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Vortrag:Stammtischparolen ade

Christian Boeser-Schnebel erläutert, wie gewaltfreie Kommunikation funktioniert.

(Foto: Carmen Voxbrunner)

Augsburger Dozent Christian Boeser-Schnebel wirbt für "gewaltfreie Kommunikation"

Hört man Aussagen, wie "Das kommt davon, wenn Frauen entscheiden dürfen" oder "Die klauen uns die Arbeitsplätze", kann es schnell passieren, dass manch einem, überwältigt von einer solchen Behauptung, erst einmal die Spucke wegbleibt. Wie man diesem Gefühl der Sprachlosigkeit entgegenwirken kann, darüber forscht Christian Boeser-Schnebel, Akademischer Oberrat der Universität Augsburg. Bei einem Vortrag mit dem Titel "Streitet Euch! Demokratischer Umgang mit Populismus und Stammtischparolen" gibt er den Zuhörern Verhaltensweisen an die Hand. Im Gemeindezentrum der Gnadenkirche referiert er vor den etwa 30 Teilnehmern und analysiert zunächst, worum es sich bei den Begriffen im Titel des Vortrags überhaupt handelt.

Seit längerem arbeitet und untersucht der Wissenschaftler, wie Menschen der demokratische Umgang mit Stammtischparolen und Populismus gelingen kann. Aussagen wie den oben genannten begegnet Boeser-Schnebel in erster Linie mit gewaltfreier Kommunikation. Dies ist eine Strategie, die in der Psychologie auch unter "GFK" bekannt ist. Der US-amerikanische Psychologe Marshall B. Rosenberg entwickelte dieses Handlungskonzept, um Menschen zu ermöglichen, Gespräche mit mehr Vertrauen und weniger Feindseligkeit zu führen.

"Freiheit ist immer Freiheit der Andersdenkenden", zitiert Boeser-Schnebel Rosa Luxemburg und geht darauf ein, wie man als liberaler Mensch mit eben diesen Andersdenkenden umgehen könne. Beispielsweise könne man die pauschalisierende Aussage "Muslime sind alle Terroristen" augenblicklich entschärfen, also das eigene Sprachlosigkeitsgefühl überwinden, indem man sich vergegenwärtige, so Boeser-Schnebel, dass eine solche Aussage schlicht paranoid sei. Wenn der Sprecher wirklich glaube, alle Menschen, die dem muslimischen Glauben angehören, Terroristen seien. Fast immer, sagt der Wissenschaftler, treffe das nicht zu. In Wirklichkeit steckten hinter diesen Aussagen eigene Ängste. Es sei also wichtig, die Haltung, die hinter der Meinungsäußerung stehe, zu erkennen und vorurteilsfrei abzuwägen, ob beim Gesprächspartner eine Bereitschaft bestehe, das "Die-Wir-Denken" zu überwinden und sich für einen demokratischen Diskurs zu öffnen.

Das dies jedoch nicht immer ganz einfach ist, wird in der anschließenden Diskussionsrunde offensichtlich. Ein Teilnehmer eröffnet das Gespräch damit, dass er sich in Internetportalen durch die ständige Überwachung nicht mehr sicher fühle, es sei ihm daher nicht mehr möglich, angstfrei seine eigene Meinung im breiten öffentlichen Raum kundzutun. Außerdem dürfe man nichts gegen die Flüchtlingspolitik sagen und überhaupt sei der 11. September eine einzige Verschwörung, fährt er fort. Von der Vielfalt der haltlosen Behauptungen distanziert sich Christian Boeser-Schnebel, indem er sagt, er wolle nicht über jeden "Schwachsinn" diskutieren. Nach einer kurzen Pause, die er auch als Technik im Umgang mit Stammtischparolen anführt, gesteht er allerdings ein, dass seine Aussage nicht korrekt gewählt gewesen sei, und bietet an, im Anschluss Fragen zu den genannten Themen zu beantworten.