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Türkenfeld:Moderne Ritter zu Wasser

Beim siebten Türkenfelder Fischerstechen versuchen 16 Mannschaften, dass ihr Auserwählter nicht vom Podest gestoßen wird. Dabei ist ein Bad im Dorfweiher an diesem heißen Tag eigentlich ganz angenehm

Von Heike A. Batzer, Türkenfeld

Wer ins Wasser fiel, war im Vorteil am Sonntagnachmittag. Einerseits. Weil bei Außentemperaturen von mehr als 30 Grad Wasser jeglicher Art Kühlung versprach. Wer ins Wasser fiel, war aber auch im Nachteil. Weil er dann der Verlierer war beim Fischerstechen in Türkenfeld. Und deshalb war die Sache durchaus zweischneidig für jene, die in den Booten auf dem Türkenfelder Dorfweiher auf dem Podest standen und versuchen sollten, ihr Gegenüber im anderen Holzkahn mittels einer langen, stumpfen Lanze von eben jenem Podest zu stoßen. Nur die Feuerwehr Geltendorf verfügte am Ende über einen Stecher - wie man den Hauptdarsteller des sportlich-traditionellen Wettbewerbs nennt -, der überhaupt nie von seinem Thron gestoßen wurde. Weil es alle anderen irgendwann erwischte, gingen die Feuerwehrmänner aus Geltendorf schließlich nach einem Finalsieg über die Gastgeber der Feuerwehr Türkenfeld als Sieger des siebten Fischerstechens hervor.

Alle vier Jahre treiben sie in Türkenfeld Ende August großen Aufwand, um einen alten Fischerbrauch aufleben zu lassen, bei dem sich zwei Mannschaften auf Ruderbooten begegnen und versuchen, einen von ihnen ins Wasser zu bugsieren. 16 Teams sind angemeldet, sie starten unter ihren Vereinsnamen oder erfinden welche wie jener Türkenfelder Freundeskreis, der sich "Africa Disco" nennt und vor allem viel davon versteht, wie man sich bei einem solchen Event richtig inszeniert. Mit auffälligem Outfit, zum Beispiel: mit Trikots in grün-gelb, mit Namen und Nummern auf dem Rücken und engen, giftgrünen Badekappen auf dem Kopf. Das macht was her, wenn sie in ihrem Boot sitzen. Der Steuermann feuert sie mit "Pull-pull"-Rufen an, auf dass sie nun kräftig an den Rudern ziehen mögen, um zügig die Mitte des Weihers zu erreichen. Dort kommt es dann zum Showdown mit dem Boot des Gegners, das am anderen Ufer abgelegt hat.

Und es hat platsch gemacht: Wenn einer über Bord geht beim Fischerstechen in Türkenfeld, freuen sich die Konkurrenten.

(Foto: Carmen Voxbrunner)

"Africa Disco" hält sich gut, Mark Neubauer, der den Stecher gibt, hat die ersten zwei Kontrahenten gleich in die Schranken respektive ins Wasser verwiesen. In der nächsten Runde - gegen die späteren Sieger aus Geltendorf - muss er selbst abtauchen. Doch die Gruppe hat Glück, weil in diesem Jahr ein neuer Modus gilt und eine zweite Chance ermöglicht. Man habe sich dazu entschlossen, weil in der Vergangenheit so manches Team zwar eine Woche lang geübt habe, dann aber nach nur einem Versuch ausgeschieden sei, erzählt Helmut Thalmayr, der dem Vorstand der Feuerwehr angehört und die Veranstaltung als Sprecher begleitet.

Nun also eine weitere Chance, "Africa Disco" nutzt sie und stößt damit das Team des Musikvereins aus dem Wettbewerb. Die Kollegen vom Blasorchester, die auf einem von Sonnenschirmen und einem Baum beschatteten Podest am Ufer während der ganzen Tages Musik machen, intonieren zu Ausscheiden "Ich hatt' einen Kameraden", bekannt als eine zu Anlässen der Trauer gerne gespielte Weise. Für die Bootsbesatzung des Musikvereins ist das freilich nicht das Ende: Sie verstärkt nun wieder die Kapelle, freilich ohne sich in die schwere, warme Auftrittsmontur mit Kniebundlederhose, Hemd, Weste zu werfen. Die Fischerstecher-Musiker spielen ihre Instrumente fortan leger in T-Shirt und Badeshorts in Lederhosen-Optik.

Der Angriff sitzt: Wer das Gleichgewicht auf dem Podest verliert, landet umgehend im Dorfweiher.

(Foto: Carmen Voxbrunner)

Derweil fordert das Team "Africa Disco" seine Fans noch vom Boot aus zur La Ola auf. Der Anhang hat in einer Art schwimmenden Wiesn-Box Platz genommen, die sie eigens für den Event aufgebaut haben. Nun ist der Ehrgeiz entfacht bei "Africa Disco". "Pflicht erfüllt", sagt Mark Neubauer, als er in die Box zurückkommt. Was eigentlich braucht ein guter Stecher, um sich dort oben auf dem Podest halten zu können? "Gutes Standvermögen", erklärt sein Teamkollege Manuel Müller, "ein sauberes G'wicht und ein gewisses Vertrauen der Mannschaft". Nicht jeder fühlt sich dafür geeignet, manche rudern lieber. Neubauer sagt: "Ich mache es gerne."

Auch wenn am Ende für "Africa Disco" nicht mehr drin ist als Platz vier, am wichtigsten ist ohnehin die Gaudi bei diesem Dorfwettbewerb mit nachbarschaftlicher Beteiligung. Tagelang haben 90 Freiwillige der örtlichen Feuerwehr gewerkelt, damit alles klappt. An ihren hellblauen T-Shirts sind sie gut zu erkennen an diesem Nachmittag. Zwischen 2000 und 3000 Besucher, so schätzen sie, sind gekommen. Arbeit gibt es genug, auch an den Verpflegungsständen. Dort werden Bratwürste, Pommes, Bier, Radler und Alkoholfreies, an anderer Stelle Steckerlfisch sowie Obstkuchen auf großen Blechen angeboten. Die längste Schlange bildet sich beim Eisverkäufer. Abkühlung anderer Art verschaffen sich noch vor Siegerehrung und Abschlussparty die Teams. Gleich nachdem ihr Stecher das Gleichgewicht verloren hatte, nehmen auch die Ruderer der Türkenfelder Feuerwehr ein Bad. Dann gesellen sich die Sieger aus Geltendorf und andere Teams hinzu, so dass nun wirklich im Vorteil war, wer im Türkenfelder Dorfweiher schwimmen konnte.

© SZ vom 31.08.2015
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