Vorwürfe gegen Ärzte Hilferufe in der Klinik

Angehörige eines Schwerstkranken kämpfen zweieinhalb Stunden, bis sich ein Mediziner des Patienten annimmt. Kurz darauf stirbt der 80 Jahre alte Mann. Der Landrat räumt Versäumnisse in der Pflege ein.

Von Gerhard Eisenkolb

Schwere Vorwürfe gegen die Kreisklinik Fürstenfeldbruck: Angehörige eines 80 Jahre alten Parkinson-Patienten werfen dem Krankenhaus vor, dass sich trotz eines offensichtlichen Notfalls fast zweieinhalb Stunden kein Arzt um den schwer kranken Mann gekümmert habe. Nach Darstellung der Familie aus Fürstenfeldbruck bemüht sich die Ehefrau des Mannes im Oktober lange vergeblich darum, dass sich ein Mediziner um ihren Mann kümmert, der unter großen Schmerzen leidet.

Gebäude der Kreisklinik in Fürstenfeldbruck.

(Foto: Johannes Simon)

Als der zuständige Chefarzt dann kommt, muss alles sehr schnell gehen: Der 80-Jährige wird auf die Intensivstation verlegt, wo er weitere zwei bis drei Stunden später nach einer Reanimation stirbt, wohl an einer Blutvergiftung. Klinikvorstand Stefan Bauer und die beteiligten Ärzten lehnen eine Stellungnahme zu den Umständen des Todes kategorisch ab. Landrat Thomas Karmasin (CSU) räumt aber in einem Brief an die Angehörigen zumindest Versäumnisse bei der Pflege des Mannes ein.

Mediziner, darunter urologische Belegärzte, und Klinikleitung berufen sich auf die ärztliche Schweigepflicht, von der sie auch die Erben des Verstorbenen angeblich nicht mehr nachträglich entbinden können. Konkrete Fragen, etwa warum es so lange dauerte, bis sich ein Arzt des Patienten annahm, werden nicht beantwortet.

Die Fürstenfeldbrucker Familie schildert den Ablauf der Ereignisse so: Der Familienvater wird am 25. September wegen einer ärztlichen Untersuchung in einer "guten körperlichen und geistigen Verfassung" auf der Station 33 aufgenommen. Noch am gleichen Tag wird er unter Vollnarkose untersucht. Dann aber verschlechtert sich der Zustand zusehends.

Obwohl sich ihr Vater in einem "sehr schlechten Zustand befand", wird er dann am Samstag, 28. September, entlassen und mit einem Krankenwagen nach Hause gefahren - mit der Begründung, urologisch sei alles in Ordnung. Bereits am nächsten Tag weist ein Notarzt den Patienten, der über starke körperliche Schmerzen klagt, wieder ins Klinikum ein. Um eine starke Entzündung zu verhindern, sei am Montag unter Vollnarkose ein weiterer Eingriff vorgenommen worden.

Am nächsten Tag spitzt sich der Zustand des 80-Jährigen zu. Als die Ehefrau gegen 9 Uhr in der Klinik eintrifft, stellt sie fest, dass ihr Mann hohes Fieber hat und nach Luft ringt. Sie hat Angst, dass er stirbt und sucht verzweifelt Hilfe. Zuerst habe sie mehrmals erfolglos nach dem Pflegepersonal geläutet, dann sei sie auf den Gang gelaufen, um Hilfe zu holen, schildert sie die Situation. In ihrer Not wendet sie sich schließlich an zwei Medizinerinnen im Ärztezimmer der Station und fordert eindringlich Hilfe. Sie will unter anderem, dass sich die Ärztinnen mit einem Chefarzt der Fürstenfeldbrucker Klinikkardiologie in Verbindung setzen, wird aber vertröstet. Der Chefarzt komme erst am Nachmittag, wenn er Zeit habe, heißt es.

Laut Darstellung der Familie nehmen sich auch die beiden Ärztinnen nicht des Notfalls an. Da sie sich nicht mehr zu helfen weiß, verständigt die Ehefrau schließlich ihre Schwiegertochter. Auch diese bittet die Frauen im Ärztezimmer der Station erfolglos um Hilfe. Um Druck zu machen, droht sie damit, an die Öffentlichkeit zu gehen. Das wirkt offenbar. Fünf Minuten später steht einer der Klinikchefärzte am Krankenbett. Dieser ordnet die Verlegung des Patienten auf die Intensivstation an. Dort stirbt der Mann später.

Nach dem Tod überlegt die Familie, den Fall einem Rechtsanwalt zu übergeben. Sie unterlässt das jedoch, da sie die Belastungen eines langen Rechtsstreits scheut und weil eine juristische Auseinandersetzung am Tod des Ehemannes und Vaters nichts mehr ändere. Die Angehörigen beschließen, sich mit ihrem Schicksal abzufinden.

