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Vor einem Jahrhundert:Die Influenza wütet

Der Spanischen Grippe fielen in den Jahren 1918 und 1919 im Landkreis vor allem Kriegsgefangene zum Opfer. Von den Einheimischen erwischte es dem Sterbebuch der Stadt zufolge nur wenige

Von Peter Bierl, Fürstenfeldbruck

Der Höhepunkt der Pandemie wurde in Fürstenfeldbruck wahrscheinlich um die Jahreswende erreicht. Im Januar 1919 meldete das Reservelazarett beim Kloster mehr als 100 französische und russische Kriegsgefangene, die der sogenannten Spanischen Grippe erlegen waren. Von den Einheimischen traf es anscheinend nur wenige, wenn man den Aufzeichnungen im Sterbebuch der Stadt Fürstenfeldbruck glauben darf.

Die Spanische Grippe war eine Influenza, die zum Ende des Ersten Weltkriegs weltweit zwischen 20 und 50 Millionen Menschen das Leben kostete. Der Name geht darauf zurück, dass im neutralen Spanien die Zensur der Presse nicht so scharf war und deshalb von dort die ersten Berichte stammten. Als wahrscheinlich gilt heute allerdings, dass der erste Patient ein Amerikaner war. Der Krieg begünstigte Ausbreitung und Verlauf wegen der hohen Mobilität der Soldaten und weil viele Menschen durch die schlechte Versorgung bereits geschwächt waren.

Über die ersten Opfer wurde kaum berichtet, nicht verwunderlich in einer Zeit in der täglich in den Schützengräben Zehntausende starben oder zu Krüppeln geschossen wurden. Die Überlieferung im Landkreis ist äußerst spärlich. In den kommunalen Archiven der Stadt Bruck sowie den Pfarrarchiven von Maisach, Rottbach, Überacker, Malching finden sich kaum Spuren, berichten die Archivare Gerhard Neumeier und Stefan Pfannes. Es gibt einzelne Fälle, bei denen in den Sterbebüchern als Todesursache Grippe angegeben ist, erzählt Pfannes. Dazu finden sich ein paar verstreute Zeitungsnotizen im Brucker Wochenblatt und dem Meringer Anzeiger, den der ehemalige Kreisheimatpfleger Toni Drexler gerade auswertet.

Spanische Grippe: Reservelazarett FFB

Im Reservelazarett am Kloster Fürstenfeld fielen Ende 1918 viele Kriegsverwundete der Spanischen Grippe zum Opfer.

(Foto: privat)

In der Postille, die den westlichen Landkreis Fürstenfeldbruck abdeckte, war im Juli 1918 zu lesen, die Influenza wäre "sehr gutartig", nur verschleppte Fälle können "übel verlaufen". Sogar ein Spottgedicht findet sich, dessen Autor allerlei Misslichkeiten wie unzuverlässige Zeitungsjungen und Milchfrauen oder das spärliche Angebot beim Metzger auf die Krankheit schob und diese den englischen Feinden auf ewig an den Hals wünschte. "Am Anfang hat man die Lage verharmlost, dann merkte man, was los ist", sagt Drexler.

Die Berichterstattung wurde im Herbst ernster. Anfang November heißt es, die spanische Influenza "wütet in geradezu unheimlicher Weise" in der ganzen Gegend, etliche Schule seien geschlossen worden. Die Mehrzahl der Erkrankungen verlaufe bei rechtzeitigen Gegenmaßnahmen zwar gutartig, aber die "sich häufenden Todesfälle" würden "den vollen Ernst dieser Seuche" beweisen. Eine allgemeine "Isolierung" voneinander werde angesichts der weiten Verbreitung leider nicht viel nützen und sei "kaum überall möglich". Das Brucker Lokalblatt berichtet im Herbst von Grippetoten in Biburg, Bruck, Maisach, Puch und Überacker. Quacksalber hatten Konjunktur, die "Naturheilkräfte", rote Rüben und Kochsalz priesen.

Spanische Grippe: Reservelazarett FFB

In Todesanzeigen wurde von einer Lungenentzündung gesprochen.

