Zedern aus dem Libanon mit harten Nadeln und festen Zapfen, griechische Tannen und italienische Esskastanien findet man im forstlichen Versuchsgarten in Grafrath. Etwa 300 Orientbuchen aus Georgien wollen die Mitarbeiter diesen Herbst noch anpflanzen.
Zwar ist Südbayern niederschlagsreich, aber extreme Wetterereignisse nehmen zu, Stürme und Starkregen, und die steigenden Temperaturen begünstigen den Borkenkäfer. Darauf müssen sich Waldbauern und Förster einstellen, denn Bäume werden gebraucht, sie haben vielfältige Funktionen: Sie liefern Holz und Sauerstoff, sie speichern Kohlendioxid, sie bewahren mit ihren Kronen den Boden vor Austrocknung und mit den Wurzeln vor Erosion.
Deswegen wird in Grafrath mit Gewächsen aus aller Welt experimentiert. „Die Klimazonen verschieben sich, in hundert Jahren haben wir in dieser Gegend ein südländisches Klima“, sagt Christine Schmitt, neue Leiterin der Einrichtung. Die Küstentanne aus der Gegend um Vancouver wächst schnell, bildet allerdings Knubbel voller Harz aus, schlecht für die Sägewerke. Die rötliche Douglasie stammt aus derselben Gegend, liefert wunderbares, rötliches Holz, muss allerdings hierzulande mit dem Spätfrost kämpfen, den es in ihrer Heimat nicht gibt. Die Esskastanie beschert uns nicht nur Maroni, sondern ebenfalls gutes Holz für die Schreinerei.

Eine wichtige Maßnahme ist, keine Monokulturen, sondern Mischwälder anzulegen, die resistenter sind, sagt Schmitt. Und entscheidend ist, zu wissen, welche Baumart am besten zum jeweiligen Boden und Klima passt, dann haben auch Fichten, die relativ schnell wachsen und gutes Bauholz liefern, eine Überlebenschance. Deswegen galt die Art lange als Brotbaum der Forstwirtschaft, sie stammt aber eigentlich aus dem Gebirge, mag es kälter und bildet flache Wurzeln aus.
Der Forstgarten wurde 1881 angelegt – auf Weisung von König Ludwig II. Der Klimawandel war seinerzeit nicht das Thema, aber es sollte erforscht werden, ob und wie Baumarten aus fernen Ländern und Kontinenten in Bayern gedeihen. Erster Leiter war Heinrich Mayr, der 1854 in Landsberg geboren wurde. Er reiste nach Nordamerika, China, Indien, Indonesien und Japan und brachte von überall Pflanzen mit. Heute finden sich auf etwa 34 Hektar mehr als 200 verschiedene Baumarten.

Mayr hatte eine Vorliebe für Douglasien, vermutet Schmitt, da man auf dem ganzen Gelände immer wieder auf imposante Exemplare trifft. Die größte Attraktion dürften jedoch die Mammutbäume von der amerikanischen Westküste sein. Sie sind etwa 130 Jahre alt, überragen alle anderen Bäume und sind deshalb schon bei der Anfahrt zu erkennen. Etwa 100 Mammutbäume waren es ursprünglich, nur drei sind übrig geblieben – was auch daran liegt, dass die Förster immer wieder einzelne entfernen mussten, denn diese Art braucht viel Licht und Raum. Es ist ein typischer Vorgang, sagt Schmitt.
Förster freuen sich, wenn ihnen das Pflanzen von Bäumen abgenommen wird. Bei einer Naturverjüngung, wenn der Samen der Bäume selbst für Nachwuchs sorgt, sprießen anfangs viele Pflanzen, die sich irgendwann Konkurrenz um Sonnenlicht und Nährstoffe machen. Dann müssen die Förster nur noch entscheiden, welcher Baum in Zukunft weiterwachsen soll und deshalb pflegen und durchforsten.


