Die Attraktivität von Städten hängt auch von deren Identität stiftenden Bauwerken und Orten ab. So hat Hamburg zweifellos mit der Elbphilharmonie ein neues Wahrzeichen bekommen, auf das die Hanseaten zurecht stolz sind. Solche Leuchttürme der Kultur verändern das Bild einer Stadt und deren Wahrnehmung. Geht man der Frage nach, welche Wirkung das Kultur- und Veranstaltungsforum Fürstenfeld in den Wirtschaftsgebäuden des ehemaligen Zisterzienserklosters in den 24 Jahren seit der Inbetriebnahme entfaltete und wie es Fürstenfeldbruck und dessen Bewohner prägt, kommt man zu einem ähnlichen Ergebnis.
Immerhin schaffte es die Kreisstadt, die ihren Gästen vorher nichts Außergewöhnliches zu bieten hatte, mit dem Großprojekt, einen Ort der Erholung, Freizeitgestaltung sowie für Messen und Tagungen zu etablieren. Das attraktive Angebot ist so vielseitig, dass seit Beginn jährlich etwa 250 000 bis 300 000 Besucher ein Ticket für eine der Veranstaltungen lösen, was die überregionale Bedeutung des Kulturzentrums belegt. Die tatsächliche Zahl der Gäste liegt jedoch weit darüber. Schließlich sieht das Konzept ausdrücklich auch Großveranstaltungen, Konzerte und Darbietungen vor, die ebenso wie das Gelände ohne den Kauf einer Eintrittskarte zugänglich sind.
Das in das Landschafts- und Naturschutzgebiet der Amperauen eingebettete Areal entwickelte sich zu dem, was der Soziologe Ray Oldenburg als „drittes Zuhause“ bezeichnet. Solche Orte eröffnen Menschen neben dem eigenen Heim und dem Arbeitsplatz die Möglichkeit, an einem Lieblingsort in ihrem Lebensumfeld Freizeit zu verbringen, zu feiern, sich inspirieren zu lassen, das Leben zu genießen.
Die anfänglichen Rufe von Fürstenfeld-Kritikern, die dieses Potenzial verkannten und forderten, die Klosterökonomie abzureißen, statt Millionen für ein überdimensioniertes „Prestigeobjekt“ in den Sand zu setzen, verstummten mit der Zeit. Dass sich die Befürchtung, das Vorhaben treibe die Stadt in den Ruin, als falsch erwies, lag am Fürstenfeldchef und Kulturmanager Norbert Leinweber. Dieser meisterte den Spagat zwischen einem Wirtschafts- und einem Kulturbetrieb.

Die Vermietung diverser großer und kleiner Säle, Veranstaltungs- und Tagungsräume mit Flächen von annähernd 4500 Quadratmetern für Messen, Kongresse und Tagungen an Firmen, Organisationen oder andere Veranstalter spielt pro Jahr etwa 2,3 Millionen Euro ein. Geld, mit dem Leinweber den Kulturbetrieb subventioniert, unter anderem mit sechs anspruchsvollen Abonnementreihen für Kammermusik, Theater, Literatur, Jazz oder alte Musik. So genügt eine Messe, um das Defizit des Gastspiels eines Ensembles des Wiener Burgtheaters auszugleichen.
Eine Stadt mit einem solchen Identifikationsort steigt in eine andere Liga auf. Sie gewinnt für die Bewohner an Lebensqualität sowie als Wirtschaftsstandort an Attraktivität. So hatte die 2024 von der Rüstungsfirma Hensoldt aufgekaufte Firma ESG ihren Umzug nach Fürstenfeldbruck im Jahr 2007 mit der Strahlkraft von Fürstenfeld begründet. Nur die Gewerbesteuer dieser Firma mit etwa 1400 Mitarbeitenden, die die Bundeswehr mit Software ausstattet, reicht aus, um das vom Stadtrat auf 1,5 Millionen begrenzte jährliche Defizit des Kulturzentrums auszugleichen.


