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Weihnachtsmarkt:Himalaja-Stola trifft Leder-Babytrage

Drei Künstler und Händler aus dem Landkreis bieten ihre Waren und Dienstleistungen auf dem Tollwood-Festival an

Von Katharina Proksch, Fürstenfeldbruck/München

Das weihnachtliche Tollwood-Festival auf der Theresienwiese in München gilt als "Markt der Ideen". Auch aus dem Landkreis Fürstenfeldbruck sind seit Jahren Händler vertreten, die hinter ihrer Idee stehen, die internationalen Ursprung hat und ein buntes Publikum erfreut.

Man könnte meinen, Tom Sander kommt frisch aus Texas, wenn man ihn hinter seinem Stand mit all den nietenverzierten Gürteln, Geldbeuteln und Hundehalsbändern im "Basar"-Zelt stehen sieht. Und das ist nur eine Auswahl seiner handgefertigten Lederware. Doch der Germeringer habe nie einen Fuß auf Amerika gesetzt, lacht seine Frau Alexandra Sander. "Wir sind wie Karl May in der Beziehung", kommentiert Tom Sander. Aus einer Geldnot heraus griff er vor 30 Jahren selbst zum Werkzeug und besetzte seinen Gürtel mit den gewünschten Nieten. Eine Geschäftsidee war geboren und der damalige Student der Wirtschaftsmathematik setzte alles aufs Leder. Im Familienbetrieb verwandelt er Rindsleder aus deutschen und europäischen Gerbereien in Lederwaren. Durch den direkten Kontakt zu den deutschen und europäischen Gerben kann der 58-Jährige die Qualität sicherstellen. In der Werkstatt in Emmering schneidet er die Kuhhaut in die gewünschte Form, zum Beispiel einen Gürtelstreifen. Anschließend kann man ein Aufsatzleder darauf kleben. "Das ist geprägtes Kuhleder, zum Beispiel Schlangenlederoptik", erklärt er. Der Rand wird gelocht und Sander fädelt ein Lederband straff durch, somit sind die Schnittkanten verdeckt. Zum Schluss wird noch die gewünschte Gürtelschnalle ausgewählt und wahlweise werden Ziernieten befestigt. In drei bis vier Stunden ist der Gürtel fertig. Die Auswahl der Nieten reicht von indianischen und keltischen Symbolen bis hin zur bayerischen Tracht. "Bei der kreativen und präzisen Arbeit kommt sein mathematischer Hintergrund zum Vorschein", lobt seine Frau. Die 51-Jährige ist für den Verkauf und die Bürotätigkeiten zuständig, die 22-jährige Tochter Simona hilft neben ihrem Studium in der Werkstatt und beim Verkauf aus. Das neueste Familienmitglied ist Hündin Phibie, die die Hundehalsbandkollektion zur Schau trägt. Im Werkstattladen in Emmering nimmt Sander neben üblicher Reparaturen allerlei Aufträge an. Einer der skurrilsten Wünsche war eine Babytrage im indianischen Stil, die man an ein Westernpferd schnallen kann. Auf dem Tollwood aber treffe er viele Stammkunden, die das Handwerk und Design zu schätzen wüssten, so Sander, der seit 1997 jährlich dabei ist.

Toolwood

Lederkünstler Tom Sander kürzt an seinem Stand Gürtel oder besetzt sie mit Nieten.

(Foto: Katharina Proksch)

Seit 22 Jahren gehört auch Funke Konate zu den Ausstellern, die beim Tollwood den sozialen Aspekt des Festivals schätze. Die gebürtige Afrikanerin und ihr Team bringen unter dem Namen Y. B. Hair Work Shop afrikanische Haar- und Flechtkunst in den Basar. Dazu gehören Rastazöpfe, genannt Braids, Cornrows, Dreadlocks und Haarverlängerungen. Haare in Rastazöpfe zu flechten kann bis zu acht Stunden dauern, je nach Dicke und Länge der einzelnen Zöpfe. Wahlweise kann man sich auch Kunsthaar mit einflechten lassen. Die 50-Jährige selbst trägt eine "typisch afrikanische Kinderfrisur". Dazu hat sie ihr Haar in einzelne Segmente aufgeteilt, dünne Zöpfe geflochten und diese in Knoten am Kopf aufgedreht. Die gelernte Friseurin hat schon als Kind die Haare von Freunden und Familie geflochten. Das sei ganz typisch, erzählt Konate, die vor 24 Jahren nach Deutschland gekommen ist und seither in Germering lebt.

Tollwood

Lena Heringer verkauft Schals und Tücher an ihrem "Imatma"-Stand.

(Foto: Katharina Proksch)

Geboren und aufgewachsen ist sie in Westafrika, in Benin, einem Staat zwischen Togo und Nigeria. Afrikanische Frisuren haben eine lange Tradition und erzählen von der Herkunft und dem Status des Trägers. Sie darf aber auch einfach nur schön sein und gefallen. "Der Kunde sollte mit einem Lächeln aufstehen", so Konate, die ihre Kunden berät und dabei mit allerlei Vorurteilen aufräumt: Durch das straffe Flechten der Haare werden keine Haare ausgerissen und Dreadlocks kann man ganz normal waschen.

Toolwood

Friseurin Funke Konate flicht Zöpfe.

(Foto: Katharina Proksch)

Die Dritte im Bunde der aus dem Landkreis Fürstenfeldbruck stammenden Anbieter ist die ebenfalls weit gereiste Händlerin Lena Heringer aus Grafrath. Unter dem Namen Imatma vertreibt sie gewebte Schals, Stolen und Decken aus dem Himalaja. Ein Teil des Umsatzes fließt als Spende zurück nach Nordindien. Im Jahr 2008 stieg die Eventmanagerin aus ihrem Job in einer Marketingagentur aus und ging für zwei Jahre auf Weltreise.

Eine ihrer letzten und längeren Stationen war die Himalaja-Region, wo sie sich in die Schals verliebt habe. Zurück in Deutschland, verkaufte sie auf einem kleinen Christkindlmarkt in der Buchenau ihre Tücher, die gut ankamen. Imatma war geboren: Ein Fantasiewort zusammengesetzt aus "Himalaja "und "atman", das indische Wort für Seele und Herz. "Die Seele des Himalaja", erklärt Heringer. Hergestellt werden die großen Tücher in kleinen Fabriken. Eine tibetische Familie, die sie auf ihrer Reise kennengelernt hat, hilft ihr und organisiert den Handel vor Ort. "Der Tochter der tibetischen Flüchtlingsfamilie konnte durch die Spenden ein Medizinstudium finanziert werden", so Heringer. Zehn Prozent des Gewinns spendet sie ans Tibetan Children's Village, ein Waisenhaus in Indien mit tibetischen Flüchtlingskindern. Da tibetische Flüchtlinge an der Produktion und dem Handel beteiligt sind, wolle sie an die Leute etwas zurückgeben. Auch ihren Kunden sei dies wichtig, worauf Heringer besonders stolz ist. Zum vierten Mal verkauft die reisende Händlerin nun schon ihre Tücher auf dem Tollwood, an dem sie die "Weltoffenheit und das authentische Zusammentreffen der Kulturen" liebt. Spätestens als sie einmal den Weilheimer Trachtenverein mit den gleichen indischen Tüchern ausstatten durfte, manifestierte sich dieses Zusammentreffen bildlich.

© SZ vom 08.12.2017

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