Von ÖDP bis Volt:Kandidaten der Kleinen

Ihre Parteien werden bei den Wahlergebnissen meist unter "Sonstige" in einen Topf geworfen - das schreckt sie nicht

Von Michael Berzl

Sie stehen ganz unten auf dem 60 Zentimeter langen Stimmzettel zur Bundestagswahl, doch auch die Direktkandidaten der unbekannteren Parteien meinen es ernst mit der Politik - zumindest fast alle.

ÖDP

Stella Sadowsky

Stella Sadowsky aus Kaufering (ÖDP).

(Foto: Privat/oh)

Wie ein quirliges Energiebündel wirkt die 35-jährige Stella Sadowsky am Telefon. Und es ist auch eine ganze Menge, was sich die ÖDP-Kandidatin aus Kaufering seit dem Abschluss ihres Philosophie-Studiums vorgenommen hat. Beim Landesbund für Vogelschutz und beim Alpenverein hat sie sich engagiert. Mit ihrem Schäferhund Amina hat sie in einer Rettungshundestaffel mitgemacht. Dazu noch Chor und als Geigerin in einem Orchester. Und nun steht sie vor neuen beruflichen Herausforderungen. Seit Juli kümmert sich Stella Sadowsky unter der Federführung der Diakonie Oberland als Trauma-Pädagogin um die psychotherapeutische Betreuung von Flüchtlingen. Bei der ÖDP ist sie seit einem Jahr. Umweltpolitik, Klimaschutz und das Gemeinwohl sind Anliegen, die sie dort gut vertreten sieht. Im Gegensatz zu den Grünen ist die ÖDP ihrer Ansicht nach unabhängiger von der Wirtschaft und von Firmenspenden. In den Bundestag zu kommen, ist nicht ihr Bestreben, sondern möglichst viele Zweitstimmen für ihre Partei zu bekommen.

Die Partei

Christoph Raab

Christoph Raab aus Kinsau (Die Partei).

(Foto: Felix Baab Photography)

Braunes Hemd, rote Armbinde mit schwarzer Breze auf weißem Kreis, Seitenscheitel und ein Klecks Bierschaum auf der Oberlippe, der an ein Hitlerbärtchen erinnert, dazu der Slogan "Kanzler der Herzen": So posiert der Kandidat Christoph Raab aus Kiensau auf einem Plakat, das er im Internet veröffentlicht hat. Es ist der sarkastische Humor in der Tradition der Satirezeitschrift "Titanic", die auch in der Partei "Die Partei" virulent ist. Allerdings macht der 43-Jährige aus Berlin, der dort nach seinem Regie-Studium unter anderem als persönlicher Assistent von Schauspieler Ben Becker tätig war, auch ernsthaft Politik. Er war Gemeinderat und sitzt nun als einziger Vertreter seiner Partei im Landsberger Kreistag. "Macht mir Spaß", sagt er. Man müsse auch nicht allem mit Satire begegnen, meist habe er den Vorlagen zugestimmt. Als eines seiner Hauptziele sieht er es, "Transparenz zwischen dem Wähler und der Politik zu schaffen". In einem Facebook-Beitrag hat er angeprangert, dass Landrat Thomas Eichinger vier Stellvertreter hat. Raab sieht dies als Geldverschwendung an. Der gelernte Zahntechniker arbeitet in einer Brillen-Manufaktur in Kinsau.

V-Partei³

Von ÖDP bis Volt: Cornelia Fiegel aus Germering (V-Partei).

Cornelia Fiegel aus Germering (V-Partei).

