Türkenfeld:"Mit Verschwörungsgeschwurbel wollen wir nichts zu tun haben"

Türkenfeld - Kabarett

Hans Well tritt inzwischen mit seinen Kindern Tabea, Sarah und Jonas als die "Wellbappn" auf.

(Foto: Martin Bolle/oh)

Der Musiker und Kabarettist Hans Well über die schwierige Situation der Künstler und die notwendige Abgrenzung zu Corona-Leugnern

Interview von Karl-Wilhelm Götte, Türkenfeld

Hans Well, 67, Mitglied und ehemaliger Texter der "Biermösl-Blosn", steht seit seiner Kindheit auf der Bühne. Der Türkenfelder war mit seinen Brüdern Christoph und Michael seit 1976 als "Biermösl-Blosn" bei allen wichtigen gesellschaftlichen Bewegungen (WAA-Wackersdorf, Friedensbewegung, Agrarwende) dabei, hat sich immer politisch eingemischt und die jeweilige CSU-Regierung heftig attackiert. Seit fast acht Jahren zieht er mit den "Wellbappn" durch Deutschland. Durch Corona wurde das Musiker-Quartett mit Hans Well und seinen Kindern Tabea, Sarah und Jonas massiv eingebremst.

Woran arbeiten Sie gerade?

Hans Well: Wir haben mit den "Wellbappn" vor Weihnachten wieder einmal ein Video produziert, dass auf Youtube zu sehen ist. Thema ist die Bescherung durch Wirecard und das Versagen von Bafin und Politik. "Was duat denn der Ochs im Kripperl drin? Des muaß d'Finanzaufsicht Bafin sei", beginnt das Lied. "Die Staatsanwaltschaft München 1 steht ois Esel aa dabei." Meine Tochter Tabea, die an der Hochschule Geige studiert, wurde von München aus zugespielt. Sarah singt, ebenso Jonas, der rechtzeitig aus London vom Master-Studium in Geschichte nach Hause gekommen ist und dazu zithert.

Politisch sind sie sich treu geblieben, wenn es etwa im Text heißt, dass der scheinbar ahnungslose Söder sagt, "dass er das Wirecard-Kind gar nicht kennt?"

Der Söder gewinnt wegen seiner Rolle als harter Hund bei Corona momentan viele Wählersympathien. Diese Rolle lenkt davon ab, dass außer Merkl und Scholz auch Bayern bei der Wirecard-Affäre keine gute Rolle spielt. Genauso wenig wie im Gesundheitsbereich; Stichwort: Pflegenotstand. Und bei der Digitalisierung erweist sich Bayern beim Schulunterricht keineswegs als Champions League. Da befinden wir uns auf dem Niveau irgendwo zwischen Afghanistan und Korea . . . Nord.

Sie haben sich im Kultur-Lockdown auf Online-Konzerte verlegt?

Alle Veranstaltungen 2020 haben wir wie andere Kollegen auch abgesagt. Im August waren wir auf einer Alm und haben dort eine Volksmusik-Parodie zu Coronaaufgenommen, ansonsten beim digitalen "Sang und Klang"-Festival teilgenommen. Anfang Herbst hatten wir noch zwei Publikumsreduzierte Auftritte bei Ausstellungseröffnungen.

Die unter Corona beschäftigungslosen Künstler empfinden den Verweis auf Hartz IV als Zumutung. Für über vier Millionen Menschen ist Hartz IV als Armuts- und Ausgrenzungsgesetz bittere Realität.

Künstler neigen generell zum Narzissmus. Momentan geht es ihnen aber wie anderen von Corona Betroffenen richtig schlecht. Ich fände ein vorübergehendes Grundeinkommen für von Corona Betroffene, sagen wir 1000 Euro pro Monat, in solchen Ausnahmesituationen besser als Hartz IV.

Es gab und gibt doch Künstlerhilfen?

Man munkelt, die Novemberhilfe kommt im Februar. Schön wäre, noch 2021.

Der Staat hat der Kultur ihren Stellenwert als nicht systemrelevant zugewiesen. Warum wehren sich so wenige Künstler?

Das ist beim Thema Corona schwierig. Viele Künstler wollen nicht, dass sich dann Querdenker anhängen. Anfragen von Corona-Leugnern auch hier im Landkreis haben wir abgelehnt. Mit Verschwörungsgeschwurbel wollen wir nichts zu tun haben.

Wie sehen sie die Lage für den Künstlernachwuchs?

Gerade junge unbekannte Künstler sind in einer sch... Situation. Sie waren dabei, sich etwas zu erarbeiten, sich hochzustrampeln und sind durch das Virus ausgebremst worden. Da gibt es jetzt etliche, die überlegen, was vollkommen anderes zu machen.

Sie sagen, dass Corona nicht die letzte Pandemie war?

Wenn man an den Einsatz von Reserve-Antibiotika in der Landwirtschaft, die Zunahme von multiresistenten Keimen oder den Klimawandel denkt, ahnt man nix Gutes. Leider hört die Regierung bei diesen Themen nicht auf die Wissenschaft.

Wann werden die "Wellbappn", sagen wir, wieder normal auftreten können?

Schwer zu sagen. Vielleicht im Sommer bei Open-Air-Veranstaltungen. Vielleicht können wir im Herbst unsere Tournee nach Dresden und Berlin nachholen. Alternativ planen wir ein neues Hörspiel, nachdem unser erster Versuch prämiert wurde.

© SZ vom 05.01.2021
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