Gottfried Grimm Austritt nach 50 Jahren CSU

Stillstand im Fürstenfeldbrucker Stadtrat, "unerträglicher Opportunismus" von Horst Seehofer: Gottfried Grimm, früherer Landrat und Stadtrat, war so unzufrieden mit seiner Partei, dass er aus der CSU ausgetreten ist.

(Foto: Carmen Voxbrunner)

Altlandrat Gottfried Grimm hat sein Parteibuch abgegeben. Er begründet das mit Seehofers Opportunismus und mit der Führungsschwäche des Fürstenfeldbrucker Ortsverbands.

Von Gerhard Eisenkolb, Fürstenfeldbruck

Es gibt Dinge, die gehören untrennbar zusammen. Und sei es nur, weil man es so gewohnt ist. Bei Altlandrat Gottfried Grimm, der 18 Jahre lang an der Spitze des Landratsamtes stand und danach sechs Jahre lang im Stadtrat von Fürstenfeldbruck saß, ist das seine CSU-Mitgliedschaft. Grimm und die Partei bildeten eine Einheit. Schließlich war Grimm für Jahrzehnte und selbst noch nach seiner Wahlniederlage 1990 gegen Rosemarie Grützner (SPD) einer der führenden, wenn auch oft unbequemen Köpfe und Impulsgeber der Partei im Landkreis. Damit ist nun Schluss. Genau auf den Tag 50 Jahre nach seinem Eintritt hat der ehemalige Berufspolitiker und CSU-Repräsentant seinen Austritt erklärt und darauf verzichtet, für seine Treue eine Ehrenurkunde entgegenzunehmen.

Gerne redet der ehemalige Landkreischef nicht über diesen persönlichen Schritt, der bereits im Juni 2017 erfolgte. Ihm wäre es lieber gewesen, er hätte den Zeitpunkt der Bekanntgabe selbst wählen könne. Auch die Partei machte aus dem Verlust ihrer Führungsperson aus guten Gründen kein Aufhebens. Auf Anfrage begründet Grimm nun seine Abkehr mit dem Vertrauens- und Glaubwürdigkeitsverlust, den die CSU seiner Ansicht nach auf zwei Ebenen zu verantworten habe. Das sei unvereinbar mit seinem Gerechtigkeitsgefühl und Verständnis von Politik.

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Ausschlaggebend für Grimm waren zum einen die für ihn erschreckenden Zustände im CSU-Ortsverband Fürstenfeldbruck mit einem Mangel überzeugender Führungskräfte und dem daraus resultierenden Stillstand im Stadtrat. Zum anderen verweist der CSU-Kritiker auf den für ihn unerträglichen Opportunismus des ehemaligen Ministerpräsidenten und Parteivorsitzenden Horst Seehofer. Der habe in der Asylfrage 2017 nur aus wahltaktischen Gründen im Bundestagswahlkampf seine kritische Haltung gegenüber der Bundeskanzlerin Angela Merkel aufgegeben. "Erst harte Kritik, dann plötzlich unehrliche Umarmung", das sei nicht nur unehrlich gewesen, sondern habe auf ihn abstoßend gewirkt, sagt er. Seehofer habe dem Machterhalt Vorrang vor seiner Überzeugung und einem Grundzug seiner bisherigen Politik gegeben.

"In einer Partei, in der so etwas geschieht, will ich nicht sein", erklärt der Fürstenfeldbrucker. Er bleibe in keiner Gruppierung, deren Vorsitzendem er nicht mehr glauben kann. Wer nun annimmt, der Altlandrat stehe in der Flüchtlingsfrage auf der Seite des Hardliners Seehofer, täuscht sich. Der 82-Jährige kann nicht aus seiner Haut, und dazu gehört nun mal seine Passion für Politik. So verfolgt er immer noch das Geschehen auf Bundes-, Landes- und kommunalen Ebene aufmerksam und weiß wohlüberlegt zu differenzieren. Zwischen den extremen Polen Seehofer und Merkel nimmt Grimm so etwas wie eine Mittelposition ein.

So fand es das ehemalige CSU-Mitglied in Ordnung, dass die Kanzlerin 2015 die Grenze für Kriegsflüchtlinge öffnete. Er begründet seine Zustimmung mit der Verpflichtung, Menschen zu helfen, die in einer Notsituation Unterschlupf suchten. Nur hätte Merkel das als das bezeichnen müssen, was es damals war: nämlich als Ausnahme in einer Ausnahmesituation. Und er gibt Merkel mit einer Einschränkung recht, als sie sagte "Wir schaffen das". Denn die damals an der Grenze festsitzenden 60 000 Asylsuchenden hätten von 80 Millionen Deutschen aufgenommen werden können. Und Merkel hätte Grimm zufolge deutlicher sagen müssen, dass ihre Entscheidung lediglich der Ausnahmesituation geschuldet war, aber dazu habe sie auf der Woge der Welcome-Bilderflut und der Welcome-Stimmung in Deutschland nicht den Mut gehabt. "Die Kanzlerin hätte nur sagen müssen, wir schaffen das in Europa, und schon hätte sie sich nicht so exponiert."

Grimm engagierte sich nach der Öffnung der Grenzen selbst als Asylhelfer. Er sieht einerseits Merkels Fehler, bekundet andererseits aber auch Verständnis für ihr konsequentes Verhalten, über das sie letztlich noch stolpern werde.

Der CSU-Kreisvorsitzende und Landrat Thomas Karmasin erinnert sich daran, dass sein Vorvorgänger ihm seinen Parteiaustritt schriftlich mitteilte. Auslöser sei jedoch kein weltpolitischer Ärger gewesen, sondern vor allem die Art und Weise, wie sich der Fürstenfeldbrucker CSU-Ortsverband präsentiere und Politik betreibe. "Es schmerzt, wenn jemand die Partei verlässt, der so renommiert ist wie Gottfried Grimm", sagt der CSU-Kreisvorsitzende. Im Unterschied zu Karmasin übernahm Grimm keine Parteiämter. Das passte nicht zu seinem Amtsverständnis als Landrat.

"Es ist bedauerlich, kluge Köpfe zu verlieren." So kommentiert der Fürstenfeldbrucker Ortsvorsitzende Andreas Lohde Grimms Abkehr von der CSU. Um dann darauf zu verweisen, dass sich zwar die Politik verändere, sich aber manche Menschen nicht veränderten. Schließlich könne man nicht mehr Politik betreiben wie vor 20 oder 30 Jahren. Deshalb hält es Lohde im Fall des 82-jährigen Grimm für richtig auszutreten, wenn die Schnittmenge mit der eigenen Partei nicht mehr stimme. Einen solchen Mitgliederverlust hält der Brucker CSU-Chef übrigens für normal.

Er verweist darauf, dass sein Ortsverband im Bundestagswahlkampf wegen umstrittener bundes- und landespolitischer Köpfe und wegen der Hängepartie zwischen Seehofer und seinem internen Widersacher Markus Söder einige Mitglieder verloren habe.

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