(Foto: privat)

Bei den Todesanzeigen, die Drexler gefunden hat, fallen Hinweise auf Soldaten aus dem Landkreis auf, die in Lazaretten im In- und Ausland den "Heldentod fürs Vaterland" an Grippe und Lungenentzündung starben. In Bruck selbst fielen im September ein Sergeant und ein Schüler der Unteroffiziersschule der Influenza zum Opfer. Diese Einzelbefunde passen in das allgemeine Bild. Die meisten Opfer forderte die Grippe in Schützengräben, Feldbaracken, Kriegsgefangenenlagern und Lazaretten. Als Hotspot im Landkreis wird in allen Berichten das völlig überbelegte Lager Puchheim erwähnt. Dort waren bei Kriegsende etwa 10 600 Franzosen und 24 000 Russen interniert, insgesamt 585 von ihnen kamen ums Leben, die meisten infolge der Grippe. Die russischen Opfer sind auf einem eigenen Friedhof beerdigt, die Überreste der Franzosen wurden 1926 exhumiert und nach Frankreich gebracht.

Viele Kranke wurden in das Reservelazarett verlegt, das Mitte August 1914 im Konvent und neben der Unteroffiziersschule am Kloster Fürstenfeld errichtet wurde. Am Anfang waren es sechs, bei Kriegsende schon 17 Baracken. Beim Aufbau mussten die Behörden ordentlich Druck machen, weil viele Fuhrleute in Grafrath, Jesenwang und Emmering sich weigerten, die der Brucker Bauunternehmer Hoch mit fünf Mark pro Ladung Holz bezahlte.

Die Verwundeten wurden mit dem Zug gebracht und von den Aktiven der Brucker Sanitätskolonne mit Hilfe eines umgebauten Möbelwagens vom Bahnhof zum Lazarett transportiert. Insgesamt sollen es im Lauf des Krieges 45 Züge mit 4348 Soldaten gewesen sein. Die Transporte sorgten für großes Aufsehen, weshalb die Behörden das Bahnhofsgelände schließlich weiträumig absperrten, um Schaulustige fernzuhalten.

Begraben sind die Verstorbenen auf einem kleinen Friedhof am Bahndamm.

(Foto: Carmen Voxbrunner)

Unter den Patienten war auch Heinrich Martins aus Hagen in Westfalen. Er war der Urgroßvater der SZ-Leserin Britta Gilbert aus Bruck und kam 1916 von der Westfront in das Lazarett an der Amper. Er dürfte zu den Glücklicheren gehört haben. Auf dem Foto ist er der einzige, der keinen Verband trägt. Seine Urenkelin vermutet, dass er wegen seines Magenleidens ins Lazarett kam, außerdem war er zeitlebens schwerhörig. Das kühle Heldengrab blieb ihm jedenfalls erspart. Martins wurde fast 85 Jahre alt. Er überlebte die beiden Weltkriege, die Spanische und die Hongkong Grippe die 1968 ein bis zwei Millionen Tote weltweit forderte. Gilberts Großonkel hingegen starb mit nur 29 Jahren an der Spanischen Grippe, der vor allem junge Leute zum Opfer fielen.

Eine Auswertung des Brucker Sterbebuchs zeigt, dass im Lazarett bis Dezember vor allem Franzosen ums Leben kamen, dann überwiegen Einträge russischer Soldaten. Das hängt vermutlich damit zusammen, dass Kurt Eisner, der sozialistische bayerische Ministerpräsident, sich dafür einsetzte, dass die Franzosen bald nach Hause konnten, viele schafften es noch vor Weihnachten. Die Russen blieben, in ihrem Land herrschte bereits Bürgerkrieg. Insgesamt starben im Lazarett etwa 200 Soldaten, 110 Russen, 88 Franzosen, ein Italiener und vier Deutsche zwischen Herbst 1918 und Frühjahr 1919.

Ende Januar verringerte sich die Zahl der Toten im Lazarett deutlich. Im Mai 1919 waren dort noch 237 Kranke und Verwundete untergebracht. Der Markt Bruck versuchte, einige Baracken für wohnungslose Einheimische zu bekommen. Dafür war ein "Heeresabwicklungsamt" in München zuständig, und das gab die Einrichtung noch längst nicht auf. Das Reservelazarett wurde erst am 15. Februar 1921 aufgelöst. Die letzten deutschen Patienten wurden in Einrichtungen nach München verlegt, die Russen sollten wieder ins Lager in Puchheim gebracht werden. Zurück blieb ein kleiner Friedhof zwischen Bahndamm und der heutigen Polizeischule, auf dem 258 Tote aus dem Lazarett beerdigt liegen. Auf den verwitterten Steinplatten sind noch ihre Namen und Lebensdaten zu lesen. Die meisten starben im Dezember 1918 und Januar 1919, sie dürften demnach der Pandemie zum Opfer gefallen sein.

© SZ vom 11.07.2020

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