Bisweilen kommt der Tod ohne Ankündigung. In diesem Fall gleich achtzigfach. So viele Vögel wurden am Montag auf dem Gnadenhof auf Gut Streiflach bei Germering getötet. Wegen der Geflügelpest. Das hat die Betreiber und Mitarbeiter der Tierschutzeinrichtung schwer mitgenommen. Derzeit darf der Gnadenhof keine Neuzugänge aufnehmen.
„Es ist ein kleines Erdbeben“, sagt Arpád von Gaál, Vorsitzender des Betreibervereins Gewerkschaft für Tiere: „Da wurden gesunde Tiere aus dem Leben gerissen.“ Er kritisiert damit nicht die Maßnahme. Es ist eher ein Satz, der beschreibt, was auf dem Hof passiert ist in diesen Tagen. Bei drei auf dem Gnadenhof befindlichen Gänsen und fünf Hühnern wurde das hochpathogene aviäre Influenza-Virus nachgewiesen. Die Behörden entschieden daraufhin, 46 Hühner, 30 Enten, zwei Gänse und zwei Nandus aus dem Umfeld zu töten, um eine weitere Ausbreitung der Infektion zu verhindern. 80 von etwa 500 Tieren verschiedener Spezies, die auf dem Gnadenhof ein Zuhause haben, auch Hunde, Katzen, Pferde, Kühe.

Angebot der SZ:Wählen Sie den Whatsapp-Kanal für Ihren Landkreis
Die Süddeutsche Zeitung bietet Whatsapp-Kanäle für alle Landkreise rund um München an. Das Angebot ist kostenlos. So abonnieren Sie die Kanäle.
Vorigen Freitag habe das zuständige Veterinäramt Fürstenfeldbruck mitgeteilt, dass an diesem Montag der Geflügelbestand getötet werden müsse, erinnert sich Sissy Bletschacher, die Leiterin des Gnadenhofs, die bereits seit dreißig Jahren für die Gewerkschaft für Tiere im Einsatz ist. Es ist ein Schock für alle Beteiligten. „Unsere Tierpfleger haben eine ganz besondere Beziehung zu den Tieren“, weiß van Gaál: „Sie identifizieren sich mit jedem Tier.“ Manche der Tiere haben auch Namen. 14 angestellte Mitarbeiter gibt es auf dem Gnadenhof, rund um die Uhr ist jemand da. Es gibt viele Tränen bei den Beschäftigten, als die Folgen der Geflügelpest greifbar werden.
Erst vor einem Jahr hatte der Gnadenhof 22 Enten aus schlechter Haltung aufgenommen und auf seinem Areal untergebracht. Nun mussten sie alle getötet werden. Auch einer der beiden Nandus, die dort lebten, war seinerzeit beschlagnahmt worden, bevor er auf den Gnadenhof kam. Er gehörte zuvor zu einem Zirkus. Der andere Nandu war ein Fundtier.
„Es ist schon leer hier“, versucht Sissy Bletschacher am Dienstag in Worte zu fassen, was eigentlich nicht in Worte zu fassen ist. Der Gnadenhof nimmt seit drei Jahrzehnten Nutz- und Wildtiere in Not auf. Tiere, die ausgemustert, vernachlässigt, gequält oder von den Veterinärbehörden beschlagnahmt wurden. Tiere, die zumeist kein gutes Leben hatten. Auf dem idyllisch gelegenen, zehn Hektar großen Areal südöstlich von Germering, erreichbar über eine lange Schotterpiste zwischen Wiesen und Feldern, sollen sie eine bessere Zeit haben, ein ruhiges, artgerechtes Leben führen können. Vermittlungen von Tieren sind nur in seltenen Fällen vorgesehen. Der Gnadenhof ist nicht für die Öffentlichkeit zugänglich, einmal im Jahr zeigt man sich bei einem „Tag der offenen Tür“.
Ausgerechnet dort musste jetzt der ganze Bestand an Hühnern, Enten, Gänsen und die beiden Nandus gekeult werden, wie das Töten von Tieren in der Fachsprache heißt, wenn es zum Ziel hat, die Ausbreitung einer Tierseuche zu verhindern oder einzudämmen. Eine solche ist die Geflügelpest, die umgangssprachlich unter dem harmloser klingenden Begriff Vogelgrippe bekannt ist.
Vergangene Woche waren auf dem Gnadenhof 13 Hühner und vier Gänse verendet. Man meldete den Fund umgehend an das zuständige Veterinäramt Fürstenfeldbruck. Das Bayerische Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit (LGL) stellte bei den entnommenen Proben fest, dass die Tiere vom Influenza-A-Virus befallen waren, das in solchen Fällen einzuschaltende Friedrich-Loeffler-Institut (FLI), das seinen Sitz auf der Insel Riems bei Greifswald in Mecklenburg-Vorpommern hat, bestätigte den Befund.
Zu der Zeit sprach das FLI von einem „dramatischen Anstieg von Geflügelpestausbrüchen“ in Deutschland. Eine Entspannung der Lage sei bislang nicht in Sicht, heißt es in einem Lagebericht. Das Risiko für alle Wildvögel und für Nutzgeflügel sei hoch. Bei Wildvögeln, so das FLI, bestehe zudem kaum eine Möglichkeit, die Ausbreitung und das damit verbundene Leid der Tiere zu verhindern. Von diesen waren bislang vor allem Kraniche und Wildgänse betroffen.

Auch am Gnadenhof auf Gut Streiflach „liegt die Antwort in der Luft“, sagt Arpád von Gaál und meint das im Wortsinne. Auf dem großen Areal gibt es zwar Innen- und Außenvolieren sowie Freigehege, aber auch einen großen Teich, und immer wieder würden auch „Zugvögel landen, die auf dem Durchzug sind“. Van Gaal ist sich „sicher, dass das die Ursache ist“.
Gerettet werden konnten indes 74 weitere Vögel, die bereits vor der Feststellung der Seuche in getrennten Einheiten und weit genug von den betroffenen Vögeln entfernt untergebracht waren. Darunter sind Papageien und Sittiche, ein Falklandkarakara sowie zwei Emus. Sie befinden sich laut Bletschacher nun alle in Innenvolieren, obwohl auch die Außenvolieren überdacht sind.
In diesem Fall und weil die Tiere „einen gerechtfertigten hohen genetischen, kulturellen oder pädagogischen Wert haben“, wie das Veterinäramt auf Anfrage mitteilt, könnten von der grundsätzlichen Verpflichtung zur Tötung des gesamten Bestandes Ausnahmen gemacht werden. Deswegen wurde auch keine Sperrzone rund um den Betrieb eingerichtet. Bletschacher lobt das durchaus empathische Vorgehen der Fürstenfeldbrucker Behörde. Umgehend waren auch Vertreter eines Kriseninterventionsteams zur Stelle.
Noch ist man auf dem Gnadenhof täglich in Kontakt mit dem Veterinäramt. Schon in den vergangenen Tagen war es notwendig, verstärkte Hygienemaßnahmen einzuhalten. Betriebsfremde Personen dürfen den Gnadenhof derzeit nicht betreten. Die Mitarbeiter dürfen die Stallungen derzeit nur mit Schutzkleidung, die ausschließlich in diesem Bereich Verwendung findet, oder mit Einmalschutzkleidung aufsuchen. Auch für Hände, Schuhe und Geräte gelten spezielle Reinigungs- und Desinfektionsvorschriften. Es ist dies auch ein finanzieller Aufwand für den gemeinnützigen Verein, der sich ausschließlich aus Spenden trägt.