Neben ökonomischen und ökologischen Funktionen erfüllt der Wald das Bedürfnis nach Naturgenuss und Erholung für den Menschen, wie sich an diesem strahlend-blauen Herbsttag an den Besuchern zeigt, die durch den Versuchsgarten wandern. Auf dem Rundweg stehen Skulpturen aus Holz, einige schon wieder vermodert. Es sind Werke von jungen Leuten aus der Holzbildhauerschule in München, mit denen der Versuchsgarten kooperiert.
Die Förster haben obendrein einen Bildungsauftrag, deshalb führen nicht nur Revierleiter Schulklassen durch die Wälder, sondern es gibt auch noch zwölf Walderlebniszentren in Bayern. Eines davon ist der Versuchsgarten in Grafrath, der jedes Jahr von Dutzenden von Klassen besucht wird. Seit 2023 steht dort auch ein Neubau aus Holz zur Verfügung, für Ausstellungen, Konzerte, Theater und Seminare. Einige Schritte entfernt befindet sich ein Folientunnel, dort ist ein mobiles Sägewerk untergebracht. Die Besucher können frisch aufgeschnittenes Holz sehen und riechen, daneben steht ein altes Gewächshaus, in dem demnächst eine Ausstellung über Pilze gezeigt wird.

Schmitt liebt diese Vielfalt an Aufgaben, sie schwärmt von einem Traum-Arbeitsplatz. Die Förster müssen sich mit Botanik beschäftigen, mit Biologie und Ökologie, sie müssen die Tiere des Waldes kennen und die Nährstoffe des Bodens. Immer wieder gibt es Neues zu entdecken. Sie erzählt, dass die kleinen Löcher, die die Mammutbäume aufweisen, jahrelang dem Specht zugeschrieben wurden, der dort Nüsse einklemme. Inzwischen haben die Förster Aufnahmen mit Wärmebildkameras gemacht. Das Ergebnis war, dass der Specht damit nichts zu tun hat, es sind vielmehr die Baumläufer, die die Löcher anlegen, um darin zu übernachten, erzählt Schmitt.
Im Unterschied zu Mayr, der Sohn eines königlich-bayerischen Forstbeamten war, stammt Schmitt nicht aus einer Försterfamilie. Die gebürtige Münchnerin hat erst Betriebswirtschaft studiert, das Diplom abgelegt und zwei Jahre im Vertrieb eines IT-Unternehmens gearbeitet, war damit aber unzufrieden.

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Daraufhin studierte sie Forstingenieurswesen in Weihenstephan-Triesdorf, besuchte die Forstschule in Lohr am Main und absolvierte ein Jahr als Anwärterin für den staatlichen Forstdienst in mehreren Einrichtungen, darunter dem Amt für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten in Fürstenfeldbruck, bevor sie im Ministerium im Referat Forstpolitik und Umwelt eine Stelle antrat.
Schmitt erarbeitete Managementpläne und Kartierungen für Natura 2000, ein Netz aus europäischen Schutzgebieten, und war zehn Jahre bei der Fachstelle für Waldnaturschutz tätig. Die 43-jährige Mutter zweier Kinder fühlte sich reif für eine Führungsaufgabe, wie sie sagt. Deshalb habe sie sich für die Stelle in Grafrath beworben.
„Ich bereue nicht, dass ich vorher etwas anderes gemacht habe“, sagt sie. Dadurch wisse sie die Besonderheit dieses Berufes besser zu schätzen. Die Vermittlung von Wissen an die Besucher, insbesondere an Kinder sowie Pflege und Entwicklung von Pflanzen, gerade in Zeiten des Klimawandels, böten ihr eine „größere Sinnhaftigkeit“ und seien eine Berufung. Sie wolle Verständnis dafür wecken, dass moderne multifunktionale Forstwirtschaft den Wald nicht nur als Arbeitsraum und Ressource begreife, sondern auch als Ort der Erholung, der essenziell für den Naturschutz ist.