(Foto: Dennis Williamson)

Die 25-jährige Studentin Cornelia Fiegel engagiert sich für Tierrechte und Klimaschutz und war auch öfter bei den Fridays-for-Future-Demonstrationen. Die große Politik fängt bei der jungen Frau aus Germering im Privaten an, denn mittlerweile ernährt sich ihre ganze Familie vegan, nicht zuletzt durch ihre Überzeugungsarbeit. Zur Familie gehört auch der Hund Pontus, ein Dackel-Malteser-Mischling, der ihr deutlich mache, dass auch Tiere einen Charakter und ein Wesen hätten. Die Jungpolitikerin will nach ihrem Studium der Biotechnologie in Weihenstephan gerne in der tierversuchsfreien Forschung arbeiten. Bei den bekannten Parteien sieht Fiegel ihre Anliegen nicht ausreichend vertreten, darum hat sie sich vor drei Jahren der V-Partei³ zugewandt. Zu deren Zielen zählen Klimaschutz, ethischer und umweltverträglicher Welthandel, Abrüstung, bedingungsloses Grundeinkommen, kostenloser Nahverkehr und gesunde, vegane Ernährung in öffentlichen Einrichtungen.

Die Basis

Manfred Heinlein

Manfred Heinlein aus Dießen (Die Basis).

(Foto: Sabine Jakobs)

Bei der Kommunalwahl hat Manfred Heinlein aus Dießen noch bei den Grünen kandidiert, und er hat sich bei Greenpeace engagiert. Doch mittlerweile hat sich der 69-Jährige von der Partei abgewandt. "Das ist untragbar, was die von sich geben", sagt der Direktkandidat der Partei "Die Basis". Damit sind vor allem Äußerungen zur Corona-Politik gemeint. Denn das ist ein zentrales Thema für die Partei, der eine Nähe zur "Querdenker"-Szene nachgesagt wird und der sich der Dießener nun zugehörig fühlt. Wobei er darauf seine Ansichten nicht reduzieren lassen will. Naturschutz, die Bewahrung der Schöpfung, demokratischer Umgang miteinander seien ihm wichtig, betont Heinlein. Der Vater von drei Töchtern lebt seit 15 Jahren in Dießen. Obwohl im Rentenalter, arbeitet der Diplom-Ingenieur und Architekt weiterhin selbständig als Sachverständiger für Gebäudeschäden, ist Mitarbeiter bei einer juristischen Fachzeitschrift. Bei einer "Querdenker"-Demonstration auf der Theresienwiese hat er den ehemaligen Fernsehpfarrer Jürgen Fliege aus Feldafing kennengelernt, den wohl prominentesten Fürsprecher der "Basis". Er habe ihn sehr schätzengelernt, sagt Heinlein.

Volt

Volt Direktkandidat Wahlkreis Starnberg-Germering (224)

Jochen Nibbe aus Herrsching (Volt).

(Foto: Volt/oh)

Bisher ist der Kandidat der paneuropäischen Volt-Partei, Jochen Nibbe, vor allem als Wirt des Strandkiosks "Bootshaus" mit Minigolfplatz in Herrsching bekannt. Vor fünf Jahren hatte der gelernte Verlagskaufmann seinen Beruf aufgegeben und ist Gastwirt geworden. Für den 60-jährigen Gastronomen ist der öffentliche Nahverkehr ein besonders wichtiges Thema. Dabei sieht er auch den Bund in der Pflicht, denn er meint: "Es kann nicht sein, dass klamme Kommunen und Landkreise finanziell zu hundert Prozent für diese gesamtgesellschaftliche Aufgabe bluten müssen." Verbindungen über Landkreisgrenzen hinweg müssten seiner Ansicht nach leichter und einfacher zu gestalten und zu finanzieren sein. Der Expressbus zwischen Großhadern und Weßling ist da für ihn ein Positivbeispiel. "Die Probleme, die ein Azubi aus Dießen hat, eine Ausbildungsstelle in Andechs zu erreichen, schreckt zum Nachteil der Betriebe und der Azubis ab." Er ist Vater einer 19-jährigen Tochter. Bei Volt engagiert er sich seit gut zwei Jahren und ist Gründer der Ammersee-Gruppe. In der Partei, die es in vielen Ländern gibt, spielt der paneuropäische Gedanke eine große Rolle. Bei Volt arbeiten Menschen von der Slowakei bis nach Portugal quer über den Kontinent zusammen.

© SZ vom 22.09.2021
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