Eine typische Fürstenfelder Lösung ist, dass die Betreiberfamilie der Gastronomie den Ausbau des ehemaligen Kuhstalls zu einem Lokal finanzierte, eigene Seminarräume und ein Tagungshotel auf eigene Kosten baute und das abgerissene Gutsverwalterhaus durch einen Neubau ersetzte. Durch diese Kooperation reduzierten sich die Investitionskosten der Stadt um etwa ein Drittel auf „nur“ 20 Millionen Euro.
Das Besondere an dem wiederhergestellten barocken Gesamtkunstwerk mit einem Dreiklang von Architektur, Grünanlagen und Flusslandschaft ist nicht nur die schiere Größe, die ihm die Bezeichnung bayerischer Escorial einbrachte. Dazu kommt das, was die Dritte Bürgermeisterin und Kulturreferentin Birgitta Klemenz als „Spiritualität der Klosteranlage“ bezeichnet. Diese spreche und ziehe die Menschen an, auch wenn sie sich dessen nicht bewusst seien, und trage dazu bei, dass es einem hier gut gehe.


Fürstenfeldbruck ist eine junge Stadt. Das Stadtrecht wurde dem Markt 1935 verliehen. In einer solchen jungen Stadt dauert es, bis sich eine alteingesessene, selbstbewusste Stadtgesellschaft entwickelt. Diesen Prozess beschleunigt ein Identifikations- und Begegnungsort wie Fürstenfeld, auch weil er Anerkennung und Wertschätzung von außen bringt und damit den Bürgerstolz befördert. Schätzen andere das, was man hat, wächst auch das Interesse der Einheimischen an ihrem kulturellen Erbe.
So erkannten Kulturschaffende früh den Wert der dem Klosterkomplex vorgelagerten, 1979 mit Freiflächen von 220 000 Quadratmetern von der Stadt erworbenen Ökonomiegebäude. Während der Stadtrat zwei Jahrzehnte lang über Konzepte zur Nutzung der teilweise dem Verfall preisgegebenen Scheunen, von denen die größte annähernd 100 Meter lang ist, der Kuh- und Pferdeställe, der ehemalige Klosterbrauerei, Mühle, Schmiede und anderer Gebäude stritt, improvisierten sie mit Ausstellungen, Lesungen und Veranstaltungen einen Graswurzel-Kulturbetrieb.

SZ Good News:Gute Nachrichten aus München – jetzt auf Whatsapp abonnieren
Mehr positive Neuigkeiten im Alltag: Die Süddeutsche Zeitung verbreitet jeden Tag auf Whatsapp ausschließlich schöne und heitere Nachrichten aus München und der Region. So können Sie ihn abonnieren.
Das sich aus diesen Aktivitäten entwickelnde bürgerschaftliche Engagement blieb ein Standbein des späteren Kulturzentrums. Auf dieser Linie liegt, dass ein Verein erfolgreich die Rekonstruktion des durch Einbauten brutal zerstückelten Churfürstensaals sowie die Freilegung der teilweise zerstörten Asamfresken durchsetzte. Obwohl der barocke Prunksaal in dem von der bayerischen Beamtenfachhochschule der Polizei genutzten Mönchstrakt liegt, sammelte die Bürgerschaft für ihr Vorhaben mehr als zwei Millionen Euro und warb bei einer Stiftung einen noch größeren Betrag ein.
Die Kulturwerkstatt „Haus 10“, das städtische Museum in der ehemaligen Brauerei, die Künstlerwerkstatt in der Schmiede, das als Galerie genutzte Kunsthaus in der ehemaligen Mühle, die Theaterräume des Laienensembles der Neuen Bühne Bruck, Übungsräume für Musiker oder der Skulpturenpfad zwischen Kloster und Stadt: Vieles von dem, was inzwischen für Fürstenfeld steht, entstand, weil Bürger die Initiative ergriffen und nach wie vor Geld und ihre Arbeitskraft einbringen. Und weil sie den Freiraum bekamen, ihre Ideen umzusetzen.