Am 18. Oktober schreiben sie dennoch einen Brief an die Klinik und an Landrat Thomas Karmasin (CSU). "Das Schlimmste für uns als Familie ist, dass er nicht in Würde sterben durfte, wegen mangelnder Fürsorge für einen schwerkranken Patienten auf der Station 33", heißt es darin. Was unter der mangelnden Fürsorge zu verstehen ist, wird ausführlich erläutert.

Auf ihren Brief bekommen die Angehörigen Antwort. Die behandelnden Belegärzte schreiben unter anderem: "Zu jedem Zeitpunkt haben wir versucht, für Ihren Vater und Ehemann den besten Weg unter angenehmen Bedingungen für eine weitere Genesung zu finden. Die Belästigung durch Untersuchungen und die möglichen Nebenwirkungen durch medikamentöse Behandlungen sollten so gering wie möglich sein, gerade unter Berücksichtigung seiner Parkinsonerkrankung. (. . .) Dass die Dinge dann so einen schrecklichen Verlauf genommen haben, tut uns allen außerordentlich leid."

Auch von Landrat Thomas Karmasin (CSU), der für das Kommunalunternehmen in der politischen Verantwortung steht, bekommt die Familie Anfang Dezember Post. Unter anderem findet sich darin auch die schriftliche Stellungnahme des Pflegedienstdirektors an den Klinikvorstand Stefan Bauer. Darin werden mehrere "berechtigte Kritikpunkte" eingeräumt, ein Zusammenhang mit einem "akuten Pflegenotstand" bestehe aber nicht, lautet das Resümee des Pflegedienstdirektors.

Die beschriebenen Situationen seien "eher auf Fehlinterpretationen und einzelnem Fehlverhalten" begründet, so der Chef des Pflegedienstes. Doch Landrat Karmasin räumt Versäumnisse ein. "In der eingehenden und, wie ich meine, nichts verschleiernden Stellungnahme der Pflege wird Ihre Kritik weitgehend als berechtigt gesehen", schreibt der Landrat einem der beiden Söhne des Verstorbenen.

Allerdings äußert sich Karmasin nicht zur medizinischen Behandlung, sondern nur zu den angeführten Mängeln der pflegerischen Betreuung. Auch diese kritisiert die Familie. So habe sich ein von der Ehefrau auf den schlechten Gesundheitszustand des 80-Jährigen auf dem Flur angesprochener Pfleger für nicht zuständig erklärt, das Personal war mit der Bedienung einer sogenannten Schmerzpumpe überfordert, Medikamente konnten angeblich nicht verabreicht werden, weil der 80-Jährige Schluckbeschwerden hatte, und das Zimmer wurde mit einer verschmutzten Toilette übergeben.

Die Angehörigen sind mit diesen Antworten nicht zufrieden, aber sie beschließen, die Sache auf sich beruhen zu lassen. Auch auf das Angebot des Landrats, offene Punkte in einem Gespräch mit den ärztlichen und pflegerisch Verantwortlichen in der Klinik zu klären, gehen die Angehörigen nicht ein. Den Weg an die Öffentlichkeit sucht die Familie erst, als die SZ über Klagen von Klinikpatienten berichtet, die sich selbst entlassen, weil sie vergeblich auf eine ärztliche Visite warten. Ihr Fall sei aber eben viel schlimmer, sagt die Fürstenfeldbrucker Familie. Sie wolle verhindern, dass sich so etwas wiederholt.

Die betroffenen Urologen, die in der Kreisklinik Belegbetten haben und den Mann behandelten, wollen sich zu den Vorwürfen nicht mehr äußern. Sie verweisen in einer schriftlichen Erklärung an die ddeutsche Zeitung auf ihre Schweigepflicht. Die Mediziner bezeichnen es als "so nicht richtig", dass Angehörige betteln mussten, bis ein Arzt gekommen sei. "Jeder Patient auf unserer Station, der Probleme hat, wird selbstverständlich unverzüglich von einem Arzt aufgesucht, entsprechende Notfallmaßnahmen wie Infusionen und Sauerstoffabgabe ergriffen", heißt es allgemein in dem Schreiben. Bei einem fachfremden Problem werde die zuständige Fachabteilung konsultiert. Auf die Darstellung der Familie gehen die Ärzte nicht ein.

Nach Ansicht der Angehörigen ist niemand an einer Aufklärung interessiert. Auch das Schreiben des Landrats trage ebenso wenig zur Aufklärung des Geschehens in der Klinik am Todestag bei wie die detaillierte schriftliche Erläuterung der Pflegedienstleitung, auf die sich der Landrat bezieht. Ihren Verdacht sieht die Familie durch einen Anruf in dieser Woche bestätigt. Kurz nach den SZ-Recherchen erhält die Witwe einen Anruf eines der Belegärzte, der erklärt haben soll, er verzichte auf die Bezahlung seiner Privatrechnung, in der auch Visiten am Krankenbett abgerechnet werden. "Das stinkt zum Himmel", entrüsten sich die Angehörigen.