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Vom Einkauf bis zur Betreuung:Solidarität in Zeiten der Corona-Krise

Monika Graf

"Corona-Nachbarschaftshilfe Fürstenfeldbruck" heißt die Facebook-Gruppe, die Monika Graf gegründet hat.

(Foto: Privat)

Die Fürstenfeldbruckerin Monika Graf startet eine Online-Hilfsaktion für ältere Mitbürger

Von Marija Barišić, Fürstenfeldbruck

"Es wäre schön, jeden, der helfen möchte, und jeden, der Hilfe braucht, sinnvoll zusammenzubringen." Diesen Gedanken hat Monika Graf, 43 Jahre alt, freiberufliche Regisseurin aus Fürstenfeldbruck, als sie zu Hause sitzt und beschließt, selbst etwas gegen die anhaltende Corona-Krise zu tun, über die rund um die Uhr fast immer nur in pessimistischen Tönen berichtet wird. 22.30 Uhr ist es gerade, die Pressemitteilung über die Schließung aller Schulen und Kindertagesstätten in Bayern wurde soeben veröffentlicht, die 43-Jährige erstellt spontan eine Gruppe auf Facebook und gibt ihr den Namen "Corona-Nachbarschaftshilfe Fürstenfeldbruck." "Egal ob selbst infiziert oder in Quarantäne", schreibt sie, "jeder", wohnhaft in Fürstenfeldbruck, könne ab sofort in der neugegründeten Gruppe um Unterstützung im Alltag bitten oder aber seine Hilfe anbieten, etwa wenn es darum gehe, Einkäufe zu erledigen, Kinder und pflegebedürftige Familienangehörige zu betreuen oder einfach mit dem Hund Gassi zu gehen.

Alles, was es dafür braucht, ist ein Posting mit dem Angebot zu helfen, oder aber mit einer Bitte um Hilfe. Wer Lust und Zeit hat und im besten Fall in der Nähe eines Bittstellers wohnt, kann sofort unter dem jeweiligen Gesuch antworten "und so trifft hoffentlich das Angebot auf die Nachfrage und umgekehrt", sagt Graf. Dabei gehe es nicht nur um die Ärzte und Krankenschwestern, "die im Moment aufgrund des Corona Virus teilweise drei Schichten hintereinander schieben müssen und keine Zeit für Einkäufe oder Kinderbetreuung haben", sagt die 43-Jährige, sondern vor allem um all jene Personen in der Stadt, die aufgrund ihres hohen Alters zur Risikogruppe gehören und das Haus lieber nicht verlassen sollten. Auch Eltern, die vorerkrankte Kinder pflegen und diese durch einen Einkauf gefährden würden, können nach hilfsbereiten Nachbarn suchen.

"Eine Plattform für schnelle und unbürokratische nachbarschaftliche Hilfe", heißt es in der Gruppenbeschreibung, die nach nicht einmal einem Tag schon 355 Mitglieder zählte und seit der Gründung "nicht stillsteht", wie Graf erzählt. Die Postings, die man hier findet, beweisen, dass Krisen eben nicht nur Krisen sind, sondern auch Zeiten, in denen Menschen zusammenrücken: "Kann Einkäufe erledigen. Wohne im Norden nähe Fristo-Getränkemarkt." Oder: "Mein Mann und ich sind gerne bereit, bei Bedarf einkaufen zu gehen, Rezepte bei der Apotheke einzulösen etc." Und: "Ich kann die nächsten fünf Wochen gerne bei Einkäufen helfen."

Auch Astrid Hoffmann, 53 Jahre alt, ist der Gruppe sofort beigetreten, "um", wie sie selbst sagt, "zu helfen oder für den Fall, dass ich selbst krank werde und Hilfe brauche". Die 53-Jährige glaubt, dass es manchmal leichter ist, fremde Menschen nach Hilfe zu fragen, als jene, die einem nahestehen, "zumindest" gehe es ihr oft so. Die Facebook-Gruppe findet sie aber nicht nur deswegen gut. Auch für ihre Mutter, die 73 Jahre alt ist und alleine in München lebt, würde Hoffmann sich eine ähnliche Nachbarschaftsaktion wünschen: "Sie hat nicht so eine gute Hausgemeinschaft und ich bin sicher, sie wäre genau auf solche Angebote angewiesen", sagt Hoffmann. Besonders wichtig sei es auch, an all jene Menschen zu denken, die, so wie sie selbst, im öffentlichen Dienst arbeiten und somit einer Ansteckung nicht so leicht aus dem Weg gehen könnten wie "normale Menschen". Krankenhäuser, Rettungsdienste und die Polizei könnten schließlich nicht "einfach zumachen" wie etwa Schulen oder Büros.

Tatsächlich hat mittlerweile auch die Personalabteilung des Klinikums Fürstenfeldbruck die Gruppe für sich entdeckt und die Mitglieder in einem Posting darum gebeten, sich für die Kinderbetreuung des Krankenhauspersonals zu melden. Dafür reicht es, eine Mail an Yvonne Wimmert, Mitarbeiterin der Personalabteilung, zu senden, mit Angaben zu Verfügbarkeit, Adresse und Telefonnummer des jeweiligen freiwilligen Helfers. Im nächsten Schritt werde die Abteilung "alle Daten sammeln und dann den Kontakt herstellen", heißt es in dem Posting.

Trotz aller positiver Rückmeldungen macht sich die Gruppen-Gründerin Graf jedoch Sorgen, dass gerade jene Menschen nicht erreicht werden, die die Hilfe am dringendsten bräuchten. Graf denkt dabei vor allem an ältere Personen, die keinen Internetzugang haben oder gar kein Facebook-Profil: "Deswegen haben wir alle ambulanten Pflegedienste angerufen und über unsere Gruppe informiert, aber auch Hausärzte und das Gesundheitsamt." Fast alle der kontaktierten Personen und Institutionen sind von der Idee begeistert und hätten Graf versichert, dass sie die Senioren über ihre Online-Hilfsaktion informieren und bei Bedarf auch Postings für diese verfassen würden. Besonders wichtig ist Graf, dass "die Senioren sich auch wirklich trauen sich zu melden. Dass denen das nicht unangenehm ist. Wir befinden uns in einer Ausnahmesituation und jedem, dem wir helfen können, helfen wir gerne", betont Graf und fügt dann noch schnell hinzu: "Die Helfer stehen in den Startlöchern und scharren schon mit den Hufen."

Erreichbar ist das Hilfsangebot telefonisch unter 08141/ 315 80 40

© SZ vom 16.03.2020
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