kurz: ein sehr breit gefächertes Programm.

Diese Vielfalt, diese Offenheit schlägt sich auch in Omer Kleins eigener Musik wieder. Sie ist traditionell-orientalisch angehaucht und doch unglaublich modern, dissonant, lebendig, traumschön, technisch perfekt in der Umsetzung. Kürzlich war der israelische Klavierspieler in Germering zu Gast, um das 100. Konzert der Reihe "Jazz It!" zu bestreiten. Einen souveräneren Instrumentalisten hätte man sich für dieses Jubiläum nicht wünschen können.

In Omer Kleins Piano-Recital finden sich eine Unmenge an musikalischen Querverweisen und Zitaten wieder, die im Amadeussaal bei Jazz It! schon seit 2007 zelebriert wurden. Bop und Blues, World und Swing, Avantgarde, Folk und Klassik, ein bunter Strauß an Stilen und Einflüssen geben den Interpretationen des Pianisten eine Allgemeingültigkeit, ohne dabei aber in Beliebigkeit abzustürzen. 2018 erhielt er mit seinem Trio für sein Album "Sleepwalkers" den Echo.

Er versteht es, feine Melodien zu sezieren und schwierige Wendungen zu komprimieren, er bringt berührende Balladen zum Klingen und gibt der Stille in Form von Pausen eine Bedeutung. Dann wieder jagt er über die Tastatur und schlägt pianistische Purzelbäume, dass die Funken stieben. Oder er entwickelt aus einer abstrakten Figur ein bewegendes Thema, das sich dramaturgisch aufbläht und am Ende wie ein gewaltiges Orchester den Raum ausfüllt. Omer Klein beherrscht die Magie des Klavierspiels. Perfekt.

Er schöpft dabei aus einem Fundus an eigenen Kompositionen und scheut sich auch nicht, die Ahnengalerie großer Standardschreiber für sein Programm zu nutzen: Antonio Carlos Jobim, Jerome Kern, Thelonious Monk oder Cole Porter, sie alle sind Teil seines musikalischen Kosmos. Und diese Mischung aus Altbewährtem und Neuem, aus Weltläufigkeit und Leidenschaft, aus Konzentration und Sich-gehen-lassen, aus Spontanität und Bedachtsamkeit geben seiner Musik diese individuelle Kompetenz.

"Man kann nicht in Israel bleiben und im Jazz Karriere machen", hatte Klein einmal in einem Interview erzählt. So ist er, zeitig vom östlichen Mittelmeer kommend, wo er in Tel Aviv schon mit sechzehn Jahren erste Konzerte gab, über Boston/Massachusetts an den Hudson River gezogen, um in New York die Grundlagen des Jazz zu festigen und auszubauen. Irgendwann landete er in Düsseldorf, wo er seither lebt, und beschäftigte sich dortverstärkt mit der Wirkung von Theatermusik. Man spürt an diesen wenigen Auszügen seiner Biografie mit welcher Offenheit Omer Klein der Welt "da draußen" begegnet, sich mit ihr "im Innern" auseinandersetzt, vielleicht auch auseinandersetzen musste, und man hört letztendlich seiner Musik an, wie diese Welt intellektuell und emotional Einzug in seine Kunst gehalten hat.

Ob vollkommene Komposition oder lustvolle Improvisation, seine Musik ist feinsinnig, hat Charisma, seine Ideen klingen konsequent und seine Konzerte sind, wie gestern Abend im Amadeussaal der Germeringer Stadthalle, ein großes Hörvergnügen. Ebenso spannend wie beglückend.

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Quelle:
SZ vom 15.06.2019
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